10/09/2026
Gestern wäre das Internet fast explodiert wegen empörter Kommentare von Menschen, die sich über die Ursachen der aktuellen PISA Studie die Finger heiß tippten. Was läuft „schief“ in unserem Bildungssystem?
Die üblichen Verdächtigen sind zu wenig Lehrer, Sprachprobleme bei Kindern mit Migrationshintergrund und zu wenig Förderung benachteiligter Kinder. Alle Gründe tragen zum Ergebnis bei, aber ich möchte einen Faktor hervorholen, der in der Diskussion fast zu kurz gekommen wäre – den Rückgang des Lesens! Rund ein Viertel der 15-Jährigen erreicht nicht mehr die Mindestkompetenz.
Lesen formt unser Gehirn und bildet unseren Geist, wie kaum etwas anderes. Beim Lesen „leiht“ uns ein anderer Mensch für eine Weile seine Gedanken. Dadurch betreten wir fremde Perspektiven und erweitern unseren geistigen Raum: Wir entschlüsseln Bedeutungen, zeichnen Bilder, erkennen Zusammenhänge, prüfen Argumente und ziehen Schlussfolgerungen. Gleichzeitig trainieren wir etwas, das man für jede kognitive Leistung als „conditio sine qua non“ bezeichnen könnte – unsere Aufmerksamkeit.
Lesen hat einen so starken Einfluss, dass es sogar die funktionelle Organisation des Gehirns verändert. Insbesondere visuelle und sprachliche Systeme arbeiten bei lesenden Menschen enger zusammen. In einer Studie der Emory University zeigte sich, dass Veränderungen der funktionellen Vernetzung noch Tage nach dem Lesen eines Romans nachweisbar waren, faszinierenderweise in Arealen, die eigentlich für Bewegung zuständig sind. Wer liest, erlebt das Gelesene körperlich mit (embodied semantics).
Auch in Zeiten des Wischens und Scrollens sollten wir das Lesen deswegen keinesfalls als altmodische Kulturtechnik betrachten. Lesen bleibt relevant! Wir dürfen die Verantwortung dafür, den Schülern wieder mehr Freude daran zu vermitteln, allerdings nicht den Lehrern allein aufbürden, wenn wir es als Eltern kaum noch von unseren Kindern fordern und selbst nicht vorleben.
Dabei könnten wir durchaus alle etwas tun:
🧠 Lesen Sie Ihrem (noch kleinen) Kind regelmäßig Geschichten vor. So erfährt es früh von dem Genuss, über Sprache lebendige Bilder zu erzeugen, die zum Denken und Fühlen anregen.
🧠 Nehmen Sie Ihrem (älteren) Kind am Abend Handy und Tablet weg, damit es überhaupt noch eine Chance hat, ein Buch in die Hand zu nehmen. Gegen social media haben nämlich selbst die spannendsten Abenteuerromane kaum eine Chance.
🧠 Lesen Sie selbst viel und werden Sie zu einem guten Vorbild. Machen Sie sich bewusst, dass eine der wirksamsten Formen des kindlichen Lernens die Imitation der eigenen Eltern ist.
Sir Francis Bacon schrieb einst, manche Bücher solle man kosten, andere verschlingen und einige wenige kauen und verdauen. Wie immer man sie letztlich zu sich nehmen mag, in jedem Fall sollten wir unseren Kindern wieder mehr Appetit auf sie machen.
In einer Welt voller Bildschirme ist das vielleicht das schönste Geschenk, das wir ihnen machen können.