15/04/2024
Immanuel Kant (1724-1804), einer der größten Philosophen der europäischen Kulturgeschichte, dachte auch über das Gelingen einer guten Erziehung nach. Dabei begab er sich auf die Suche nach einer Pädagogik, die der „Bestimmung“ des Menschen entspricht: ein vernünftiges, freiheitsliebendes und moralisch empfindsames Lebewesen sein zu können.
Manfred Geier, einer der bekanntesten Kant-Interpreten der letzten Jahrzehnte, zeigt entlang der Sammlung von Texten dessen pädagogische Vision als eine „Anleitung zur Freiheit“. Nach Kant sind die genannten Eigenarten des Menschen nicht nur eine Anlage, die sich nicht instinktgeleitet entwickelt. Sie muss zielgerichtet entfaltet werden. Der Mensch muss erzogen werden, wobei die Dreiheit von Vernunft, Freiheit und Moral von vornherein eine zwangsweise Abrichtung verbietet.
Besucht uns im Karl-Jaspers-Haus! 🥳
09/04/2024
Heute Abend im Karl-Jaspers-Haus in Oldenburg.🙌
Gudrun Ensslin gehörte zur Führungsspitze der RAF. Doch war sie nicht nur Terroristin. Sie war Freundin, Klassenkameradin, Verlobte, Geliebte, Tochter, Schwester und eine hochgebildete Person. Sie war voll und ganz ein Kind ihrer Zeit – wie auch die Richter in Stammheim, die Anwälte, die Repräsentanten des Staates. Jede Form von Terror hält der Zeit, in der er wütet, den Spiegel vor.
Die Biografie räumt mit gängigen Klischees und Vorurteilen auf, die die Terroristin als Produkt eines provinziellen Pastorenhaushalts, als hysterische Blondine, als Waffen- und Modefetischistin sehen, und holt sie aus dem Schattendasein des Baader-Meinhof-Komplexes. Sichtbar wird das Bild einer wachen, sprachmächtigen Beobachterin wie einer widersprüchlichen Persönlichkeit.
Umfassend beschreibt die Autorin Dr. Ingeborg Gleichauf Gudrun Ensslins geistige und politische Entwicklung und zeigt, wie aus dem intellektuellen Bürgertum des Nachkriegsdeutschlands eine gewaltbereite Radikalisierung möglich war.
07/03/2024
„Ich glaube fest, dass man in der wissenschaftl. Entwicklung um mich nicht herum kommt.“ So selbstsicher wie in diesem Privatbrief vom Februar 1913 klingt Jaspers selten. – Dementi der eigenen Bedeutsamkeit entsprachen eher seinem Naturell und dem Stil eines Denkens, das sich als «aneignende Nachahmung» der großen Philosophen versteht. Aber zumindest für die Geschichte der Psychiatrie im 20. und inzwischen 21. Jahrhundert sollte Jaspers Recht behalten. Seine Allgemeine Psychopathologie gilt als Standardwerk, seine programmatischen Essays zur «Idee des Arztes» werden bis heute gelesen und kontrovers diskutiert.
Im jüngst edierten Band I/4 der kommentierten Karl Jaspers-Gesamtausgabe sind dessen „Pathographische Analysen und Schriften zur Medizin“ versammelt: unter anderem die Studie über «Strindberg und van Gogh» (1922), den Anti-Freud «Zur Kritik der Psychoanalyse» (1950) sowie, ebenfalls aus den 1950er Jahren, die Vorträge «Arzt und Patient», «Die Idee des Arztes», «Der Arzt im technischen Zeitalter», bis hin zu Jaspers’ letztem publizierten Text gegen die «generelle Strafbarkeit der Homosexualität».
Dr. Dominic Kaegi ist Koordinator der Karl Jaspers-Gesamtausgabe an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. In der Gesamtausgabe gab er außerdem die Bände »Existenzphilosophie« (2018) und »Nietzsche« (2020) heraus.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, dem Vortrag beizuwohnen! 🙂
28/02/2024
Die bislang unerzählte Geschichte von Anne Franks weltberühmtem Tagebuch schließt eine Leerstelle in der Erzählung über Anne Frank.
