15/05/2026
Die Kanji für "Tode" - geschrieben von Hokama Tetsuhiro
Die ursprüngliche Bezeichnung des Karate als „China-Hand“ ist historisch sehr interessant, weil sie viel über die Herkunft des Karate und die Beziehungen zwischen Japan, insbesondere Okinawa, und China erzählt.
Ursprung auf Okinawa
Karate entstand nicht direkt im japanischen Kernland, sondern auf Okinawa, dem ehemaligen Königreich Ryūkyū. Okinawa lag kulturell und wirtschaftlich zwischen China und Japan und hatte jahrhundertelang engen Kontakt mit China.
Vor allem chinesische Kampfkünste aus der Provinz Fujian beeinflussten die okinawanischen Kampfsysteme stark. Die Bewohner Okinawas bezeichneten ihre waffenlosen Kampfkünste zunächst einfach als:
Te („Hand“) oder regional: Shuri-te - Naha-te - Tomari-te
Als die chinesischen Einflüsse deutlicher wurden, schrieb man Karate häufig mit den Zeichen:
唐手 — „China-Hand“
Das Zeichen 唐 bedeutet ursprünglich „Tang“.
Die Tang-Dynastie galt in Ostasien als Symbol chinesischer Hochkultur. In Japan wurde 唐 oft allgemein als Bedeutung für „chinesisch“ verwendet.
Darum bedeutete:
唐手 (Tōde / Tode / Karate) wörtlich: „China-Hand“
Das sollte ausdrücken:
Diese Kampfkunst hat chinesische Wurzeln.
Sie unterscheidet sich von rein japanischen Kampfkünsten.
Die Techniken waren stark von chinesischem Quanfa/Kung Fu beeinflusst.
Interessant ist:
Dasselbe Schriftzeichen konnte unterschiedlich gelesen werden:
„Tōde“ eher im okinawanischen Gebrauch, „Karate“ als japanische Lesung - Warum wurde daraus „leere Hand“?
Anfang des 20. Jahrhunderts änderte sich die politische Lage stark. Okinawa war inzwischen Teil Japans, und Japan entwickelte einen starken Nationalismus.
Karate-Meister wie Gichin Funakoshi wollten Karate im japanischen Bildungssystem und an Universitäten etablieren. Dafür war die direkte chinesische Bezeichnung problematisch:
Nach Konflikten zwischen China und Japan wurde alles „Chinesische“ politisch empfindlich. Japanische Budō-Künste sollten eine einheitliche japanische Identität bekommen. Zen- und Budō-Philosophie gewannen an Bedeutung.
Deshalb ersetzte man das Zeichen 唐 („China“) durch:
空 = „leer“
Die Aussprache blieb gleich:
唐手 → Karate
空手 → ebenfalls Karate
Aber die Bedeutung änderte sich zu:
空手 — „Leere Hand“
Das hatte mehrere Ebenen:
waffenlose Selbstverteidigung
philosophische „Leere“ im Zen-Sinn
geistige Freiheit und Unvoreingenommenheit
Diese neue Schreibweise setzte sich ab den 1920er–30er Jahren endgültig durch.
Historische Bedeutung
Die alte Schreibweise 唐手 zeigt, dass Karate ursprünglich:
keine rein japanische Kampfkunst war,
sondern ein kulturelles Mischprodukt aus Okinawa und chinesischen Kampfkünsten.
Viele traditionelle Kata enthalten bis heute Bewegungen, die auf südchinesische Systeme zurückgehen.
Aussprache und Varianten
Historisch findet man:
Tōde
Tote
Karate (alte Schreibweise)
唐手術 („Kunst der China-Hand“)
Erst später wurde 空手道 („Weg der leeren Hand“) daraus — das moderne Karate-dō.