16/10/2022
Zeitalter der EinBildung,
zögerlich setzt Mimikin die Bleistiftmine an den Anfang der leeren Seite. Die gezogenen Striche krümmen sich unter der Anspannung ihrer Führung, werden den Augen ihrer Erwartung nicht gerecht, verfehlen ihre Bestimmung. Strich um Strich löst sich die Substanz aus ihrer Form, wird zum wackligen Versuch einer graden Linie und bleibt ungeliebt hinter der nächsten zurück. Als ihre Hand letztlich verkrampft, unterbricht Mimikin ihre Bemühungen und legt den Stift auf den schmutzigen Schreibtisch neben die Anspitzreste. Mit schmolligen Lippen betrachtet sie die Seite. Nur ein, zwei Versuche erfüllen die Norm einer graden Linie, der Rest verdient sich den Anspruch unsymmetrischen Gekrakels. Sie nickt für sich. "In dieser Disziplin bin ich ganz weit vorne".
Während Mimikin ihre Zeichenübung betrachtet, betrachtet Mimikin sich selbst. Wie ein unscheinbares Kind sitzt sie am Tisch, frustriert im Misslingen. Vor ihr verteilen sich lose Blätter, manche tragen Striche der Korrektur. Wortfetzen, Wortschnipsel, Striche, Striche. Die Zeichenübungen hätten Klarheit bringen sollen. Die Gefühle von neben und hinter sich stehen, außerhalb sein, nicht ganz sein, hätten über ihre Berechtigung erzählen können, um sich versöhnlich mit ihr zu vereinen. Stattdessen sieht sie sich wieder und wieder dabei zu, wie sie beginnt zu schreiben, um zu streichen. Sieht sich ungrade Striche streichen.
Mimikin fährt sich durch die Haare. Ihr Blick fällt auf die Schachtel voller Acrylfarben am Tischende. Sie lacht spöttisch über sich. "Das lassen wir heute schön sein."
In entarteten Selbstzweifeln stellt diese Stunde alles infrage. Jede Entscheidung, jede Bemühung, jeden Versuch, die Bedürfnisse, zur eigenen Person zu werden, zu akzeptieren und sich den genügsamen Illusionen fremder Lebenspläne zu widersetzen. Malerei, kreatives Schreiben. "Kunst für Könner, nicht für Autodidakten."
In diesem Moment schreit alles nach Unterwerfung, nach dem Schutz der Anpassung. Sie kann es ja immer noch gut sein lassen, muss nichts schreiben, muss nichts malen, keinen einzigen Strich.
Mimikin weint um sich.
Im Höhepunkt ihrer Bekümmertheit weicht der Schatten von ihrer Seite. Er kehrt zufrieden zurück. Hat fühlen lassen, was es zu fühlen gibt. Hat die Zweifel befreit, noch bevor sie sich im Inneren einschließen. Mimikin fühlt sich zurückkehren, fühlt sich vollständig werden, fühlt sich selbst genug sein. Unter den letzten Tränen beginnt sie zu lächeln. Dankbar für ihre Dämonen, rückt sie den Stuhl an die Tischkante. "Das lassen wir heute schön sein. Bis morgen."
Liebe Leser,
selbstzweifel sind unliebsame Begleiter auf dem Weg zur Verwirklichung unserer Wünsche. Wenn sich unsere Reise falsch anfühlt, dürfen wir eine Pause einlegen und mit Abstand darüber nachdenken, ob wir an unserem Weg zweifeln oder ob wir der Einbildung von Idealen erliegen.
Ich wünsche euch Freude auf eurer Reise.
Mimikin