19/12/2025
Wigbert – Der vergessene Heilige der Ingelheimer Burgkirche
Eine neue Ausgabe in der Reihe „Kleine Schriften“ des Historischen Vereins Ingelheims beleuchtet die Geschichte der Burgkirche: „Wer war Wigbert, der Kirchenheilige und Namengeber der Burgkirche in Ober-Ingelheim, die bis zur Reformation dem „St. Wig-bert“ geweiht war?“
Bis zur Reformation war die heutige Burgkirche in Ober-Ingelheim dem Heiligen St. Wig-bert geweiht. Erst 1940 erhielt sie ihren heutigen Namen, nachdem Ober-Ingelheim, Nieder-Ingelheim und Frei-Weinheim zur Stadt Ingelheim am Rhein vereint wurden. Denn dort gab es zwei namenlose evangelische Kirchen, die in Ober-Ingelheim und die im Nieder-Ingelheimer Saal. Bis zur Reformation im 16. Jahrhundert hieß sie „St. Wig-bert“.
Wer war dieser Wigbert und wie kam die Kirche zu diesem Kirchentitel? Das herauszu-finden bemühten sich Irene Ahl und Hartmut Geißler, beide Mitglieder im Historischen Verein und Gästeführer, in den Jahren 2023 und 2024 durch Besuche in Hersfeld, Fulda und Fritzlar. Ihre Erkenntnisse hat nun der Historische Verein in seiner Kleinen Schrift Nr. 16 (2025) veröffentlicht.
Durch ihre Recherchen konnte zwar die Person des Angelsachsen Wigbert und das um-strittene Schicksal seiner verehrten und begehrten Gebeine näher beleuchtet und be-schrieben werden. Aufgrund seiner Verehrung in Hersfeld war er nämlich im Frühmittel-alter einer der bekanntesten Klosterheiligen, nach dem viele Hersfelder Kirchen be-nannt wurden. Die wichtigste Literatur zu ihm besteht in einer Promotion der Universität Erlangen-Nürnberg von Harald Wunder („Die Wigbert-Tradition in Hersfeld und Fritzlar“, 1964), die in der wissenschaftlichen Stadtbibliothek Mainz vorhanden ist (28/3145). Wunder konnte 37 nach ihm benannte Wigbert-Kirchen zusammenstellen. Aber es wa-ren keine Informationen darüber zu finden, wann genau und unter welchen Umständen die Ober-Ingelheimer Kirche dieses Patrozinium erhielt.
Die Quellenlage zu Wigbert ist dürftig. Zwar gibt es eine kurze lateinische Biografie, die der im Kloster Fulda ausgebildete Mönch Servatus Lupus im Jahr 836 verfasste, und zwar aufgrund einer Bitte des Hersfelder Abtes Bun und seiner Mönche. Sie wurde in den Monumenta Germaniae Historica SS 15, 1, S. 36-41, 1887 publiziert (heute auch im Internet benutzbar). In der (lateinischen) Einleitung zur Edition dieser Kurzbiografie ur-teilte der Herausgeber Oswald Holder-Egger, dass Lupus nur sehr wenig und ziemlich Dürftiges von den Hersfelder Mönchen über die Person Wigberts erfahren konnte, fast nur Berichte über die vielen Wunder, die ihm in Fritzlar und Hersfeld zugeschrieben wurden. Die drei darin sogar namentlich erwähnten Hersfelder Mönche Ernst, Baturich und Wolf, denen die Gebeine Wigberts auf dem Büraberg bei Fritzlar ausgehändigt wor-den sein sollen, dürften 60 Jahre später nicht mehr gelebt haben, sodass authentische Zeugen für diese Translation (Umbettung) kaum mehr befragt werden konnten. Warum äußerte dann der Hersfelder Abt diese Bitte an einen Ortsfremden, ausgerechnet im Konkurrenz-Kloster Fulda, das schon durch den dort bestatteten Bonifatius viele Pilger anlockte?
Zwei weitere Berichte unbekannter Autoren über eine Umbettung der Gebeine Wigberts vom Büraberg stammen aus dem Spätmittelalter. Nach ihnen aber sollen sie nicht nach Hersfeld, sondern nach Fritzlar zurückgebracht worden sein. Diese von Wunder als „Translatio I“ und „Translatio II“ benannten Berichte hatten andere Zielsetzungen, als die historische Wahrheit über Wigbert darzustellen, die man wahrscheinlich in Fritzlar Jahrhunderte später auch nicht besser kannte als in Hersfeld.
Was lässt sich nun sicher oder einigermaßen wahrscheinlich über Wigbert sagen?
Er stammte wie Wynfreth-Bonifatius und auch der Mainzer Bischof L*l, der das Kloster in Hersfeld als sein Eigenkloster gegründet hatte, aus einer adligen Familie im engli-schen Wessex. Er könnte etwas älter als Bonifatius gewesen sein und war wohl eher sein Mitarbeiter als sein Schüler. Von ihm wurde er zum Leiter (Magister) oder Abt des von ihm (Bonifatius) gegründeten Klosters in Fritzlar ernannt und mit dem Bau der Klos-terkirche beauftragt. Einige Jahre danach wurde er von Bonifatius zu einem längeren Aufenthalt in das Kloster Ohrdruf (Landkreis Gotha) geschickt. Anschließend kehrte er nach Fritzlar zurück, wo er auch starb. Bestattet worden sei er vor der Kirche. Um ihn aber vor dem Vandalismus bei sächsischen Überfällen zu schützen (die Eder war die damalige Grenze zum noch heidnischen „Sachsen“), seien seine Gebeine auf den Büraberg gegenüber von Fritzlar transportiert worden, in eine sichere Burganlage aus merowingischer Zeit, die von den Sachsen tatsächlich nicht erobert wurde. Diese Kir-chenburg besaß schon eine Kirche, die der irischen Heiligen Brigida geweiht ist und so-gar für einige Jahre Sitz eines Bischofs war. Einer ihrer Bischöfe, Albuin, wurde später in Fritzlar ebenfalls als Heiliger verehrt.
