23/07/2026
„Schulleiter zu sein, hat mich schon erfüllt“
Bernd Belecke über seine Zeit als Schüler, Polizist, Lehrer, Schulleiter und künftig Ruheständler
Für Bernd Belecke ist es der zweite „letzte Schultag“ am Gymnasium: 1978 verließ er die Einrichtung im Schorenweg als 19-jähriger Abiturient, jetzt endet für den inzwischen 67-Jährigen dort seine Zeit als Schulleiter. Im Interview erzählt der Warsteiner, warum er erst zur Polizei gegangen ist, warum er Krawatten hasst, was das Unangenehmste in der Rolle als Schulleiter war, wie sich Schule verändert hat und möglicherweise verändern wird. Und was er künftig in der Freizeit machen möchte.
Der Weg in den Lehrerberuf war nicht erste Wahl. Warum folgte erst nach dem Polizeidienst das Lehramtsstudium?
So etwas wie Berufsorientierung gab es damals nicht an der Schule – habe ich zumindest nicht wahrgenommen. Ich habe dann hier unten auf der Bank vor der Schule gesessen und wusste nicht, was ich machen sollte nach dem Abitur. Bundeswehr oder Zivildienst, wobei das Verweigern damals ja noch eine richtige Tortur war. Beides wollte ich irgendwie nicht. Als ich erfahren habe, dass man zur Polizei gehen und so den Wehrdienst ableisten kann, habe ich das gemacht. Allerdings bin ich direkt durch den Farbtest gefallen, ich habe da nie Zahlen gesehen. Irgendwie bin ich dann aber doch reingerutscht.
Bereits nach drei Wochen bei der Polizei war mir aber klar, das ist nicht meine Welt, da fühlst du dich nicht wohl. Leben in Baracken und in Uniformen, letztlich wie bei der Bundeswehr. Auf einmal stand sowas wie Befehl und Gehorsam im Vordergrund. Wir mussten marschieren. Aber ich habe mir gesagt, mach die Ausbildung und die Dienstzeit zu Ende, auch wenn du nicht weißt, wofür das mal gut sein könnte. Nach 33 Monaten war Schluss, ich habe gekündigt. Es gab für mich zwei Optionen: Entweder Sozialarbeit/Sozialpädagogik zu studieren oder Lehramt. Beides war aus meiner damaligen Sicht vergleichbar aufgrund der täglichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ich habe mich dann für Lehramt entschieden, einfach weil die Perspektive eine längerfristigere war: Bei der Kinder- und Jugendarbeit ist irgendwann der Bart ab, da ist der Altersunterschied zu groß.
Zur Amtseinführung als Schulleiter gab es eine Krawatte als Geschenk. Zu sehen waren Sie damit oder mit anderen Krawatten aber nie?
Sie hängt hier. Ich habe sie einmal getragen, vor zwei Jahren auf Weiberfastnacht. Da wurde sie abgeschnitten. Ich weiß auch nicht mehr, wer da auf die Idee gekommen ist, mir eine Krawatte zu schenken. Aber die Krawatte ist seit Ende der Polizeizeit ein No-Go für mich. Ich habe mir immer gesagt, wenn es möglich ist, werde ich das Ding nie wieder umtun. Und eigentlich hat das ja gut funktioniert. Einmal bekam ich allerdings von einem Ehemaligen einen bösen Brief. Darin stand sinngemäß: Er hätte ja für alles Verständnis, aber nicht, dass da der Schulleiter ohne Krawatte antritt, während die Abiturienten sich alle so schick machen. Er hätte sich gefragt, welcher Hausmeister denn da mit aufs Bild geraten sei. Und ob das Direktorengehalt denn nicht für eine Krawatte reichen würde.
Wie haben sich – rückblickend auf drei Jahrzehnte im Schuldienst – Schüler, Eltern und auch Lehrer verändert?
