13/02/2024
„Mit den Augen der anderen“ 2024/03
Italien und der Wein, 13. Februar
Wer mich kennt weiß, dass ich mich auch mit Wein beschäftige. Ich bin jetzt kein Weinexperte im engeren Sinn. Das überlasse ich den Vinologen und den Sommeliers um mich herum. Die können das um Längen besser als ich.
Ich habe mich dem Thema Wein eher linguistisch, geschichtlich genähert. Mich interessieren schon seit jeher die Geschichten hinter jedem einzelnen Wort, hinter jeder einzelnen Vokabel.
Beispielsweise die Geschichte, die mir kürzlich in den Schoß gefallen ist. “Ray Ban” ist jedem als Sonnenbrillenmarke bekannt. Die wenigsten wissen das Ray = Strahlen und Ban = blocken, also Strahlenblocker heißt und die Brille von einem Optiker in Geislingen erfunden wurde. In den 1920ger Jahren wurde es möglich, mit Flugzeugen immer höher zu fliegen. Viele Piloten der US-Armee berichteten, dass ihnen das Blenden der Sonne Kopfschmerzen und Übelkeit bereite. Und so kam die “schwäbische” Ray Ban Brille auf dem US-Markt. Strahlenblocker. Naja, das ist aber eine andere Geschichte.
Ich jedenfalls wollte den Unterschied kennen zwischen “Rinascimento” und “Risorgimento”. Das erstere war die sogenannte “Wiedergeburt” (nascere = geboren). Eine von Italien ausgehende kulturelle Bewegung in Europa. Eine Epoche zwischen dem 14JH und 16 JH im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, geprägt von kultureller Vielfalt und dem Streben nach Wissen. Die sogenannte Renaissance.
Das zweite war die "Auferstehung", (risorgere = auferstehen) und gab der italienischen Einheitsbewegung zwischen 1815 und 1870 ihren Namen. Il risorgimento.
Was hat all das mit Wein zu tun?
Wenn man sich Europa zwischen Renaissance (Wiedergeburt) und Risorgimento (Wiedererwachen) - also zwischen dem 14 Jh und dem 19 JH - anschaut stellt man fest, dass es ein großes Frankreich gab und Kleinstaaterei drum herum. So Pi mal Daumen.
Frankreich wurde “stabil” regiert. Ein großes Plus für die französischen Winzer, die sich voll und ganz ihrem Göttertrank in Qualität und Menge und vor allem dem globalen Verkauf widmen konnten. Alle anderen Länder waren in Scharmützel verstrickt. Kleinkriege wie: “bringen wir mal hier den König um” und “annektieren dort mal ein Territorium”. Ziemlich schlecht für alle Bauern und Winzer. Bei “Königs” trank man französischen Wein!! Dieser Wein war “stabil”!
Nach dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches – und danach zwischen Renaissance und Risorgimento - wurde der italienische Stiefel bis 1861 fremdbeherrscht. Das heißt: 800 lange Jahre – ich wiederhole 800 lange Jahre war der italienische Stiefel in 7 Territorien unterteilt. Es gab 7 Herrscher: 3 Könige. 3 Herzöge. 1 Papst.
Das Königreich Piemont-Sardinien. (französisch)
Das Königreich Lombardo-Veneto. (österreichisch)
Das Herzogtum Parma. (französisch)
Das Herzogtum Modena. (französisch)
Das Großherzogtum Toskana. (französisch)
Den Kirchenstaat. (frankophil)
Das Königreich der 2 Sizilien. (spanisch)
Seit dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches gab es also kein “Italien” auf der Landkarte, sondern nur einen Stiefel in Fremdherrschaft.
800 Jahre lang gab es kein Italien und keinen “italienischen” Wein !!
Königs bzw. diejenigen, die sich das Göttergetränk leisten konnten, bevorzugten französischen Wein und kein so Fusel aus dem Stiefel OHNE eigene Identität!! Ist ja klar, wenn der Chef nicht die gleiche Sprache spricht wie seine Mitarbeiter, dann kann kein gutes Produkt entstehen. Den Boden bearbeiteten die Italiker. Aber das Territorium gehörte anders sprechenden Fremdherrschern.
Die französisch sprechenden Piemonteser bzw. Savoyer hatten die glorreiche Idee, das Heilige Römische Reich wieder erwachen zu lassen = risorgere. Daher Risorgimento. Sie mussten nur 6 Widersacher (2 Könige, 3 Herzöge und einen Papst eliminieren)! Ziel war: aus 7 Flaggen 1 Flagge zu machen.
Sie begannen dieses Unterfangen 1815 und vollendeten ihr Tun 1920 mit der Annektion Südtirols und gaben dem neu Erschaffenen bzw. Erwachten den Namen: ITALIA.
Südtirol wurde allerdings 1920 ohne Liebe annektiert. Es war so, als würde man eine Frau vergewaltigen und sie dann zwingen dich zu heiraten, um sie dann zu unterdrücken und als Leibeigene zu behandeln. Die Einwohner Südtirols, zum überwiegenden Teil Landwirte, durften über Nacht nicht mehr Deutsch sprechen. Sie mussten ihre Nachnamen italienisieren. Von Herr Gasser auf Signor Della Strada. Das macht keiner freiwillig. 70 lange Jahre, 70 Jahre haben die Südtiroler gekämpft, um die Erlaubnis Roms zu bekommen Deutsch zu sprechen. Eine lange und harte Zeit, die man nicht vergisst.
