Friedrich Bödecker Kreis in Mecklenburg Vorpommern e.V.

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Der Friedrich-Bödecker-Kreis in Mecklenburg-Vorpommern e. V.

nutzt die Kraft der Kinder- und Jugendliteratur, um eine Brücke zwischen Autoren und jungen Leser mit der Hilfe interaktiver und altersgerechter Leseförderung und Literaturvermittlung zu baue

23/10/2024

Get the weapon! Leave the cannoli!

Ich habe eine Weile, sprich ein paar ziemlich viele Seiten von „Das Verhalten ziemlich normaler Menschen“, gebraucht, um festzustellen, dass ich in gar keinem Buch für Erwachsene sondern in einem Young Adults Text gelandet bin. Das ist normalerweise nicht die Literatur, die ich lese, und ich muss auch nochmal drüber nachdenken, ob das eine Kategorie ist, die der lesende Mensch braucht. Zumindest hat es mir aber für diesen Titel erklärt, warum die Sprache, in der K.J. Reilly scheibt, so ist wie sie ist. Schnell, komisch, direkt, Treffer versenkt. Kein Geschwafel. Immer hart am Thema. Warum die Handlung so läuft wie sie läuft. Warum die Charaktere so sind wie sie sind.

Das würden ihre Protagonisten auch nicht anders mit sich machen lassen, denn ihnen ist das Schlimmste passiert, was passieren kann. Ihre Ehefrau, Vater, Mutter, Bruder sind tot. Vom Krebs geholt, vom Schlaganfall gefällt, vom Laster an einen Laternenpfahl geschoben. Den Laster fuhr ein Lastwagenfahrer, dessen bester Freund der Kollege Jack Daniels ist. Und Jack Daniels war auch noch Anlass dafür, dass das Gericht den Lastwagenfahrer noch nicht einmal für eine lange Zeit ins Gefängnis geschickt hat. Jack Daniels macht nämlich mildernde Umstände. Das will nicht in Ashers Kopf. Denn in dem Auto, das zerquetscht und brennend am Laternenpfahl endete, saß Ashers Mutter. Allein, verbrannt und mit gebrochenem Genick. Das ist erst mal die Arbeitshypothese.

Ashers Mutter ist seit mehr als einem Jahr tot. Sein Vater und seine kleine, vierjährige Schwester Chloe versuchen mit allen Mitteln, sich den Alltag zurück zu erkämpfen. Aber in Asher dreht alles unrund. Es ist das Schlimmste passiert, und es wird einfach nicht besser. Manchmal wird es anders schlimm, aber nicht besser. Er fühlt sich einfach, als hätte man ihm die Haut vom Körper gezogen. Asher hat Therapeuten verbraucht, die Spinde in der Schule mit einem Baseballschläger zerschlagen, er hüllt Cloe nachts in Alufolie, einen Fahrradhelm und ihre Schwimmweste – man weiß nie, was alles passieren kann. Ganz plötzlich. So wie Ashers Mama. Nichts ist mehr sicher.
Aus welche Grund war sie zu dieser Zeit an diesem Ort? Um Asher neue Fußallschuhe zu kaufen. Ganz klar, er ist schuld am Tod seiner Mutter.
Er wird sie rächen, denn in den Weiten des Netzes hat den LKW Fahrer gefunden. In Memphis, Tennessee. Ungefähr 1700 Meilen entfernt von Ashers zuhause. Doch der Plan steht, gestörte Impulskontrolle hin oder her.

Auf die Fahrt nimmt er seine neuen Freunde mit. Neue Freunde? Genau. Andere Traueropfer aus den Selbsthilfegruppen, in die Asher seinem Vater zuliebe seit Wochen fast jeden Abend geht. Da ist Henry, ein alter Herr, der seine Gattin Evelyn in der Urne und diese in einem Pappkarton mit sich führt. Sloane, die nach dem Tod ihres Vaters dessen Motorradklamotten trägt, die an ihr hängen wie Segel im Wind. Und Will, der sich sicherheitshalber hinter seinem Haarvorhang versteckt. Nur nix gucken lassen.

Die vier (+ Urne) machen sich auf die Fahrt, im Gepäck neben Evelyn auch die Sätze der Trauertherapeutin aus den Gruppensitzungen. „Ich soll traurig sein, wenn es sich richtig anfühlt, traurig zu sein, auch schrecklich traurig für eine lange Zeit, wenn mir danach zumute ist. Nur nicht selbstzerstörerisch traurig. Niemals selbstzerstörerisch traurig!“

Und so passiert es, dass, als Asher endlich am Ziel ist, in der Culvert Street 114 in Memphis mit dem Baseballschläger in der Hand, den Zeigefinger auf dem Klingelknopf, Will ihm eine dieser entscheidenden Fragen stellt: „Willst Du wirklich den Rest deines Lebens tot verbringen?“

Man könnte jetzt anfangen zu mäkeln. Sprachlich zu oft an der Oberfläche; wenn es tief geht, wird es manchmal unglaubwürdig; der Bauplan der Geschichte hat Schwächen; und erst das Finale! Alles Quatsch. Der Plot und die Protagonisten funktionieren für die Zielgruppe, alles gut.