Was ich an meiner ersten Station in Bergheim erlebt habe, unterscheidet sich eigentlich nicht von dem, was man heute mit den Schülerinnen und Schülern erleben kann. Du kannst die anders erleben, wenn man denen was in die Hand gibt, was es damals noch nicht gab. Ein Handy zum Beispiel – dann sind das andere Kinder. Wenn du vor 20 Jahren mit denen in die Wintersportwoche gefahren bist, war im Bus immer die Hölle los. Wenn du denen heute die Handys lässt, ist Ruhe. Im letzten Jahr bin ich mit den Sechstklässlern ins Bibeldorf Rietberg gefahren, dabei war Handyverbot im Bus. Da war richtig was los, also von Anfang bis Ende war richtig Stimmung in der Bude. Die haben gesungen, die haben geklatscht, die waren richtig gut drauf. Also meiner Ansicht nach haben die sich nicht verändert. Nur sind eben ein paar Faktoren dazugekommen, die ihr Verhalten manchmal beeinflussen.
Raufereien gab es in der Vergangenheit mehr, die sind heute eher selten. Zu meiner Schulzeit war das anders, da ging es auch schon mal eher zur Sache. Was meines Erachtens viel deutlicher wird, sind die persönlichen Schwierigkeiten, die Kinder haben. Dahinter stecken oft Veränderungen im Elternhaus, die häufig sehr problematisch sind. Das nimmt die Kinder besonders mit, das bringen sie auch in die Schule mit. Schulsozialarbeit ist heute nötiger denn je.
Wie früher kümmern sich auch heute die Eltern um die Belange ihre Kinder, um die Probleme. Hier sind die Eltern – damals wie heute – auch immer ansprechbar und bereit, mitzuhelfen. Da kann man sich darauf verlassen, dass man Unterstützung bekommt. Nur Klassenpflegschaftsvorsitzender will keiner so recht werden...
In der Lehrerschaft hat sich vor allem die Altersstruktur geändert. Als ich kam, war ich mit 40 der Jüngste. Und heute hast du hier Leute mit 25, 26 Jahren – und das nicht wenige. Zudem sind die Kollegien sehr viel weiblicher geworden, die Männer musst du schon suchen. Der Lehrer an sich hat sich gar nicht mal so verändert. Ja, er hat eine Entwicklung mitgemacht, was Unterrichtsmethoden angeht oder die Nutzung von Digitalem. Aber im Kern ist die Herausforderung immer dieselbe: Wenn du Lernerfolg haben möchtest, brauchst du erst mal eine persönliche Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern. Unterrichtsinhalte und die Gestaltung einer Stunde lernst du im Studium und im Referendariat. Aber der entscheidende Punkt ist dann, wie gehe ich auf die Schülerinnen und Schüler zu, wie lasse ich mich darauf ein? Wie nehme ich wahr, was die gerade so umtreibt, und wie kann ich das auffangen? Das ist dieselbe Herausforderung wie vor 30 Jahren. Man muss da schon eine gemeinsame Wellenlänge finden. Wenn du es nicht machst, hast du ein Problem.
Welche Projekte haben Sie umgesetzt, welche Projekte hätten sie gerne (noch) umgesetzt?
