28/07/2021
Tatort: IT-Riesen, großer Meetingraum.
Ich sitze mit einem sehr kompetenten Entwickler/Projektleiter zusammen, weil er mir seinen Programmcode zeigen möchte. Im Laufe des Gesprächs streichelt er meine Hand sehr dezent. Ich lasse es mir zuerst nicht anmerken, weil es mir völlig peinlich ist. Er ist in meinen Augen der kompetenteste Entwickler, den ich je kennen gelernt habe und wir beide sollen als externe Mitarbeiter das Projekt für den Auftraggeber durchführen.
Ich merke im Laufe des Gesprächs, dass er mir mit seinem Kopf immer näherkommt, während er meine Lippen anstarrt. Ich kann es nicht fassen, ich bin zu Eis erstarrt, bekomme keine Luft und fühle, dass mir ein Schauer den Rücken runterläuft. Für eine Sekunde raffe ich dann aber all meine Kraft zusammen und ziehe mich zurück. „Nein, Jonas. Bitte nicht!“ sage ich völlig angespannt und wütend zu ihm. Er fühlt sich verlegen und zieht sich ruckartig zurück.
Wir beenden das Gespräch und das Projekt trotzdem erfolgreich. Mir bleibt die Enttäuschung über Jonas jedoch für immer im Kopf und auch die Fragen: warum hat er sich so verhalten? Wie hätte ich diese peinliche Szene vermeiden können?
Mit meinem jetzigen Wissensstand und Erfahrungen sehe ich bei diesem Vorfall, der vielleicht vielen Frauen bekannt vorkommt, folgende Teilaspekte:
Zu jeder sexuellen Belästigung gehören mindestens zwei. Jonas war zwar im Job Top, als Entwickler sehr geschätzt und gefragt aber im Privatleben furchtbar unglücklich mit seiner Ehe. Er war immer noch auf Jagd. Und ich? Ich war aus seiner Sicht eine vermeintlich leichte Beute.
Damals war mein Motto es gibt keinen Unterschied für mich zwischen Männern und Frauen. Ich behandelte jedes Geschlecht gleich, und zwar mit einem offenen Herzen und ohne Rücksicht darauf, was mein Verhalten in einem Mann auslöst.
Wenn ich zurückblicke, hatte ich vielleicht mit meiner freundlichen und offenen Art UNGEWOLLT und UNBEWUSST Signale gegeben wie „Ich bin zu haben“ oder „Um meinen A***h in diesem Projekt retten zu können, würde ich alles für dich tun“.
Zu damaliger Zeit war zudem das Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz noch nicht so ernst in Diskussion und ich wusste ganz und gar nicht, dass das Gesetz und der Auftraggeber mich in so einem Fall beschützen würden.
Heute bin ich auch für diesen Vorfall dankbar, denn ich habe dadurch die Erkenntnis gewonnen, dass ich meine Art in der Kommunikation mit Männern verändern soll. Fakt ist, dass mich das andere Geschlecht aus einer anderen Perspektive betrachtet und einiges anders interpretiert.
Nach langer Recherche und vielseitigen Erfahrungen gebe ich nun meinen Klientinnen Tipps, wie sie sich am Arbeitsplatz kompetent, selbstbewusst und dennoch freundlich verhalten können damit die Arbeitsatmosphäre für alle angenehm und professionell bleibt. Dies ist dann eine Win-Win-Win-Situation, denn nicht nur die Arbeitnehmer, sondern auch die Arbeitgeber profitieren dadurch enorm 😉.
Liebe Grüße
Masoumeh Saki-Bohlender