"Das Verhalten ziemlich normaler Menschen" von K.J. Reilly
Quelle Cover: Verlag dtv Reihe Hanser

12/10/2024

Richard Powers
Das große Spiel

Selbst, wenn ich die Pointe dieses Buches spoilern wollte, ich könnte es gar nicht. Zum einen will ich den anderen Leserinnen und Lesern natürlich nicht die Lust an der Lektüre verderben, zum anderen bin ich mir gar nicht sicher, ob ich den Twist der letzten 50 von mehr als 500 Seiten wirklich verstanden habe.

Ich versuche zu sortieren. Das Buch beginnt auf einem Atoll im Südpazifik, viele tausend Kilometer vom nächsten Festland entfernt. Makatea, so der Name, hat nicht mal mehr 300 Einwohner und erholt sich gerade vom ersten Angriff des Kapitalismus auf die Schätze der Natur. Das Atoll ist der zentrale Ort des Buches, äußere und/oder innere Heimat für die Protagonisten. Sinnbild für die Kämpfe unserer Zeit. Umgeben von dem Wasser, aus dem wir alle kommen, und das zwei Drittel unserer Erde bedeckt. Inmitten von Millionen von Organismen, die in diesem Wasser leben, und die die Menschheit gerade rücksichtslos ausbeutet und ermordet. Makatea ist die Heimat von Rafi und Ina, so scheint es zumindest. Ina kommt vom Atoll und ist nach dem Kunststudium dahin zurückgekehrt, sie arbeitet Souvenirs aus Muscheln, die sie am Strand findet und schöpft Kunst aus den Plastikrelikten, die das Meer ebenfalls an die Küste schwemmt. Sie lebt dort mit Rafi, einem Studienfreund, mit dem sie nun verheiratet ist.

Zu Studienzeiten gab es einen Dritten im Bunde, Todd Keane. Die beiden Jungs sind und waren alle Gegensätze. Schwarz – weiß, arm – reich, Büchernerd – Computernerd. Zwischen Todd und Rafi entsteht eine reine platonische Liebe unzerstörbaren Ausmaßes. Die beiden sind eine Kernschmelze. Das Leben drängt sie aneinander und reißt sie auseinander, aber bis zum sprichwörtlich letzten Moment gibt es ein unzertrennbares Band zwischen beiden.

Mit der Schilderung der Entstehung des Lebens auf Makatea, einem Schöpfungsmythos, einer Menschheitserzählung, beginnt das Buch, und ab der ersten Seite sind wir verloren an diesen Text. In vielen Kritiken über viele Texte wird ja vom sogenannten „Sog“ geschwafelt, den ein Text entwickelt. Hier ist der Sog wahrhaftig. Denn die vierte Protagonistin, Evelyne Beaulieu, ist eine hochbetagte Dame und Ozeanografin, die immer noch so oft wie möglich in die Tiefen des Pazifiks abtaucht, um ihre Freunde, Rochen und Mantas, Knallkrebse, selbstleuchtende Bakterien und jede Art von Tiefseebewohnern zu besuchen.

Todd ist in Chicago geblieben, in der Stadt, in der die drei studiert haben. Er hat eines der ersten Computerspiele erfunden. Und hat es logischerweise „Playground“, Spielplatz genannt. „Playground“ ist auch der Originaltitel des Buches. „Playground“ ist ein klassisches Aufbauspiel. Die Menschen bauen eine künstliche Welt auf, diskutieren, bewerten, bauen auf, verdienen Geld, hier „Playbucks“. Und das Spiel wächst und wächst und wächst, …. Und löst Verrat und Betrug aus.

Powers schafft aus diesen vier Erzählsträngen seine sehr eigene literarische Makraméearbeit. Denen muss der Leser folgen, und das erfordert Konzentration und Ausdauer. Welcher Abschnitt gehört zu welcher Geschichte? Was gehört in welche Zeit? Was ist Realität und was? Ja was? Aber – wir werden auch belohnt. Der Autor führt uns durch (fast) alle brennenden Themen dieser Zeit: Umweltverschmutzung und Klimaschutz, Zivilisationskritik, KI, auch die der 3. Generation, Freundschaft, Gemeinschaft, Familie. Mit poetischen Schilderungen des Lebens unter Wasser, berührenden Zeugnissen über Freundschaft und klarsichtigen Vorsagen über die Zukunft unserer Spezies. Sein Schreibstil ist eine gute Mischung aus Irving, Auster, Roth und Nesser. Und tritt angenehm hinter der Konstruktion des Textes zurück.