Es ging los mit der Wintersportwoche. Ich hätte nie geglaubt, dass so ein Projekt in einer Stadt wie Warstein – eigentlich im Sauerland gelegen, wo man ja dem Wintersport nicht allzu fremd ist – so eine Welle schieben könnte. Von Jahr zu Jahr gibt es die Bestätigung, dass das eine tolle Sache ist. Aber ob das auf Dauer haltbar ist, ist eine andere Frage. Einmal der finanzielle Aspekt, aber das Klima ist auch so ein Punkt: Willst du da hinterher auf so einer Kunstschneepiste fahren, wenn rundherum eigentlich schon Frühling ist? Das ist nicht so prickelnd. Und auch nicht so sinnvoll. Aber im Moment passt es noch. Weiter ging es mit Berufsorientierung, das fand ich eine sehr reizvolle Geschichte damals und immer noch. Sprungbrett Abi, das Gymnet zur Vernetzung der Ehemaligen, die Homepage, Öffentlichkeitsarbeit. Und dann folgten Dinge wie Europaschule mit bilingualem Unterricht, dem erweiterten Schüleraustausch, Betriebspraktika im Ausland, Spanisch in der Oberstufe und solche Sachen. Und der nächste große Entwicklungsschritt war die Digitalisierung, also die iPad-Einführung. Für den Unterricht war es auch ein Stück Attraktivierung, denn die Schüler lernen damit lieber als mit dem alten Schulbuch. Wir wären da nicht so schnell unterwegs gewesen, wenn Corona nicht gewesen wäre. Nur so war Distanzunterricht überhaupt möglich.
Und jetzt stehen wir an einem Punkt, wo wir sagen, jetzt muss auch Unterricht noch mal ganz neu gedacht werden. Es ist einfach dringend nötig, die Kinder woanders abzuholen und ihnen mehr Eigenverantwortung zu übergeben für das, was sie machen, und nicht immer nur diesen Konsumgedanken bedienen. Dazu beitragen soll auch das neue Raumkonzept durch den Erweiterungsbau, den ich gerne schon fertig gehabt hätte.
Das alles funktioniert aber nicht, wenn der Schulleiter ein Einzelkämpfer ist...
Genau. Das alles ist nur so möglich gewesen, weil eben ganz viele mit ins Rad packen. Dazu gehören der Förderverein und die Dr.-Grafe-Stiftung, die einiges ermöglicht haben. Die Wintersportwoche wäre überhaupt nicht denkbar ohne den Skiklub und die Leute, die sich dafür extra Urlaub nehmen, damit sie mitfahren und Unterricht geben können. Viele Unternehmen und Stiftungen haben unsere Gedenkstättenfahrten unterstützt. Das sind nur einige Beispiele von ganz vielen. Ich finde es enorm wichtig, dass eine Schule ein Netzwerk an Unterstützern hat. Dazu gehört auch: Wenn ich einen Anhänger brauche, um Weihnachtsbäume zu holen, weiß ich, wen ich anrufen kann. Oder wenn ich eine rechtliche Frage habe. Oder wenn ich mal eben schnell etwas repariert haben muss. Diese Unterstützung durch unser Netzwerk, die war und ist echt Gold wert.
Was denken Sie, wie wird die Schule der Zukunft aussehen?
Aktuell machen wir uns Gedanken über die Unterrichtskultur. Aber das, was noch viel gravierender wird als alles andere, ist die Frage, was die KI, also die Künstliche Intelligenz, verändern wird. Welche Dinge werden überhaupt noch gelernt? Was überlässt man der KI? Wie weit hilft die KI beim Lernen? Und wenn wir den Lehrerberuf in Richtung Lerncoach und Lernbegleiter denken, ist eine große Fragestellung: Wie baue ich diese KI ein? Schon jetzt liefert dir die KI eine Korrektur der Mathearbeit in einer Qualität, da hättest du vorher Stunden für gebraucht. Nicht nur, dass die Fehler rausgefiltert werden, sondern es wird auch kommentiert und ergänzt, was man besser machen könnte. Und da glaube ich, wird auch der Lehrerberuf wieder noch ein Stück attraktiver, weil man sich diese doch sehr belastende Arbeit des Korrigierens erleichtern kann, um den Schülern sehr zeitnah eine qualifizierte Rückmeldung zu geben.
Eine echte Vorhersage ist schwierig. Stift und Heft – ich weiß nicht, wie viele Jahre das in Schule dominiert hat. Sowas wird es nie wieder geben vermutlich. Aber letztlich ist es egal, denn der Auftrag bleibt: Du sollst hier Kinder dazu bringen, dass sie rauszugehen und ihr Leben selbst in die Hand nehmen können – und das erfolgreich. Wie immer dann Erfolg auch definiert ist. Aber das eben möglichst wenig fremdgesteuert.
