01/09/2026
Fürstenstein – die Burg, die kaum Zeit hatte, eine zu werden
Wer zur Burg Zwingenberg hinaufschaut, sieht eine mächtige Anlage aus rotem Sandstein. Türme, Mauern und Dächer drängen sich an den steilen Hang über dem Neckar.
Doch etwas weiter rechts oben lag einst noch eine zweite Burg.
Heute muss man schon genau wissen, wonach man sucht. Ein längerer Weg führt den Hang hinauf. Zwischen Bäumen und Gestrüpp liegen einige Mauerreste, Gräben und künstlich angelegte Geländestufen. Viel ist von Fürstenstein nicht geblieben.
Dabei begann ihre Geschichte mit einer ausgesprochen selbstbewussten Ansage.
Im 14. Jahrhundert kontrollierten die Herren von Zwingenberg den Verkehr auf dem Neckar und erhoben Zölle. Das gefiel den mächtigen Nachbarn nicht. 1338 zwangen Kurmainz, die Kurpfalz und Graf Ulrich III. von Württemberg die Zwingenberger, ihre Burg für deren Truppen zu öffnen.
Dem Mainzer Erzbischof Heinrich III. von Virneburg war das anscheinend noch nicht deutlich genug. Zwischen 1338 und 1339 ließ er rechts oberhalb der Zwingenburg einen eigenen befestigten Stützpunkt errichten: Fürstenstein.
Eine Gegenburg.
Mittelalterlich übersetzt bedeutete das ungefähr: „Nur damit wir uns richtig verstehen – wir sitzen jetzt auch hier.“
Fürstenstein war vermutlich keine prachtvolle Burg mit großem Rittersaal, Kapelle und höfischem Leben. Die Anlage war klein und militärisch zweckmäßig. Ihr Mittelpunkt dürfte ein rechteckiges, möglicherweise mehrgeschossiges Steingebäude von etwa zwölf mal neun Metern gewesen sein. Dazu kamen eine kleine ummauerte Vorburg, einfache Holzbauten und ein Halsgraben zur Bergseite.
Oberhalb der eigentlichen Anlage befinden sich mehrere künstlich angelegte Plateaus. Manche Forscher vermuten, dass dort Bliden aufgestellt werden konnten – große mittelalterliche Wurfmaschinen. Bewiesen ist das nicht. Doch die Lage wäre günstig gewesen, um die tiefer stehende Zwingenburg sehr nachdrücklich an die neuen Machtverhältnisse zu erinnern.
Lange währte die Herrlichkeit allerdings nicht.
Bereits Ende 1343 wurde angeordnet, das „Haus Fürstenstein“ abzutragen. 1344 dürfte die junge Burg geschleift worden sein. Vielleicht war sie noch nicht einmal vollständig fertig, als ihre Mauern schon wieder fallen mussten.
Fürstenstein bestand damit vermutlich nur vier oder fünf Jahre. Andere Burgen überdauerten Jahrhunderte, wurden belagert, erweitert und wieder aufgebaut. Fürstenstein kam, drohte – und verschwand.
Heute hat sich der Wald das Gelände zurückgeholt. Wer dort steht, braucht Fantasie, um zwischen Steinen, Gräben und bewachsenen Stufen wieder eine Burg zu erkennen.
Aber vielleicht liegt gerade darin ihr Reiz.
Fürstenstein erzählt nicht von großen Festen oder berühmten Rittern. Sie erzählt von Macht, Trotz und einer mittelalterlichen Nachbarschaft, bei der ein freundlicher Gartenzaun offenbar nicht mehr ausreichte.
Hinweis zum Bild: Die Darstellung wurde von mir mit Unterstützung künstlicher Intelligenz künstlerisch rekonstruiert. Lage und bekannte Baureste dienten als Grundlage. Das genaue Aussehen der Gebäude, Dächer, Holzbauten und Wurfmaschine ist nicht überliefert und wurde von mir nach historischen Vorbildern ergänzt.
Alois mit Hund