Anne Frank träumte davon, eines Tages eine berühmte Schriftstellerin zu werden. Ihr Vater Otto Frank, der den Krieg als einziges Familienmitglied überlebte, wollte seiner Tochter diesen Wunsch erfüllen und machte die Verbreitung von Annes Tagebuch zu seinem Lebensinhalt. 1947 erschien „Het Achterhuis“ in den Niederlanden, 1950 wurde die erste deutsche Ausgabe veröffentlicht. Heute zählt das Tagebuch zu den meistgelesenen Büchern der Welt; die Wirkung, die es seit der Nachkriegszeit entfaltet, ist unvergleichlich und ungebrochen. Doch die Geschichte seines Erfolgs ist geprägt von Hindernissen und Rückschlägen – und weitgehend unbekannt. Kenntnisreich entschlüsselt Thomas Sparr, wie es entstanden ist, wie es verbreitet wurde, wie es auf der ganzen Welt rezipiert wird und warum es uns bis heute nicht loslässt.
Thomas Sparr, 1956 in Hamburg geboren, ist Autor, Literaturwissenschaftler und Verlagslektor. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Marburg, Hamburg und Paris war er von 1986 bis 1989 an der Hebräischen Universität in Jerusalem tätig, anschließend im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Von 1990 bis 1998 leitete er den Jüdischen Verlag, war Cheflektor des Siedler Verlags und arbeitet heute im Suhrkamp Verlag als Editor-at-Large. 2020 erschien sein vielbesprochenes Buch »Todesfuge. Biographie eines Gedichts« (DVA). Für seine Recherchen zur Geschichte von Anne Franks Tagebuch wertete er zahlreiche Archive aus. Er lebt in Berlin.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen! 🙂🥳
26/02/2024
Persönlichkeitsstörungen wurden in der klassischen Psychopathologie, auch von Karl Jaspers, als Personen bestimmt, „die an ihrer Abnormität leiden oder an deren Abnormität die Gesellschaft leidet“. Die „abnormen Persönlichkeiten“ galten als „negative Extremvarianten“ und wurden klinisch in ein typologisches System gebracht. Dieser kategoriale Ansatz ist in den letzten Jahren zunehmend in die Kritik geraten und forderte eine Neubestimmung heraus, was eine ‚gesunde‘ und eine ‚gestörte‘ Persönlichkeit ausmacht.
Der Vortrag kontrastiert das tradierte Verständnis von Persönlichkeitsstörungen mit dem aktuellen Modell. Hierfür legt er dessen ideengeschichtliche Herkunft aus der entwicklungspsychologisch orientierten Psychodynamik frei. Die klinisch-rekonstruierende Arbeit mit psychisch kranken Menschen ermöglicht ebenso wie die empirische Säuglingsbeobachtung die enorme Bedeutung interpersonaler Prozesse für die Subjektwerdung und Persönlichkeitsentwicklung zu erkennen. So wird Persönlichkeit als Funktion verstanden, die den Bezug zur eigenen Person bzw. dem Selbst und zu anderen Personen ermöglicht.
Carsten Spitzer leitet als Direktor die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Rostock. Er ist Mitherausgeber verschiedener Fachzeitschriften und forscht u.a. zu Persönlichkeit und ihren (entwicklungsbedingten) Störungen. Jüngste Buchpublikation: Psychotherapeuten und das Altern – Die Bedeutung des Alterns in der therapeutischen Beziehung und der eigenen Lebensgeschichte (Springer 2023).
Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Karl Jaspers Gesellschaft mit Dr. med. Silke Kleinschmidt als Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (Karl Jaspers-Klinik Westerstede).
20/02/2024
Schon Rahel Varnhagen, die Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik, beruht vor allem auf Briefen. Vor und nach 1933 erkundet Hannah Arendt in der Biographie die Spannungen zwischen dem privaten und öffentlichen Leben, die in der Zeit von Lessing und Moses Mendelssohn zum Scheitern der Assimilation führten.
Im späteren Exil werden die Briefe der politischen Philosophin zum Zeugnis ihres kosmopolitischen Lebens, das eine seltene Kunst zur Freundschaft ahnen lässt. Arendt pflegt, wie sie Martin Heidegger, ihrem ersten Lehrer und Geliebten, später mitteilen wird, ein „Denken ohne Geländer“. Im Schreiben lässt sie äußere Tatsachen zur inneren Wirklichkeit werden, fern ideologischer Gesinnungen, wie sie politische, philosophische oder religiöse Gemeinschaften anbieten und fordern.
