30/08/2024
Eine Geschichte zu Mabon: Über das Loslassen und die Bereitschaft, Neues zu empfangen…
In einem weit entfernten Dorf, das am Rande eines großen Waldes lag, feierten die Menschen jedes Jahr das Fest des Neuanfangs. Dieses Fest fand immer in der Zeit der Herbsttagundnachtgleiche statt, wenn der Sommer sich verabschiedete und der Herbst begann. Es war ein Fest der Freude und des Dankes, aber auch ein Moment der Einkehr und des Loslassens. Die Menschen kamen zusammen, um das Alte zu verabschieden und sich auf das Neue vorzubereiten.
In diesem Dorf lebte ein junger Mann namens Tomás. Tomás war von Natur aus nachdenklich und still. Er hatte das letzte Jahr als Bauer auf den Feldern des Dorfes gearbeitet und war sehr fleißig gewesen. Doch trotz seiner Anstrengungen war die Ernte in diesem Jahr nur mäßig ausgefallen. Viele Pflanzen waren von einer Krankheit befallen worden, und einige Felder hatten nicht genug Regen bekommen. Tomás fühlte sich enttäuscht und niedergeschlagen. Er hatte alles gegeben, und doch schien es nicht genug gewesen zu sein.
Als der Tag des Festes näher rückte, bereitete das ganze Dorf die Feierlichkeiten vor. Überall wurden Kränze aus Herbstblumen geflochten, und die Dorfbewohner brachten ihre besten Speisen zusammen, um das Festmahl zu bereiten. Doch Tomás hatte wenig Lust zu feiern. Er dachte an all die Mühe, die er in die Felder gesteckt hatte, und fragte sich, ob seine Arbeit überhaupt einen Unterschied gemacht hatte.
Am Abend des Festes versammelten sich alle Dorfbewohner auf dem großen Platz im Zentrum des Dorfes. In der Mitte des Platzes wurde ein großes Feuer entzündet, um das sich die Menschen stellten und tanzten. Die Ältesten des Dorfes führten die Zeremonie an und sprachen von den Zyklen des Lebens – von Wachstum und Verfall, von Tod und Wiedergeburt. „Heute verabschieden wir das Alte“, sagte eine weise Frau, „und heißen das Neue willkommen. Alles, was wir loslassen, gibt Raum für das, was noch kommen wird.“
Tomás hörte den Worten zu, aber in seinem Herzen konnte er die Bedeutung nicht vollständig erfassen. Er stand am Rand des Platzes, während die anderen tanzten und sangen, und fühlte sich von ihren Freudenklängen isoliert. In seinem Kopf drehte sich alles um die Verluste, die er erlebt hatte, und um die Unsicherheiten, die vor ihm lagen.
Plötzlich kam eine alte Frau auf Tomás zu. Sie war die älteste und weiseste Person im Dorf und wurde von allen „Großmutter Althea“ genannt. Ihr Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, und ihre Augen strahlten eine Weisheit aus, die aus vielen Jahren des Lebens stammte. „Warum stehst du hier so allein, Tomás?“ fragte sie mit einer sanften, aber festen Stimme.
Tomás seufzte und antwortete: „Ich weiß nicht, ob ich etwas zu feiern habe, Großmutter. Meine Ernte war dieses Jahr schlecht, trotz all meiner Mühen. Ich habe das Gefühl, versagt zu haben.“
Großmutter Althea lächelte weise und legte eine Hand auf seine Schulter. „Die Erde gibt und nimmt, so wie das Leben selbst. Nicht jedes Jahr wird reich sein, und nicht jedes Jahr wird karg sein. Aber jedes Jahr bringt uns Lehren. Was hast du in diesem Jahr gelernt?“
Tomás dachte eine Weile nach. „Ich habe gelernt, dass ich die Natur nicht kontrollieren kann, so sehr ich es auch versuche. Ich habe gelernt, dass es Dinge gibt, die außerhalb meiner Macht liegen.“
Die alte Frau nickte. „Genau das ist die Weisheit, die dieses Fest uns lehren will. Wir verabschieden uns nicht nur von der Ernte, sondern auch von den Erwartungen, die wir an das Leben haben. Wir lernen, loszulassen, um Raum für das Neue zu schaffen. Jedes Ende ist ein neuer Anfang. Und so wie die Erde sich im Winter ausruht, so wirst auch du neue Kraft finden.“
Tomás begann die Worte der alten Frau zu verstehen. Er fühlte, wie ein Gewicht von seinen Schultern genommen wurde. Vielleicht war es in Ordnung, loszulassen. Vielleicht bedeutete das Loslassen nicht, dass er versagt hatte, sondern dass er sich selbst erlaubte, für den nächsten Zyklus bereit zu sein – für die nächste Saat, die im Frühling gepflanzt werden würde.
„Komm“, sagte Großmutter Althea, „es ist Zeit, das Alte ins Feuer zu werfen und das Neue zu begrüßen.“
Tomás folgte ihr zum Feuer, das in der Mitte des Platzes loderte. Die Dorfbewohner warfen kleine Bündel getrockneter Kräuter und Blätter ins Feuer – Symbole für das, was sie loslassen wollten. Einige warfen alte Sorgen, andere Traurigkeiten, und wieder andere ungelöste Konflikte. Tomás nahm ein kleines Bündel getrocknetes Gras, das er von den Feldern mitgebracht hatte, und hielt es einen Moment lang in den Händen. Dann warf er es ins Feuer und beobachtete, wie die Flammen es verzehrten und in Rauch verwandelten.
In diesem Moment spürte Tomás, wie sich etwas in ihm löste. Er fühlte sich leichter und freier als zuvor. Der Rauch stieg in den klaren Nachthimmel auf, und Tomás wusste, dass er bereit war, die kommende Zeit mit neuer Hoffnung zu begrüßen. Es war ein Neuanfang – nicht nur für die Felder, sondern auch für ihn selbst.
Das Fest des Neuanfangs dauerte die ganze Nacht. Tomás tanzte und lachte mit den anderen Dorfbewohnern und spürte, wie die Gemeinschaft ihn umarmte. Als der Morgen anbrach und die Sonne über den Horizont stieg, wusste er, dass er, so wie die Erde, auf einen neuen Frühling vorbereitet war. Er hatte gelernt, loszulassen, und war nun bereit, das Neue mit offenen Armen zu empfangen.
Wie sehr wir uns immer wieder daran erinnern dürfen, dass das Leben uns immer wieder neue Möglichkeiten schenkt…ich darf mir das gerade jeden Tag von Neuem selbst ins Ohr flüstern.