„Ta’aroa erschuf Ta’aroa, und dann erschuf er ein Ei, um darin zu wohnen.“

Quelle Cover: Verlag Penguin

29/09/2024

Sekundenkleber

Da klebt eine junge Frau auf der Straße. Nicht schon wieder. Die Stimmung heizt sich auf, der Stau wird länger. Aufruhr in der beschaulichen, denkmalgeschützten Lübecker Innenstadt. Die Polizei rückt an, die Beamten kennen das schon. Routiniert holen sie das Speiseöl aus dem Einsatzwagen. Die da auf dem Asphalt klebt, ist Luzie, 17 Jahre alt, eigentlich auf dem Weg nach Lützerath in Westdeutschland. Lützi bleibt! sagt der Sticker auf ihrem Hoodie. "Ein paar Autofahrer schreien etwas aus den geöffneten Wagenfenstern. »Verpiss dich!« ist noch eine der freundlicheren Äußerungen, die wie Steine auf das Mädchen einprasseln. »Der sollte man die Hand abhacken«, hört Annika auch. Ganz vorne brüllt einer: »Einfach überfahren, die Schlampe!«"

In ihrem Schreibwarenladen horcht Annika Oelkers auf den Tumult da draußen. Die Neugier treibt sie raus auf die Straße. Sie kennt das Mädchen, das da auf der Straße sitzt und ein Protestschild hochhält. Verdammt. Sie hat ihr gerade die zwei Tuben Sekundenkleber verkauft, die da jetzt wahrscheinlich ihren Dienst tun.

Und dann, um den Kalauer zu bemühen, geht in Annikas Leben die Luzie ab. Die gut situierte Frau Oelkers, in deren Leben es bis vor einer Stunde nichts Aufregenderes gegeben hat als die wöchentliche Chorprobe, findet sich erst auf der Straße neben der jungen Frau und dann folgerichtig auf dem Polizeirevier wieder. Und es beginnt ein Roadtrip, der die beiden von Lübeck über Hamburg bis nach Norditalien führt. Wie gut, dass Annika ihre Kreditkarte und das Handy dabeihat.

Der Text zerfällt mehrfach in Antinomien. Lübecker Gegenwart und Hamburger Vergangenheit. Luzies Zukunft und Annikas Vergangenheit. Annikas Außen- und ihr Innenleben. Manches geht rasend schnell, anderes wird elegisch zerkaut.

Langsam, nach und nach, erfahren die Leserinnen und Leser von Annikas Vergangenheit. Ihr Aufwachsen mit und ohne Mutter, ihre Freundschaften mit Milena und Matti, Pastor Wilms, die Zeit in der sagenhaften Hamburger Hafenstraße, ihr Schwiegervater, der alte Oelkers, ihr ewig geduldiger, Slowflower züchtender Ehemann Hendrik. Nach und nach fügen sich die Dinge zueinander. Am Ende der großen Demo für den Erhalt der Hafenstraße war Milena tot und die Umstände nicht geklärt. Seit dieser Zeit, seit fast 30 Jahren, macht Annika sich Vorwürfe. Das soll nun ein Ende finden.

Karin Burseg schreibt sprachlich routiniert. Für mein Empfinden sind die Lübecker Gegenwart und die Hamburger Hafenstraßen-Vergangenheit dramaturgisch nicht glaubhaft miteinander verbunden. Die Fallhöhe zwischen der einen und der anderen Welt ist zu groß. Annikas innerer Zwang, sich mit Luzie auf den Weg in diese Vergangenheit zu machen, scheint künstlich. "(...) auf einmal kann sie an nichts anderes mehr denken. Die Angst um Luzie füllt sie vollkommen aus, schnürt ihr die Kehle zu. Sie hat schon einmal versagt, damals bei Milena, (...) und sie muss etwas tun, um nicht durchzudrehen!" Es sieht aus, als ob die Autorin den Lübecker Teil vorgeschaltet hat, um sich selbst den Hafenstraßenteil zu erlauben. Schade, dieser Stoff hätte auch für sich 200 Seiten getragen.

Fazit: Lesen, aber nicht zu viel erwarten.