Erst dieser Tage gewann der Südtiroler Jannik Sinner im Tennis die Australian Open. Das Staatsfernsehen Rai hatte ihn daraufhin eingeladen in einer populären Fernsehsendung aufzutreten. Sinner, der sehr gut 3 Sprachen (it, engl, deutsch) spricht hatte abgelehnt mit der Begründung er mache lieber Sport. Ein Sh*tstorm folgte. Immer noch heute ist es so eine Sache mit der Identität.
Dennoch hat Südtirol trotz dieser Problematik aus dem eigenen Boden ein Paradies erschaffen in Europa und produziert auf aller-schwierigstem Boden wunderbare Weißweine wie beispielsweise den Sauvignon Blanc Quarz von der Kellerei Terlan. Ich persönlich trinke lieber den Chardonnay Critone aus dem Hause Librandi, Kalabrien. Das ist allerdings eine andere Geschichte.
Was 1920 Südtirol widerfuhr, passierte lediglich 60 Jahre vorher auch dem spanisch geführten südlichen Teil des Stiefels. Auch hier eine Annektion ohne Liebe. Eine Vergewaltigung, um auszubeuten und auszupressen, all das, was der Boden und das Territorium so hergab.
Von diesen 7 fremdbeherrschten Regionen auf dem Stiefel war das spanisch geführte Süditalien das größte, stabilste und reichste Reich. Die Annektion diente den Savoyern nur dazu, die Industrie und das Geld in den Norden zu transferieren. Sizilien hatte vor der Annektion über 8000 textilproduzierende Unternehmen. Schon ein Jahr nach der Annektion waren es nur noch “null” Firmen. Alle Textil-Unternehmen wurden in die stille Bergregion um das Städtchen Biella im Piemont transferiert. Die besten und edelsten Stoffe der Welt stammen aus Biella - so sagt man heute.
Das gleiche widerfuhr auch sämtlicher anderer Industrie. Wenn man damals eine Kanonenkugel brauchte, bestellte man in Süditalien. Wenn man eine Lokomotive brauchte, bestellte die Welt in Süditalien. Wenn man Waffen benötigte bestellte man in Süditalien. Auch diese Industrie wurde nachweislich zwischen Turin und Mailand umgesiedelt. Also zwischen Barolo, Amarone und Prosecco. Die Fachkräfte “deportierten” die Savoyer gleich mit in den Norden. Bis heute.
Auch wenn ich sehr gerne einen piemontesischen Nebbiolo aus dem Hause Accornero trinke - nicht weil er besser wäre als die Weine der Barolo-Boys Kollegen. Aber ich habe Ermanno Accornero als hart schuftenden und bescheidenen Familienvater und Winzer selbst kennengelernt. Er hat mir sehr imponiert – also auch wenn piemonteser Weine zu den Besten zählen, darf man heute nicht vergessen, dass am 13. Februar 1861, also vor nur, vor nur 163 Jahren, mit der Annektion des Reiches beider Sizilien, die Savoyer ihre Einheitsbestrebungen begonnen haben und das “erste” Italien 800 Jahre nach Untergang des Heiligen Römischen Reiches gründeten bzw. erwachen (risorgere) ließen mit Hauptstadt Turin und einem französisch sprechendem König Viktor Emanuel.
1920 mit der Annektion Südtirols wurde das Italien, das man heute auf der Landkarte kennt, also 1920 erst wurde die Einheit, die erwachen, sorgere sollte vollendet.
All jene, die diese Annektionen nicht wollten, wurden im weltgrößten Konzentrationslager Fenestrelle, dem zweitgrößten Mauerwerk auf der Erdkugel in Ätzkalk aufgelöst. Ein Holocaust vor dem Holocaust. Fenestrelle - ein ungesühntes Verbrechen der Savoyer über das süditalienische Volk. Ein Schandfleck, worüber der Mantel des Schweigens gestülpt wurde. Bis heute. Oder kennt jemand da draußen Fenestrelle?
Wie beim Australian-Open-Sieger Jannik Sinner sucht man heute den “Italiener” auf dem Stiefel vergebens.
Wenn ihr wissen wollt, wann die sogenannten “italienischen” Weine die Welt eroberten, dann müsst ihr euch bei dem wunderbaren Daniel Hasert Daniel´s Weine oder der charmanten Angelika Reiner (Die Traube Vinothek) oder dem feurigen Emanuele Miceli Da Elena nach den Degustationsterminen mit mir erkundigen. Und ihr erfahrt weitere lustige und spannende Geschichten um und um Italien und Weine herum.
Heute jedenfalls ist der 13. Februar.
163 Jahre nach 1861. Ein trauriger Tag der Erinnerung.
Cin cin.
Am besten mit einem sizilianischen Wein - egal ob rot oder weiß- aus dem Hause Donnafugata. Die Frau auf der Flucht.
Fortsetzung folgt.....
I love language
EU eine Schön-Wetter-Union
Leben zwischen zwei Kulturen
Deutschland ist sexy
Freund der Unsichtbaren
Gastarbeiter vs. Nutella-Kids.
I can't breathe
IL CORAGGIO DI ESSERE LIBERO