08/06/2025
Willkommen im Land der Ideen. Also der Ideen, wie man akademische Karrieren zuverlässig zerstört. Man nehme: eine hochqualifizierte Nachwuchswissenschaftlerin, bilde sie auf Weltklasseniveau aus, pumpe öffentliches Geld in ihre Exzellenz, lasse sie dann zehn Jahre lang über Kontinente, Drittmittel und Zeitverträge hetzen – und werfe sie am Ende weg. „Nicht entfristungsfähig.“ Danke für Ihren Dienst an der Wissenschaft. Tür ist da vorn.
Es ist ein System, das seinen Nachwuchs behandelt wie Einwegplastik. Man kann ihn kurz gebrauchen, zum Beispiel für Lehre, Impact-Faktoren und DFG-Anträge – aber wehe, jemand verlangt Stabilität. Oder gar ein Leben. In Deutschland zu forschen heißt: sich selbst systematisch überflüssig zu machen, bevor jemand merkt, dass man noch existiert.
Die Universität als Ort der Erkenntnis? Lächerlich. Sie ist längst zum moralisch blankpolierten Verwertungspark degeneriert. Kettenverträge sind keine Ausnahme, sie sind die Regel. Die akademische Karriere gleicht einem Glücksspielautomaten, in den man Jahre, Herzblut und Kinderwunsch wirft – und am Ende kommt: nichts. Außer vielleicht ein halbes Jahr Verlängerung. „Erfreuliche Perspektive“, sagt der Dekan mit glasigem Blick. Und meint: Wir haben Sie noch nicht ganz verheizt.
Die wahren Spitzenforscher:innen erkennt man daran, dass sie Deutschland verlassen haben. Was bleibt, sind Idealist:innen mit Schlafstörung und Frustrationstoleranz jenseits des Messbaren. Sie dürfen noch Tutorien halten für sechs Euro fünfzig die Stunde und sich von ihrem Chef anhören, man solle das alles „nicht so emotional sehen“. Richtig. Nur weil das ganze Leben kaputtgeht, muss man ja nicht gleich unprofessionell werden.
Und weil’s so gut funktioniert, wirbt Deutschland fröhlich internationale Wissenschaftler:innen an. Mit Glanzbroschüren, Diversity-Siegeln und befristeten Hoffnungen. Willkommen im Tollhaus. Bitte vergessen Sie Ihre Heimat, Ihre Familie, Ihre Sprache, Ihre Rechte. Was Sie mitbringen, ist egal. Was Sie fordern, ist unerwünscht. Sie bekommen ein Büro – wenn Sie Glück haben – und ein Ende mit Schrecken. Wenn Sie Pech haben, nur den Schrecken.
Das alles ist kein Betriebsunfall. Es ist System. Es spart Geld. Es sichert Hierarchien. Es hält die unberechenbare Masse an jungen, denkenden Menschen schön klein, erschöpft und abhängig. Denn wer täglich um seinen Arbeitsvertrag kämpft, hat keine Zeit, das System zu hinterfragen. Und wer’s doch tut, wird aussortiert. Oder promoviert. Was in diesem Land dasselbe ist.
Und wenn dann wieder jemand fragt, warum niemand mehr in die Wissenschaft will, warum Frauen in Massen abbrechen, warum Depressionen und Burnout in der Postdoc-Phase durch die Decke gehen – dann gibt es feierlich eine neue Taskforce, einen runden Tisch, ein Pilotprojekt. Man wird „Maßnahmen evaluieren“. Und weiter rekrutieren. Bis wirklich niemand mehr freiwillig kommt. Nur dann wird das System in Ruhe gelassen. Weil dann nichts mehr da ist, was man noch kaputtmachen könnte.
Exzellenz, heißt es, sei teuer. In Wahrheit ist sie unbezahlbar. Und Deutschland hat längst aufgehört, sich auch nur zu bemühen.