14/12/2015
Ich begegnete Tobias in der 5. Klasse, zu einer Zeit, da ich lernte, Menschen wie Tobias zu verachten. Tobias war mir irgendwie unheimlich. Immer trug er saubere Hosen. Immer war er freundlich. Immer erhielt er Bestnoten. Im Gegensatz dazu: Ich. Ein Junge, der seine Grundschulzeit überwiegend verletzungsfrei und mit Fußbällen im Kopf verlebt und Schule bisher für eine mehr oder weniger sinnvolle Begleiterscheinung gehalten hatte. Ein junger Kerl, der im Alter von 11 Jahren plötzlich feststellte, dass es in der Schule ums nackte Überleben geht. Ein entfröhlichter Mensch, der in den nächsten Jahren Fässer voller Tränen über Klassenarbeiten vergießen würde.
Und Tobias? Ich sehe ihn wie damals. Er sitzt völlig tiefenentspannt auf seinem Stuhl und scheint sich an meinem Elend zu laben. Er darf das. Er stimmt. Zensurenspiegel werden an die Tafel geschrieben, Einserkandidaten gelobt, Fünferkandidaten gemobbt. "Und Tobias hat die einzige Eins geschrieben. An dem müsst ihr euch ein Beispiel nehmen!" Frau Schröder ist mal wieder ganz hingerissen - von ihm, dem allmächtigen Tobias. Mitleidig, aber auch etwas beleidigt schaut mich Frau Schröder an (ich nannte sie "dusselige Kuh"): "Andreas, das war mal wieder nichts. Du hast wohl nicht geübt? Na ja, du wirst schon wissen, was dir wichtig ist."
25 Kinder glotzen mich an. Die, die mich mitleidig anschauen, besudeln mich ungewollt mit Scham. Ich überschütte sie - außer mir vor Wut und Enttäuschung - mit teuflischen Verwünschungen.
Und Tobias? Er lächelt. Wie immer. Ich habe ihn gehasst. Ich habe ihn gehasst, weil er im Vergleich zu mir deutlich besser abschnitt und ich chancenlos war.
Tobias und ich hatten keine Chance, uns von Mensch zu Mensch zu begegnen, weil wir in einem System steckten, das aus Menschen Konkurrenten machte.
Konkurrenz soll bekanntlich das Geschäft beleben. Ja, das mag schon sein. Das aber ist nicht alles.
Konkurrenzdenken produziert Verlierer. Sowohl auf der materiellen Ebene als auch auf der Ebene des Selbstwertes.
Entwertete und entfremdete Menschen distanzieren sich und neigen dazu, sich das zu nehmen bzw. das zu schützen, was ihnen zusteht.
Und irgendwann sehen alle Menschen aus wie Tobias. Egal, ob sie aus Syrien kommen oder auf dem Sozialamt arbeiten.
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