Quelle Cover: Verlag Heyne

15/09/2024

Lost in Hessisch Sibirien

Bevor wir auf den Text, die Handlung und die Protagonisten dieses Romans zu sprechen kommen, müssen wir über den Ort des Geschehens sprechen. Kassel. Bekannt als die hässlichste aber zumindest die architektonisch nichtssagendste Stadt für weite Teile der Republik.

Das kulinarisch Typische ist nicht für jeden, aber für alle ist etwas dabei: Ahle Wurst, Kasseler Grüne Soße, Duckefett und Weckewerk sind die Gaumenfreuden der Stadt.

Die Menschen von Kassel nennen sich nicht immer gleich. Wer in Kassel geboren wurde, ist ein „Kasselaner“. Eingewanderte werden als „Kasseler“ bezeichnet. Wenn beide Eltern eines Kasselaners ebenfalls in Kassel geboren wurden, spricht man von einem „Kasseläner“. Die Bezeichnungen haben keinen Einfluss auf die Stellung einer Person in der Gesellschaft. Es ist mehr ein Spaß, den sich die Bewohner Kassels damit machen. Auch dieses Sujet werden wir im Buch wiederfinden.

Bei einem Luftangriff der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg wurde die Kasseler Innenstadt nahezu komplett zerstört. Über 80 % der Stadt gingen in Schutt und Asche, darunter 97 % der Altstadt mit ihren aus dem Mittelalter stammenden gotischen Fachwerkhäusern. Die Stadt verlor ihr Gesicht und bekam es auch nicht wieder. Der Wiederaufbau der Infrastruktur bot in den 50er Jahren Platz für ein verkehrstechnisches Versuchslabor, das gründlich misslang. Da half und hilft auch keine documenta.

Da hat das arme Haus von vornherein ganz schlechte Karten. Es steht in der falschen Stadt. Es kann einfach nichts richtig machen und drückt seine Frustration darüber in unberechenbaren Wasserrohrbrüchen aus.

Nun zu den Menschen.

„Eigentlich ist jede Familie eine Sekte für sich, mit irgendeiner speziellen Idee oder Wahnvorstellung, um die alles kreist“, sagt die Ich-Erzählerin in Miriam Böttgers Roman. Das Buch ist Autofiktion. Die Ich-Erzählerin fährt oft aus Berlin zurück in ihre Heimat, sei es während des Studiums oder auch nachher im Berufsleben. Sie hat das Gefühl, sie müsse sich um ihre Eltern kümmern, sonst gäbe es nur noch weitere Unglücke und Leid, Leid, Leid.

Aus der Sicht der Eltern, vor allem der Mutter, ist diese Kasseler Existenz ein einziges Unglück. Über die Mutter erfahren wir im Laufe des Textes am meisten. Eine Diva, die sich bis mittags in ihrem Zimmer aufhält. Die in Krisen das Essen vom Gatten auf einem Tablett vor die Tür serviert bekommt, um es dann zu verschmähen und lediglich das Wasser ins Zimmer zu ziehen. Eine zarte, unglaublich zerbrechlich erscheinende Person, die bei Bedarf aber sehr zäh und böse sein kann. Dazu der Vater, der sich gern im Hintergrund hält und wenig spricht. Und eben dieses Haus.

Egal, was diese Familie tut – es immer das schlechtere Auto, die kleinere Karriere, sie ziehen grundsätzlich die Niete in der Tombola. Schon lange haben die Eltern beschlossen, das Haus zu verkaufen, begleitend von der Leier des Unglücks: dieses Haus ist unverkäuflich, dafür interessiert sich sowieso niemand, das werden wir nie los, wie konnten wir uns nur auf dieses Haus einlassen. Der Mythos ist – es ist unverkäuflich.

Denkste. Es gibt einen Käufer und der Tag des Auszugs rückt immer näher.
Mit der liebevollen Komik einer Tochter, aber doch messerscharf sezierend, schildert die Ich-Erzählerin die Qual der Eltern. Was leugnen? Was zur Kenntnis nehmen? Was mitnehmen? Was wegwerfen? Die neue Wohnung ist kleiner. Der Vater ist nicht in der Lage, einen Container zu bestellen. Das erwachsene Kind kreist um seine vom Unglück verfolgten Eltern und versucht, dabei selbst nicht zu verzweifeln.

Die Erzählung lebt von den Beobachtungen und Kommentierungen der Tochter, sie breitet das ganze Familienpanorama bestehend aus zahlreichen Tanten, Onkels, Cousinen und Cousins für uns aus. Die Autorin berichtet von Anekdoten und Begebenheiten, die uns schmunzeln lassen, aber auch nachdenklich machen. Diese Aneinanderreihung hat manchmal etwas Redundantes.

„Aus dem Haus“ ist ein Romandebut. Zwar ein gelungenes, aber eines, dessen Idee noch keine 220 Seiten trägt.

