02/08/2026
SS-Sonderlager „Feste Goeben" – Die Todestreppe von Metz
🇫🇷 Traduction en français en commentaire
🇬🇧 English translation in the comments
„Samstag, den 18. März 1944, es ist 6.30 Uhr, und die Klingel läutet… Mutti öffnet die Tür und gleichzeitig schreit jemand: Polizei."
- Marie-Louise Raisin, Sonderlagerhäftling Nr. 927
So beginnt für eine junge Frau der Weg in ein Fort am Stadtrand von Metz, das heute nur wie eine Befestigung aus dem 19. Jahrhundert wirkt: Erdwälle, Gräben, Kasematten. Doch unter den Backsteingewölben des Fort de Queuleu verbirgt sich eine der dunkelsten Geschichten der deutschen Besatzung Lothringens – das SS-Sonderlager „Feste Goeben", benannt nach dem preußischen General August von Göben.
Ab dem 12. Oktober 1943 richtete die Gestapo in der Kaserne II, der Kasematte A, ein Verhör- und Haftlager ein – formell unterstellt dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Lothringen, SS-General Anton Dunckern, tatsächlich geführt vom Metzer Gestapo-Chef Hans-Georg Schmidt und seinem „Lagerverwalter" Georg Hempen. Queuleu war kein gewöhnliches Sonderlager. Anders als die typischen Barackenlager wie Bergen-Belsen oder Hinzert lag der Schrecken hier tief unter der Erde, in den Gewölben einer echten Festung.
Wer hierhergebracht wurde, erlebte zuerst die „Todestreppe" – 22 extrem steile Stufen hinab in die Dunkelheit, ein Name, den die Häftlinge selbst prägten. Danach folgte ein 300 Meter langer, kaum beleuchteter Flur, in dem man sich nur an der Schulter des Vordermanns orientieren konnte, während SS-Aufseher ihre Befehle brüllten. Am Ende wartete der Wartesaal: Dort mussten die Gefangenen mit verbundenen Augen und erhobenen Armen stundenlang mit dem Gesicht zur Wand stehen. Sanken die Arme vor Erschöpfung, schlugen die Wachen sie zurück in Position. Sprechen war verboten.
Im Büro von Georg Hempen verlor jeder Häftling seinen Namen. An seine Stelle trat eine Nummer, die man auf Deutsch auswendig lernen musste – notfalls mit dem Ochsenziemer eingebläut, den Hempen fast wie ein Rangabzeichen trug. Persönliche Habe wurde restlos entzogen. Pierre Ehrmann, Häftling Nr. 911, berichtete später, man habe ihm 50 Fotografien von General de Gaulle, 18.500 Francs, 700 Reichsmark, seine Papiere, seinen Ehering, seine Armbanduhr und sein Taschenmesser abgenommen.
Der Hunger war so allgegenwärtig wie die Dunkelheit. Dreimal am Tag gab es eine dürftige Mahlzeit aus ein paar Steckrüben und schimmligem Brot. Serviert wurde sie in Schalen, die die Häftlinge mit verbundenen Augen und gefesselten Händen kaum halten konnten: Für eine ganze Zelle mit oft mehr als 50 Insassen standen nur zehn Schalen mit Suppe oder Kaffee zur Verfügung. Die ersten zehn tranken, reichten die Schale weiter – und weil niemand die Hände frei hatte, blieb den meisten nur, das Gesicht blind in die schwankende Schale zu tauchen. „Comme on mange yeux bandés et mains liées, cela consiste surtout à tremper son visage dans la gamelle qui tient péniblement" – „Da man mit verbundenen Augen und gefesselten Händen isst, besteht es vor allem darin, das Gesicht in die Schale zu tauchen, die sich nur mühsam hält", beschrieb es ein Sonderlagerhäftling. Lebensmittel, die Angehörige bei der Gestapo für ihre Verwandten abgaben, kamen kaum je an – Georg Hempen zweigte sie regelmäßig ab, um damit seine eigene Familie, Freunde und sogar die Kaninchen und Hühner zu füttern, die frei in der Festung liefen.