Wir freuen uns, euch zu diesem spannenden Thema ins Karl Japsers-Haus einzuladen! Für Studenten ist der Eintritt frei! 👍
11/07/2023
Ausgehend von der historischen Situation, dem „Leben und Sterben der großen Romanisten“ (H. U. Gumbrecht), erzählt Gerhard Poppenberg nicht einfach eine Geschichte der deutschen Romanistik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Heidelberger Romanist gibt entlang seines jüngsten Buches zu „Grundfragen der Philologie“ sowohl persönliche Porträts wie fachliche Ausblicke auf die Romanistik als Geisteswissenschaft.
Poppenberg versteht die vier vorgestellten Romanisten – Karl Vossler, Erich Auerbach, Ernst Robert Curtius und Leo Spitzer – als „europäische Philologen“. Sie entwickelten ihre Forschungen – Auerbach und Spitzer waren jüdischer Herkunft und mussten nach 1933 ins Exil gehen – im Horizont der europäischen Geschichte von der griechisch-jüdisch-römischen Antike über das christliche Mittelalter bis zur neuzeitlichen Moderne. Alle besaßen einen starken Begriff von der Geschichtlichkeit Europas. Ein solcher Geist der Philologie könnte ein entscheidender Beitrag Europas in der globalisierten Welt sein, um die interkulturellen Beziehungen zwischen den Zivilisationen anzuregen.
Gerhard Poppenberg lehrte als Professor für Romanische Philologie an der Universität Heidelberg und ist heute tätig als Autor für Rundfunk und Tagespresse sowie Übersetzer für verschiedene Verlage. Er publizierte zur spanischen und französischen Literatur sowie zur Literaturtheorie. Letzte Buchveröffentlichungen waren: Martin Scorsese. Einführung in seine Filme und Filmästhetik, Paderborn, Fink, 2018 (zusammen mit Dana Poppenberg); Herbst der Theorie. Erinnerungen an die alte Gelehrtenrepublik Deutschland, Berlin, Matthes & Seitz, 2018; Heidelberger Einführung in die Literaturwissenschaft für Romanisten, Heidelberg, Winter, 2019 und Geist, Geschichte, Wirklichkeit. Grundfragen der Philologie in der deutschen Romanistik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Heidelberg, Winter, 2022.
Alle sind herzlich eingeladen, dem spannenden Vortrag beizuwohnen! 🙂
04/07/2023
Im letzten Monat besuchten Gregorij H. von Leïtis und Michael Lahr die Karl-Jaspers-Gesellschaft in Oldenburg. Als Studentin hatte ich das Privileg, sie am nächsten Morgen zum Frühstück zu treffen und zu befragen🙂. In der folgenden Beschreibung finden sich Ergänzungen & weiterführende Links:
Gregorij H. von Leïtis Karriere begann vor mehr als 50 Jahren damit, dass er Menschen aus unterschiedlichsten Schichten miteinander verband und dies auch für diverse europäische und US-amerikanische Theater unternahm. Im Jahr 1983 gründete er in New York die Elysium Theater Company, die er bis zu seiner Berufung als Intendant an das Landestheater Mecklenburg-Neustrelitz leitete. Zwei Jahre später erhielt von Leïtis für seine Regie von Bertolt Brechts „Die jüdische Frau“ als erster Nicht-Amerikaner den New York Club Prize. Im selben Jahr gründete er die Erwin Piscator Award Society. Entsprechend seiner begleitenden Ziele und Ideale engagiert er sich seit 1987 mit Theatermitteln für die Integration von sozialen Randgruppen, arbeitete mit Kindern puerto-ricanischer Einwanderer im East Village und installierte 1989 mit Elysium das Programm Theater für Obdachlose.
Michael Lahr studierte Philosophie und Erwachsenenbildung an der Hochschule in München sowie der Jesuiten-Universität Centre Sèvres in Paris. Er ist Herausgeber und Autor diverser Bücher. Sein besonderes Interesse gilt dabei dem Leben und Werk von Erwin Piscator. Auch in den Jahrbüchern der Karl-Jaspers-Gesellschaft lassen sich interessante Aufsätze von Lahr über Piscator finden.