Quelle Cover: Verlag Galiani

29/08/2024

Der Ire
Thriller von Peter Mann
Verlag Suhrkamp, Deutsche Edition Erstausgabe 2024

Zu aller erst ein Hinweis: ACHTUNG! Dieses Buch enthält Inhalte und Formulierungen, die Sie belasten könnten. In diesem Thriller häufen sich Morde, irischer Humor, Drogen, expliziteste sexuelle Gewalt und Literatur. Ernst: Das hier ist ganz klar FSK 18.

Einer von zwei Protagonisten dieses spannenden Spionageplots ist Frank Ryan (auf Irisch: Proinsias Ó Riain); geboren am 11. September 1902, gestorben am 10. Juni 1944. Ryan, ursprünglich Journalist von Beruf, führte die irische Brigade im Spanischen Bürgerkrieg und kämpfte mit Irisch-Republikanischen Armee im Irischen Bürgerkrieg. Nach seiner Gefangennahme durch italienische Nationalisten wurde er erst zum Tode verurteilt, dann aber zu 30 Jahren Gefängnis begnadigt. 1940 holten ihn die deutschen Behörden des Dritten Reiches nach Berlin, um den Nationalsozialisten als Spion zu dienen.

Dagegen fällt sein literarisches Gegenüber nachgerade blass aus. Adrian de Groot alias Johannes Grotius alias Emil Fluss. Offizier im militärischen Abwehrdienst, im Innersten aber Nazigegner. Grotius ist von den Behörden offiziell als Übersetzer und Dolmetscher eingesetzt, daher ist er oft sehr nah an der Macht. 1940 hat er die Aufgabe, ausländische Spione, die für das Reich arbeiten, zu betreuen und für die Einsätze zu schulen. Ein internationales faschistisches Ausländercamp.
Und alsbald finden sich Ryan und Grotius in einer mehr als komplizierten erotischen (Liebes -?)beziehung. Als ob das Ding mit der Spionage nicht schon anstrengend und gefährlich genug wäre.
Dem Leser, der Leserin wird strukturell einiges zugemutet. Es empfiehlt sich, für den Start ins Buch auf Schlag Zeit für die ersten 100 Seiten zu haben. Erst mal reinkommen.

Das Setting klingt reizvoll. Im September 1945 werden im zerbombten Berlin zwei Manuskripte gefunden. Beide schildern das „Leben und Wirken“ von Frank Ryan von der Freilassung aus dem Gefängnis bis zu seinem Tod.
Das eine sind die Tagebuchaufzeichnungen von Grotius, der seine Beziehung zu „Pike“ wie er Ryan nennt, schildert. Das andere ist eine Darstellung der Taten des Iren aus der Perspektive seines keltischen Alter Egos, Finn Mc Cool. Erst dauert es eine Weile, die beiden Textstränge so zusammenzuführen, dass wir Leser begreifen, wie die kommenden 400 Seiten funktionieren. Dann wird es ein großes Lesevergnügen. Von Vorteil ist jeweils ein Schuss Geschichtskenntnis zum Dritten Reich und Affinität zur irischen Welt der Feen, Kobolde und weiterer mythischer Gestalten.

Welche Ziele und Aufträge hat Ryan wirklich und von wem? Welche Pläne hat Grotius mit Ryan, und wie schlägt er sich selbst in der Verwaltung des langsam aber sicher zugrunde gehenden Dritten Reiches.
Je weiter die Handlung fortschreitet, desto irrwitziger werden die Wendungen und Verschlingungen des Plots. Niemand im Cast ist letztendlich der oder die, als der er oder sie nach außen erscheint. Ein großes Vergnügen.

Kritikpunkt: s.o. – es gibt für meinen Geschmack mit fortschreitender Handlung einfach zu viel schwulen S*x und zu viel Gewalt. „Viel hilft viel.“ - hilft eben doch nicht.

Quelle Cover: Verlag Suhrkamp

17/08/2024

Ein Regenbogen für den Schah
Roman von Elyseo da Silva
2024

Eigenverlag, Druck und Herstellung: Tolino Medien GmbH & Co. KG, München

Dies ist ein sehr westdeutsches Buch. Es spielt im Köln der späten 1960er Jahre. Die Jugend begehrt auf. Unter den Talaren der M**f von tausend Jahren. Der Schah kommt zu Besuch in die Bundesrepublik, Benno Ohnesorg wird erschossen, Rudi Dutschke lebensgefährlich verletzt. Mittendrin Luk und Galiano, mit sehr verschiedenen und gemischten Gefühlen. Aber damit sind wir schon fast am Ende des Buches.

