11/09/2026
Heute sprechen wir mit dem Leiter unseres Fachbereichs Gesellschaft, Dr. Jean-Samuel Marx, über den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
- Worum geht es beim gesellschaftlichen Zusammenhalt eigentlich und warum ist er so wichtig?
Kurz gesagt: Er ist die Grundlage unseres Zusammenlebens im Staat. Es geht dabei um die Frage, wie die Menschen miteinander interagieren und wie sie zum Staat und seinen Institutionen stehen. Nur wenn es innerhalb einer Gruppe ein Zusammengehörigkeitsgefühl gibt, sieht man sich in der Verantwortung, gemeinsame Regeln des Zusammenlebens zu respektieren und sich für das Gemeinwohl zu engagieren. So gesehen ist Zusammenhalt essenziell.
- Was gefährdet aktuell den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Ein paar Punkte scheinen mir zentral zu sein. Es gibt zunehmend die Tendenz, Menschen, die anders denken oder anders leben als man selbst, als Gegner zu betrachten. Man akzeptiert nicht mehr, dass es Unterschiede gibt, sondern lehnt den Anderen als Ganzes ab und will mit ihm nichts zu tun haben. So kommt es immer stärker zur Haltung „Wir gegen die Anderen“. Hinzu kommt, dass viele mit der immer komplexeren Welt überfordert sind und sich einfache Antworten und Lösungen wünschen. Also suchen sie nach Sündenböcken und verfallen in Schwarz-Weiß-Denken. All das führt zu einer unfassbaren Polarisierung, die Gift für den Zusammenhalt ist.
- Wie könnte der gesellschaftliche Zusammenhalt wieder gestärkt werden?
Es gibt viele kleine Bausteine. Wichtig ist, dass man hin und wieder bewusst die eigene Blase verlässt und auch mit Menschen ins Gespräch geht, die anders sind als man selbst. Dabei muss man aber unbedingt ein paar Sachen beachten. Man sollte sich auf keinen Fall moralisch überheben und die eigene Ansicht oder Lebensweise als die beste oder gar einzig richtige betrachten. Zum einen setzt ein Gespräch voraus, dass der andere Recht haben könnte, um es mit dem Philosophen Hans-Georg Gadamer zu sagen. Und zum anderen kann es in einer liberalen Demokratie nicht nur eine akzeptable Meinung geben. Man muss es also aushalten, dass jemand anderes Dinge denkt, die man selbst für falsch hält. Wichtig ist auch, dass man einen Menschen nicht auf eine bestimmte Ansicht oder Lebensweise reduziert und ihn deshalb ablehnt. Und schließlich sollte man wieder mehr Nuancen zulassen.