The Lahr von Leïtis Archive & Academy: https://lahrvonleitisacademy.eu/de/home-2/
Erwin Piscator Society: https://lahrvonleitisacademy.eu/de/veranstaltungen/erwin-piscator-preis/der-piscator-preis/
Dauerleihgabe The Lahr von Leïtis Archive (exil.arte Zentrum): https://exilarte.org/nachlaesse/elysium-the-lahr-von-leitis-academy-archive
Piscator Ausstellung (Kulturvolk Berlin): https://www.kulturvolk.de/stueck/fuehrung-durch-die-piscator-ausstellung-706355/2023-06-08
27/06/2023
Karl Jaspers Philosophie gilt zusammen mit Martin Heideggers Sein und Zeit als richtungweisendes Hauptwerk der deutschen Existenzphilosophie. Auf dem Boden seiner „Verstehenden Psychologie“ und der Suche nach einem neuen Verständnis der Philosophie legte Jaspers mit dem dreibändigen Werk einen Versuch vor, der jenseits aller Zugriffsmöglichkeiten gegenständlicher Erkenntnis auf das abzielte, „was uns von absoluter Relevanz ist“, die „Existenz“.
Bei der Buchvorstellung gibt Dr. Oliver Immel in Verbindung mit Malte Unverzagt genauere Einblicke in die Bände zur „Weltorientierung“, „Existenzerhellung“ und „Metaphysik“, die gemeinsam kürzlich im Rahmen der Karl-Jaspers-Gesamtausgabe erschienen. 🧐💡
Der Herausgeber skizziert dabei auch den Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Situation der Zeit und dem humanistischen Fokus des Jaspers’schen Werkes. Auch gibt er einen Ausblick auf die Aktualität seines Philosophierens.
Es sind alle herzlich eingeladen, der Buchvorstellung im Karl-Jaspers-Haus beizuwohnen! Wir freuen uns auf neue Gesichter und einen spannenden Abend 🙂🙂🥳
Dr. Oliver Immel, geb. 1972, studierte Philosophie, Ethnologie und Anglistik an der Universität Mainz. Er lehrte als Dozent für Philosophie an den Universitäten Mainz, Heidelberg, Vechta und Oldenburg und ist seit 2012 wissenschaftlicher Editor der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen am Philosophischen Institut der Universität Oldenburg.
13/06/2023
Der Vortrag fragt nach einer Ikonologie der Zeitgeschichte. Das fotografische und filmische Oeuvre Walter Heges wird im Horizont Erwin Panofskys vorgestellt. An der New York University und am Center for Advanced Study in Princeton entwickelte er nach 1933 die Ikonologie weiter, die er in Nähe zu Aby Warburg während der Hamburger Jahre entwickelt hatte. Während der Kriegsjahre beschrieb er die Kunsthistorie bewusst als humanistische Disziplin in einer fragmentierten Welt.
Es wird ein spannender Abend und wir laden alle herzlich ein, dem Vortrag von Dr. Fritz Kestel, bei uns im Karl-Jaspers-Haus zu lauschen. 🤗🌞
Dr. Fritz Kestel studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Politikwissenschaften. Nach der Promotion an der TU in Berlin 1994 war er über Jahrzehnte als Kunstreiseführer in Europa und Lateinamerika tätig. Er forschte an der Harvard University und schreibt als freier Wissenschaftler und Autor für die Zeitschrift für Ideengeschichte, die ARCH+, die Kunstchronik, die digitale Plattform Geschichte der Gegenwart, sowie für den Suhrkamp und Wagenbach Verlag.
12/06/2023
Herzlich Willkommen auf der Instagram-Seite der Karl-Jaspers-Gesellschaft e. V. 😊🙌
Der Verein hat das Anliegen, den Austausch zwischen den Wissenschaften zu fördern und beruhend auf einem ganzheitlichen Ansatz, verschiedene Denkanstöße in die Oldenburger Gesellschaft zu tragen. Inspiriert wird dieses Anliegen durch Karl Jaspers, welcher einen solchen Austausch besonders in den Bereichen der Medizin, Religion, Politik, Kunst und Literatur selbst pflegte.
Für Studierende kostenlos und für alle interessierten Besucher:innen zugänglich, ist eine jede Person herzlich eingeladen, an Lesungen, Vorträgen o.ä. teilzunehmen und sich in einen inspirierenden Austausch zu begeben!
Die studentischen Hiwis des Hauses freuen sich, alle spannenden Ereignisse mit euch zu teilen und den Account redaktionell zu betreuen! 🌞🥳