Der Autor, Elyseo da Silva, Mitte der 1970er Jahre in Deutschland geboren, studierte Literatur und Philosophie. Er arbeitete als Lehrer, Übersetzer und Dolmetscher. Zurzeit lebt er in Lissabon. Ein Regenbogen für den Schah“ ist der erste Band einer zweiteiligen Luk & Galiano „Miniserie“ ist. Will sagen, wir haben nur die erste Hälfte eines Ganzen in der Hand.

Rückblende - 200 Seiten zuvor.

Lukas von Freystein und Maximilian Galiano lernen sich durch Zufall in der Kölner Innenstadt kennen. Luk ist ganz schön neben der Spur und Galiano hat das Gefühl, ihn nicht alleine lassen zu können. Beide sind besondere Talente. Luk spielt Klavier, Galiano schreibt. Und beide haben ziemlich ungewöhnliche Familien und Familiengeschichten. Wenn das mal kein Zufall ist. Zwischen den beiden entwickelt sich über Monate hinweg eine Beziehung. Was zu dieser Zeit alles andere als einfach ist, denn in der Bundesrepublik Deutschland bestand der § 175 bis 1969 und formal weiter und wurde letztendlich erst 1994 im Rahmen der Wiedervereinigung der Bundesrepublik und der DDR an die ehemalige, schon seit langen Jahren sehr viel tolerantere Rechtslage der DDR, angepasst.

Die Jungs stehen auf der Schwelle zwischen Abitur und Studium, zu dieser Zeit ist man damals erst mit 21 Jahren volljährig. Anlass genug für Lukas, so häufig wie möglich zu Galiano zu fliehen, weil sein Vater ein brutaler Schläger ist, und auch vor dem fast erwachsenen Lukas in seinem Zorn keinen Halt macht. Die Beiden teilen Musik, Literatur, Philosophie, und die großen Fragen und Gefühle dieses Lebensalters und dieser Phase der Zeitgeschichte in der Bundesrepublik.

Resumée: Da gehen in der Handlung zu viele Erzählstränge durcheinander. Die Sprache ist häufig schwierig zu verdauen (S*xszenen sind einfach nicht einfach!), oft hört man den nicht-ganz-Muttersprachler, und vermisst umso mehr Korrektorat und Lektorat.

Aber dennoch: Es sind wichtige Themen, auch für die heutige Zeit, und wir warten auf den zweiten Teil, der tröstet uns vielleicht über manchen Hackler im ersten hinweg.
…. gelandet wie ein Bettvorleger.

27/07/2024

Micha Lewinsky
Sobald wir angekommen sind
Verlag Diogenes auch Quelle des Covers

"Gott lacht mit seinen Geschöpfen, nicht über seine Geschöpfe", so steht es im Talmud.

Eine Jude hat zwanzig Jahre lang jeden Tag gebetet: „Lieber Gott, lass mich in der Lotterie gewinnen.“ Eines Tages öffnet sich der Himmel, und die Stimme Gottes erschallt: „Gibt mir eine Chance, kauf dir ein Los!“

Juden haben keinen Humor. Punkt.

In eigener Sache: Es geht hier nicht um Judenwitze, sondern um jüdischen Humor.

Dieses Entry habe ich mir mehr oder weniger von Charles Lewinsky gestohlen. Danke dafür. Lewinsky ist Dramaturg und Autor, sein Sohn Micha schrieb bisher Filmdrehbücher, dieses Buch ist sein erster Roman. Und der funktioniert einwandfrei in Szenen, Kameraeinstellungen, Schnitten und Cliff Hangern. Und, wie mancher Film, abseits von Realitäten. Das ist der Grund, warum Menschen jeden Alters Geschichten lieben.

Benjamin Oppenheimer ist Autor. Mit mehr oder weniger Erfolg. Privat ist gerade nicht alles so prall: Seine (jüdische) Frau Marina hat sich von ihm getrennt, die zwei praktizieren aus Geldnot (Zürich ist die teuerste Stadt der Welt.) mit ihren beiden Kindern das „Nestmodell“ und streiten bei jeder Übergabe wie die sprichwörtlichen Kesselflicker. Ben hat chronische Rückenschmerzen und Geldsorgen, aber auch eine neue Freundin. Was er gar nicht glauben kann. Julia ist Künstlerin, erfolgreich und ein gutes Stück jünger als er, und sie liebt ihn offensichtlich. Nur ihr vierjähriger Sohn wünscht dem ungeliebten Lover lautstark den Tod.

