17/09/2026
Es gibt Wege, die man nicht einmal annähernd kopieren kann.
Genau vor zehn Jahren haben mein Shifu und ich eine Baishi abgehalten. Traditionell ist dies eine Zeremonie, in der ein Schüler in die eigene Linie aufgenommen wird. Was es aber wirklich bedeutet, ist, dass aus deinem Lehrer – 老师 (Laoshi) – dein Shifu wird – 师父, der Vaterlehrer.
Im Westen wird dies immer öfter als Titel verstanden, was es nicht ist. Es beschreibt ausschließlich die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer. Man sollte daher niemanden einfach Shifu nennen, denn es kann als Beleidigung aufgefasst werden, wenn man in keiner solchen Beziehung zu ihm steht.
Eine Baishi-Zeremonie ist kein Fest. Sie verändert das gesamte Fundament des eigenen Verständnisses – von der Kampfkunst und von sich selbst.
Auf der einen Seite übergibt dir der Lehrer von diesem Zeitpunkt an Stück für Stück sein gesamtes Erbe, und durch diesen Prozess lebt die Flamme, die über Generationen genährt wurde, in dir weiter. Auf der anderen Seite ist es keine Beschäftigung mehr, nichts Äußeres neben deiner Persönlichkeit: Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen dir und der Kampfkunst. Das verstehen die wenigsten, die nicht selbst an diesem Punkt stehen.
An dieser Stelle braucht es keine Worte der Dankbarkeit, denn kein gesprochenes Wort kann dem gerecht werden, was mein Shifu für mich bedeutet – und dass ich ohne ihn heute nicht der wäre, der ich bin.
In einer Welt, in der die traditionellen chinesischen Kampfkünste sterben, erfüllt mich täglich die Gewissheit, das Richtige für mich zu tun: das Ziranmen in mir zu verfeinern und es mit denen zu teilen, die verstehen, dass es weit mehr ist als bloße Bewegungen – und die wissen, dass man sich eine Mönchsrobe anziehen und als Lehrer Monate in einem Kloster verschwinden kann und am Ende doch genauso ahnungslos bleibt wie zuvor.