02/10/2026
Vor Kurzem begegneten mein Mann und ich im Urlaub einem Ziegenhirten. Er gesellte sich zu uns, als wir aus dem Auto heraus seine Herde beobachteten. Er lehnte sich durch das heruntergekurbelte Fenster ein wenig zu uns herein und hielt uns seine Hand hin.
Wir waren sicher, ihn zu verstehen und gaben ihm in der Annahme, er wolle Geld von uns haben, einige Münzen. Er lächelte, sprach ein paar für uns unverständliche Wörter und hielt erneut seine Hand hin. Wieder gaben wir ihm etwas Kleingeld. Hatten wir ihn verstanden? Mitnichten. Er schüttelte den Kopf und deutete auf unsere Wasserflasche. Endlich ging uns ein Licht auf und wir holten eine neue Flasche von der Rückbank. Der Mann bedankte sich überschwenglich. Wir waren erleichtert, sein Anliegen doch noch erkannt zu haben.
Wie häufig interpretieren wir Gesten oder Sätze und liegen damit falsch. Auch in Familien. „Lass mich!“ kann heißen: Ich brauche gerade Ruhe. Es kann aber auch bedeuten: Jetzt passt es nicht, frag mich später noch einmal. Ein Augenrollen kann Genervtheit ausdrücken – oder einfach nur Müdigkeit. Und ein „Ist schon okay“ bedeutet erstaunlich oft alles Mögliche, nur nicht, dass alles okay ist.
Jetzt im Herbst, wenn die Tage kürzer werden und sich das Leben wieder nach drinnen verlagert, rücken Familien oft näher zusammen. Eltern und Kinder verbringen mehr Zeit miteinander oder begegnen sich öfter. Das ist schön – doch Nähe allein schützt bekanntlich nicht vor Missverständnissen. Verstehen ist keine Selbstverständlichkeit, selbst dann nicht, wenn wir dieselbe Sprache sprechen. Oft lohnt es sich, nachzufragen, bevor wir die vermeintlich passende Antwort oder Reaktion liefern. Oder genauer hinzuhören, statt zu glauben, wir hätten längst verstanden.
Dass Sie sich begegnen, einander zuhören und im besten Fall verstehen, was Ihr Gegenüber meint – auch wenn es ein paar Anläufe braucht – das wünsche ich Ihnen.
Erschienen in: Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln, Ausgabe 40/2026
Bilder: DimaBerlin on stock.adobe_com / Familienforum Edith Stein