Bens Lage spitzt sich zu, kein Geld, keine Schreibidee, keine Aufträge aus der Werbebranche oder Ähnliches. Zu guter Letzt wird er auf dem Weg zu Julia mit dem Fahrrad von einem Auto angerempelt und stürzt. Die Hose ist hin, das Knie tut weh – aber der Held verzichtet auf eine Taxe und schiebt sich mit dem Rad zu Julia. Die lacht und versorgt ihn mit einem Dinosaurierpflaster. In diesen Szenen sind „Stan und Ollie“ nicht weit.
In die Klamotte bricht jedoch die Welt. Die politische Lage spitzt sich nebulös zu und bei Marina brennen die Lampen durch. Der Instinkt regiert. In Erwartung eines Dritten Weltkrieges inklusive Atomschlag gegen Mitteleuropa fliegt die ganze Familie Hals über Kopf nach Brasilien. Julia bleibt daheim.

Dort angekommen ändert sich der Ton des Buches. Deutlich weniger „Stan und Ollie“, mehr Reflektion. Ist es seit Jahrtausenden das Wesen des Jüdischseins zu fliehen? Ist es noch heute in jedem Juden verankert, bei der kleinsten Erschütterung die Sachen zu packen? Die Traumata in der NS-Zeit, Konzentrationslagerhaft, den Verlust vieler Angehöriger, unbeschreibliche Folter, medizinische Experimente etc. – sind sie quasi in die Menschen gekrochen, in ihre Poren, Nerven und Kleider?
„Nu“- …

P.S.: Jetzt würde der Text zu lang. Aber, achten sie auf den Freund Joachim und Stefan Zweig.

20/07/2024

Arno Geiger: Die Reise nach Laredo.
Verlag: Hanser
erscheint am 19. August 2024

Dies ist ein un-Geiger(i)scher Geiger. Würde ich meinen. Jetzt muss sich die Leserin mit dem Autor entwickeln, dem Text folgen. Vamos.

Die „Reise nach Laredo“ hat einen historischen Rahmen. König Karl V., aus dem Geschlecht der Habsburger, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und als Karl I. König von Spanien (1500-1558) zieht sich Mitte des 16. Jahrhunderts sowohl als König von Spanien als auch Deutscher Kaiser zurück und lebt fortan im Kloster Yuste in Nordspanien. Der Ex-Kaiser, Ex-König sucht nach Vergebung, nach Einheit mit seinem Gott, nach Vergebung und Erlösung. Karl ist krank, die Gicht macht ihn (eigentlich) bewegungsunfähig, Er blickt von seinem Bett aus in die Kirche und verfolgt die Messen. Die Lakaien sind um ihn herum, der Beichtvater, der Arzt, der Majordomus, der Kammerdiener, und alle warten darauf, dass Karl endlich stirbt Das tut er dann auch. So weit das Historische.

Als sein 11jähriger unehelicher Sohn Geronimo, der in der Nähe bei einer anderen Familie untergebracht ist und nichts über seine Herkunft weiß, vorlaut über die Hecke klettert und ohne Berührungsängste beginnt, den Alten zu befragen, bekommt die Geschichte Flügel.

Die Beiden fliehen bei Nacht, auf geht‘s, auf Pferd und Maultier nach Laredo an die nordspanische Küste. Keine Logik, kein Warum – einfach der Geschichte folgen. Mitte des 16. Jahrhunderts zu reisen, als normaler Mensch und nicht als Kaiser oder König, ist beschwerlich. Hygiene, Versorgung, Tempo, Sicherheit. Vergesst es. Karl und Geronimo treffen auf Honza und Angelita, die beiden jungen Leute, auch fast noch Kinder, sind Cagots, Ausgestoßene, die an ihrer Kleidung einen Enten- oder Gänsefuß tragen müssen. Sie haben einen Wagen, von Maultieren gezogen, sind Fuhrleute.

Endlich kann Karl seine gichtigen Glieder vom Maultier hieven. Das Leben ist gefährlich, ärmlich, und der Mensch ist der Natur und dem göttlichen Willen vollständig ausgesetzt. Aufklärerische Ansätze, Reformation oder gar Gegenreformation sind in die nordspanische Pampa noch nicht geraten. Es gilt das Gesetz des Stärkeren, das harte Leben, der Dreck, die Armut werden mit Alkohol und Glücksspiel betäubt – und für Karl gibt es manchmal auch ein Schlückchen Laudanum.

„Schönheit? Was das ist, das weiß ich nicht.“

Die Vier lernen sich kennen, wie Karl noch nie in seinem Leben Menschen kennen, lieben und schätzen gelernt hat. Bis auf seine verstorbene Frau Isabel. Er lebt auf Knien vor seinem Gott. Er kämpft mit Fragen, die durch seinen verwirrten Kopf flattern. Er verurteilt sich, er hinterfragt sich und seinen Gott, er zweifelt. Aber - er erlebt Momente der Ruhe, Freude und Gelassenheit, kommt in flüchtigen Momenten im wahrsten Sinne zu sich selbst. Und im Text beginnt eine Meditation, der Text fließt wie ein Strom in Karls Kopf, etwas Magisches und etwas Magnetisches.