Das eigentliche Herz des Schreckens war die Kasematte A selbst: Zelle, Verhörzimmer und Folterkammer in einem. Gefesselt an Händen und Füßen, oft mit Ketten an Wand oder Pritsche befestigt, mussten die Häftlinge stunden-, manchmal tagelang regungslos verharren. „Aus den Lastwagen wurden wir mit Schlagstöcken und Kolbenschlägen rausgeschmissen. Für jeden Schlag mussten wir uns bei den Aufsehern höflich bedanken. Der Leiter des Lagers ging gerne selbst mit dem Knüppel um", erinnerte sich Edouard Perrette, Häftling Nr. 479. Léon Burger, Nr. 1273, beschrieb es kürzer: „Mit Kolbenschlägen schossen uns die SS die Treppen runter."
Die Verhöre dienten nicht nur der Informationsgewinnung, sondern der kalkulierten Zerstörung der Persönlichkeit: Schläge, Zwangsstellungen, Kälte, Hunger, gefälschte Hinrichtungen. Wie willkürlich diese Gewalt war, zeigt das Schicksal von Joseph Kirsten. Er wurde nachts in seiner Zelle erschossen, weil er sich ohne Erlaubnis des Aufsehers von seiner Pritsche erhoben hatte. Sein Mörder, ein junger SS-Mann namens Günther aus Thionville, erhielt dafür sechs Tage Sonderurlaub – als Belohnung.
Zwischen Oktober 1943 und August 1944 durchliefen zwischen 1.500 und 1.800 Menschen dieses System, die meisten Mitglieder der kommunistischen Widerstandsgruppe „Groupe Mario" um den Lehrer Jean Burger, daneben Angehörige der gaullistischen „Groupe Derhan", Fluchthelfer, „Malgré-nous" – zwangsrekrutierte Elsässer und Lothringer, die den Dienst in der Wehrmacht verweigerten – sowie sowjetische Kriegsgefangene. 36 Häftlinge starben in der Festung selbst, nur vier gelang am 19. April 1944 die Flucht durch einen Lüftungsschacht. Bei der Räumung am 17. August 1944 wurden 941 Gefangene abtransportiert – 622 vom Groupe Mario, 262 Deserteure und Wehrdienstverweigerer, 57 Fluchthelfer – zunächst ins KZ Natzweiler-Struthof, ab dem 4. September 1944 weiter ins KZ Dachau.
Georg Hempen selbst floh unter falschem Namen, „Eugène Helmbrecht", in die Tschechoslowakei. 1951 verurteilte ihn das Militärgericht Metz in Abwesenheit zum Tode. 1954 kehrte er dank eines Amnestiegesetzes unbehelligt nach Deutschland zurück – und wurde wenig später sogar Kriminalbeamter, zuletzt Leiter der Kriminalpolizei in Oldenburg. Erst 1962 wurde er verhaftet. Drei Gerichtsverfahren folgten, das letzte 1969 in Oldenburg. Am Ende wurde er mangels letzter, gerichtsfester Beweise freigesprochen. Der Mann, der in Queuleu mit dem Ochsenziemer über wehrlose Gefangene herfiel, starb Jahrzehnte später als freier Bürger, während seine Opfer die Folgen ein Leben lang trugen.
Heute steht die Kasematte A unter Denkmalschutz, seit 1971 pflegt eine Vereinigung ehemaliger Häftlinge und ihrer Familien mit rein ehrenamtlichem Einsatz die Erinnerung an diesen Ort. Wer die 22 Stufen der Todestreppe selbst hinabsteigen möchte, kann das nur im Rahmen einer geführten Tour: Jeden Sonntag um 14 und 16 Uhr öffnet die Association du Fort de Metz-Queuleu die Kasematte A für Besucher, auf freiwilliger Spendenbasis und mit einem eigenen deutschsprachigen Begleitheft. Wer sich für die Geschichte des Sonderlagers „Feste Goeben" interessiert, dem sei ein Besuch vor Ort ausdrücklich ans Herz gelegt – es gibt keinen eindringlicheren Weg, diesen Ort zu verstehen, als ihn selbst zu betreten. Wer nicht vor Ort sein kann oder noch tiefer eintauchen möchte, findet im Gedenkbuch „Un camp de la Gestapo à Metz" von Michael Landolt und Cédric Neveu (Éditions La Nuée Bleue) die Namen und Schicksale der Häftlinge umfassend dokumentiert. Beides – Besuch wie Buch – unterstützt direkt die ehrenamtliche Arbeit der Association du Fort de Queuleu à Metz, die diesen Ort seit Jahrzehnten bewahrt. Denn Erinnerung allein ist kein Schutz – aber die notwendige Voraussetzung für Wachsamkeit.