Welche Zeit am Gymnasium war die schönste? Als Schüler, als Lehrer oder als Schulleiter?
In der Einführungsveranstaltung als Schulleiter hat Kollege Stefan Rheims gesagt, man muss etwas im Blick behalten: Es gibt noch was anderes als Schule. Das musste man mir eigentlich nicht sagen, weil ich das immer so gelebt habe. Also schon als Schüler habe ich Schule auch immer als eine Plattform gesehen, um andere Dinge zu machen. Ob das im Rahmen von SV war mit Fahrten zum Schlittschuhlaufen oder Party. Und in der Freizeit noch offene Kinder- und Jugendarbeit. Und als Lehrer dasselbe. Es gab keinen Zeitraum, wo nur Lehramt angesagt war. Die Politik hier in Warstein gehörte dazu, ebenso die Kinder- und Jugendarbeit. Später kam noch das Bilsteintal hinzu. Es gab immer etwas, was ich parallel hatte zu dem, was Schule ist. Und was mir immer auch wichtig war. Als Lehrer war es eine gute Zeit, aber diese Schulleiterfunktion, die hat mich schon ausgefüllt und erfüllt.
Was war der schönste Moment als Schulleiter?
Die Zertifizierung als Europaschule im Landtag. Das war schon toll, dass das, wofür wir uns mit viel Zeitaufwand eingesetzt haben, geklappt hat.
Und was haben Sie so gar nicht gemocht in dieser Position?
Also am unwohlsten habe ich mich gefühlt, muss ich ehrlich sagen, wenn ich eine Abiturrede halten musste. Das ist nicht mein Ding. Du kannst mir 500 Leute da hinsetzen, ich muss den Erweiterungsbau erklären und was uns da antreibt und so – jederzeit und ad hoc. Aber so eine Abiturrede … Man war immer sehr zufrieden und sicherlich auch ein bisschen stolz, wenn die ihr Abitur gemacht haben. Da steckt ja auch eine Menge Arbeit nicht nur von den Schülern, sondern auch von uns drin. Und dass man denen das Abiturzeugnis überreichen durfte, das alles ist schon ein Highlight im Schuljahr gewesen. Aber diese Ansprache war schon immer etwas, was mich richtig gestresst hat.
Und was kommt jetzt im Ruhestand?
Ich werde bewusster im Freizeitbereich aktiv sein bei den Dingen, die sonst liegengeblieben sind: Gleitschirm, Fahrrad, Bogenschießen. Ich muss mich darauf konzentrieren können, ich brauche die Muße dafür. Mein Freund Burkhard macht das Gleitschirmfliegen, da habe ich inzwischen auch so ein Alte-Herren-Trike, gerne morgens früh. Das fiel für mich aus, allein schon deshalb, weil ich wusste, ich muss anschließend noch arbeiten. Du willst das ja auch genießen. Und diese Muße dafür, die fehlte einfach über die Jahre. Und von daher hoffe ich, dass die jetzt kommt und dann all die Dinge anders genossen werden können. Und zu den Aktivitäten im Ruhestand gehört natürlich auch das Bilsteintal.
CHRISTIAN CLEWING
Werdegang
1978 Abitur in Warstein, anschließend Ausbildung bei der Polizei, Lehramtsstudium in Paderborn, Schulen in Bergheim (bei Köln) und Schwerte, seit 2000 Lehrer (Mathe und Sozialwissenschaften) am Europa-Gymnasium Warstein, 2015 Wechsel als Stellvertretender Schulleiter ans Ostendorf-Gymnasium Lippstadt, 2016 Rückkehr als Schulleiter ans Europa-Gymnasium Warstein
Warsteiner Anzeiger, 18.07.2026