„Das Leben – es ist ein Taumel. Amen.“

Der Autor ist Jahrgang 1968, und wir hoffen, dass der Arno Geiger nicht mit diesem Buch unter die Schwermütigen geraten ist. Und – Botschaft an den Verlag. Die Vita von Arno Geiger sollte aus deutlich mehr bestehen als auch Titeln und Preisen.

„Zum Abendessen werden Singvögel aufgetragen. Drossel mit Kohl.“

Quelle Cover: Verlag Hanser.

16/07/2024

Eine Lady in Hollywood

Dieses Buch erschien 2013 im Verlag Penguin als eBook und im Eigenverlag des Autors. Außerdem als eine Erzählung in dem Band „Table for two“ (2024), der leider nicht auf Deutsch vorliegt. Die Hauptperson unseres Bandes hier, Miss Evelyn Ross, kommt aus dem Band „Rules of Civility“ (2021), auf Deutsch „Eine Frage der Höflichkeit“ (2023). Sie ist ergo ein klassiches Spin Off.
Und wenn Sie sich jetzt fragen, woher Sie den Namen Amor Towles kennen, dann liegt das wahrscheinlich an „Einem Gentleman in Moskau“, und Sie haben dieses Buch gelesen oder die Paramount Verfilmung als Mini-Serie geguckt.

Aber nun zu „Eve“. Es dauert eine Weile, bis klar wird, dass Miss Evelyn Ross die Protagonistin dieses Buches werden wird. Ihr erstes eigenes Kapitel beginnt nach der Seite 70. Davor taucht die junge Frau mit dem roten Koffer immer mal am Rande auf, bis sich die einzelnen Erzählstränge mehr und mehr aufeinander zu bewegen, um letztendlich in einem großen Finale zusammengeführt zu werden.

Das Buch ist Welt-Gesellschaftsbild. In München wird zur gleichen Zeit das sogenannte Münchner Abkommen geschlossen. Ein letztes Aufbäumen der Regierungen in Europa, einen Krieg zu verhindern. Derweil auf der anderen Seite des Globus. Hollywood, Ende der dreißiger Jahre. Das Filmbusiness, so wie wir es uns heute vorstellen wie es damals gewesen sein könnte, tobt. Es geht um Stars und Sternchen, Verträge, Rollen, Liebe und die menschlichen Abgründe, die Brutalität der Branche. Eve zieht ins Beverly Hills Hotel. Wer verdammt ist sie? Sie hinterlegt einen Verlobungsring und einen diamantenen Ohrring im Hotelsafe, nur um am nächsten Tag diesen Ohrring mitzunehmen und später mit ein paar Kleidern und Schuhen zurückzukommen. Das gibt dem Hoteldetektiv zwar zu denken, doch er legt sie ab in die Kategorie: Sucht reichen Ehemann. Was wird der sich irren.

Langsam füllt sich das Tableau der handelnden Personen. Da ist Prentice, der gealterte und deutlich aus dem Leim gegangene Schauspieler. Charlie, der Polizist, dessen Frau gerade verstorben ist. Marcus Benton, Jurist in einer der Filmfabriken und viele mehr. Stück für Stück setzt sich das Puzzle zusammen. Und aus dem „la la Geplänkel“ wird eine handfeste Erpressung, ein dreckiger Handel mit Nacktfotos von berühmten Frauen, oft Filmdarstellerinnen. Die erste, die auf der Liste der Erpresser steht, ist Olivia de Havilland, kurz in der Szene: dehavvy. Doch das wäre alles nix, wenn nicht plötzlich die geheimnisvolle Eve eingriffe. Die Dinge weiß und Dinge tut und Menschen kennt – und offensichtlich gar kein Nerven hat. Sie nimmt Ollie unter ihre Fittiche und sagt der übergriffigen Männlichkeit den Kampf an.

Der Text funktioniert wie eine Matrjoschka. Mit jedem Kapitel kommen wir dem Kern der Sache eine Schicht näher, ein neuer Aspekt, eine neue Wendung tritt zutage. Immer temporeicher, immer dichter wird der Text. Und somit immer spannender und faszinierender für die Leserinnen und Leser.

Zum Schluss erfahren wir: in und hinter vielen der agierenden Personen stecken Schicksale und Haltungen. Depression, Eifersucht und Mut. Haltung und Kampfgeist.

Cover: Verlag Hanser

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