25/09/2020
Dem kann ich voll und ganz zustimmen
Stress als Auslöser von Erkrankungen des Bewegungsapparates
Wenn man in der Behandlung von Pferden tätig ist, gibt es eine Vielzahl besonderer Herausforderungen, aber die Suche nach der tatsächlichen Ursache für eine Erkrankung oder Bewegungsstörung ist sicherlich eine der größten. Zum einen, weil das Pferd ein wahrer Meister im Kompensieren ist, zum anderen, weil die Auslöser etlicher Beschwerden in seinem Nervensystem, genauer: seinem seelischen Befinden zu suchen sind.
Und das ist ein meiner Meinung nach völlig unterschätzter Umstand.
Pferde sind vegetativ gesteuert, hochgradig sensibel und unterliegen einer Vielzahl von angeborenen Instinkten, die sie nicht willentlich an- oder ausschalten können. Um es kurz zu machen: Psychische Anspannung ist immer mit körperlicher Anspannung gekoppelt und Stress betrifft immer den gesamten Körper.
Nun hat das Pferd aber nicht die Möglichkeit, sich willentlich zu entspannen. Die Automatismen des Flight or Flight Instinktes sind „an“ oder „aus“ -dazwischen gibt es nichts- und sobald es „an“ ist bestimmen diese Abläufe seinen Körper - ob es das will, oder nicht. Der gesamte Organismus wird erst dann in einen Normalzustand zurückkehren, wenn die wahrgenommene Gefahr nicht mehr existent ist. So lange das Pferd sich nicht sicher fühlt, bleibt das Stresslevel hoch, die Muskulatur angespannt (die dadurch übersäuert, Entzündungen ausbildet und sich überdies nicht aufbauen kann), das Immunsystem wird unterdrückt und die Versorgung von Verdauungstrakt und Haut heruntergefahren, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Dafür muss man sein Pferd nicht unter künstlicher Spannung oder mit Zwangsmaßnahmen wie Rollkur reiten, grell füttern oder von Turnier zu Turnier fahren - um das Stressniveau des Pferdes zu erhöhen genügt schon ein unsicherer Reiter, unpassende (schmerzhafte) Ausrüstung oder unklare Kommunikation. Immer abhängig natürlich von Art und Charakter des jeweiligen Pferdes.
Bereits ein unterschwellig erhöhtes Anspannungslevel kann Erkrankungen und Dysfunktionen in den Organen und dem Bewegungsapparat verursachen.
Etliche „Rückenerkrankungen/-entzündungen“ gehen auf stressinduzierte Magenerkrankungen und/oder stressbedingt zu hohen Muskeltonus zurück und werden nach jedem Anspritzen wieder kommen, solange der Grund für das hohe Stresslevel nicht eliminiert wird. „Genickblockaden“ haben ihren Ursprung ebenso häufig in chronisch erhöhter Anspannung, wie die viel besprochene „Hinterhandschwäche“ und die sogenannte „Trageerschöpfung“.
Ich kann es daher gar nicht oft genug sagen: Die Losgelassenheit des Pferdes muss Voraussetzung sein für jede Arbeit mit dem Pferd und an Tagen, an denen das Pferd sich aufgrund äußerer Umstände wie Wind oder Maschinen oder Lärm anfänglich nicht loslässt, wird sie automatisch zum Ziel unserer Arbeit an diesem Tag. Und zwar, wenn nötig, zum einzigen Ziel. (Es versteht sich von selbst, dass der Reiter nicht unter Anspannung stehen darf und sich so im Griff haben muss, dass er Ruhe und Sicherheit auf das Pferd überträgt.)
Ein unter Stress und negativer Spannung stehendes Pferd in dieser Spannung zu arbeiten, wird immer Schäden hinterlassen. Körperlich wie mental.
Sich den Fight or Flight Instinkt für höhere Leistungen und spektakuläre Spannungstritte zu Nutze zu machen, ist daher in größtem Maße unreiterlich und jeder echte Reiter sollte alles daransetzen, seinem Pferd die größtmögliche Ruhe und Gelassenheit zu vermitteln und echte Losgelassenheit zu erreichen.
Dazu gehört auch das Bilden einer verlässlichen Vertrauensbasis und die Arbeit an der Erhöhung der Stresstoleranz. Um dies zu erreichen, muss man das Pferd an gefährliche Dinge wie laute Geräusche, Regenschirme und Trecker gewöhnen und sein Selbstbewusstsein so stärken, dass nicht jedes Knacken und jeder Vogel im Gebüsch den Fight or Flight Modus auslöst.
Losgelassenheit und Erhöhung der Stresstoleranz, also „Abhärtung“ im Sinne positiver Verstärkung und Ausbildung des Selbstbewusstseins des Pferdes, sind zwei wesentliche Pfeiler zur körperlichen und mentalen Gesunderhaltung des Pferdes.
Das sollte man wirklich nicht unterschätzen.
Julie von Bismarck
Mehr über die Zusammenhänge lesen: https://www.bod.de/buchshop/zusammenhaenge-im-pferd-julie-von-bismarck-9783982041414