Wigbert wurde (und wird) also an zwei Orten als Heiliger verehrt, zuerst in Hersfeld mit dem Schwerpunkt vom 9. bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts und seit dem 14. Jahr-hundert auch in Fritzlar selbst, dem Ort seines Wirkens. Die Gläubigen in beiden Orten mussten deshalb wohl davon ausgehen, dass die Gebeine Wigberts in ihrem Ort seien.
In Hersfeld beendete die Reformation seine Verehrung im 16. Jahrhundert. Zwei Jahr-hunderte später wurde auch sein Sarkophag zerstört, als französisches Militär beim Heranrücken eines preußischen Heeres 1761 die Stiftskirche in Brand steckte. Immer-hin gibt es in Hersfeld noch eine Wigbertstraße und eine Wigbert-Höhe. Es existiert auch eine Webseite unter dem Namen https://www.wigbert.de/wigbertweb/straszen/index.html , in der noch heute behauptet wird: „In der Stiftsruine in Bad Hersfeld liegen die Gebeine des heiligen Wigbert begra-ben.“
In Fritzlar hingegen blieb die Erinnerung an den hl. Wigbert lebendiger. Es gab zwei Wig-bert-Festtage, in der Domkrypta wurde im 14. Jahrhundert ein ihm gewidmetes Hoch-grab errichtet, im Dom selbst wurden 1915 Glasfenster mit seinen Wundern eingesetzt und im Dommuseum kann man einen hölzernen Reliquienkasten betrachten, auf dem er zusammen mit anderen Heiligen abgebildet ist:
Abbildung 1: Wigbert in der Mitte des hölzernen Reliquiars; Foto: Dommuseum.
Auch eine Straße ist wie in Hersfeld nach ihm benannt worden:
Abbildung 2: Straßennamen; Foto: Geißler
In der Beantwortung der Frage, was mit den Gebeinen Wigberts auf dem Büraberg ge-schehen ist, teilen sich also die Überlieferungen: Entweder wurden seine Reliquien nach Hersfeld entführt oder sie wurden nach Fritzlar zurück überführt (oder auch beides nur in Teilen). Die Translation der Reliquien von Personen, die schon als Heilige verehrt wurden oder die man nachträglich zu Heiligen erklärte, war schon in karolingischer Zeit nichts Ungewöhnliches. In die oben genannte MGH-Edition sind außer dem Bericht über Wigbert 9 weitere Translationes aufgenommen worden. Bekannt ist auch an die Art und Weise, wie Einhard, der Biograph Karls des Großen, zu seinen zwei Heiligen in Seligen-stadt kam: Sie wurden für ihn heimlich aus einer Katakombe in Rom entwendet.
Gelohnt hat sich diese Hersfelder Aktion. Harald Wunder fasste den Erfolg dieser Trans-lation so zusammen:
Der Wigbertkult in Hersfeld hat dem Kloster im Mittelalter sehr nachhaltig das Gepräge gegeben. Die Hoffnungen und Erwartungen, die Bischof L*l auf die Erwerbung des Heili-gen zugunsten seiner Stiftung gesetzt hatte, wurden erfüllt, ja weit übertroffen. Der Na-me Wigberts wurde seit dem 9. Jh. zumindest im östlichen Frankenreich zu einem Be-griff, so daß er in die Reihe der bekanntesten Klosterheiligen der damaligen Zeit auf-rückte und in Thüringen sogar zum erfolgreichen Konkurrenten seines im benachbarten Fulda bestatteten Meisters Bonifatius wurde. Nicht zuletzt durch die vielen Schenkungen an den Heiligen wurde Hersfeld zu einem der reichsten und bedeutendsten Klöster in Deutschland, dessen Grundbesitz bereits im frühen 9. Jh. nach Ausweis des Breviarium L*lli (Besitzverzeichnis des L*llus) etwa 1100 Hufen und 700 Mansen (Hofland unter-schiedlichen Rechtes für eine Bauernfamilie), also ungefähr 15000 Hektar, umfaßte.
Nach der Mitte des 11. Jahrhunderts trat seine Verehrung in Hersfeld zugunsten eines L*llus-Kultes, des Klostergründers, etwas zurück und konnte auch nicht wieder belebt werden (Wunder, S. 159-162).
Demgegenüber wird in Fritzlar seiner noch verschiedentlich gedacht; eine Informations-tafel neben seinem Hochgrab in der Domkrypta sagt über ihn:
Die Krypta des Heiligen Wigbert
Benannt nach dem Missionsgefährten und unmittelbaren Nachfolger des Heiligen Boni-fatius. Der Heilige Wigbert – geboren um 670 in Wessex, Angelsachse, wohl in Nutscelle geboren und priesterlich ausgebildet – folgte um 730 Bonifatius in das hessisch-thüringische Missionsgebiet. Er war Abt des von Bonifatius gegründeten Fritzlarer Bene-diktinerklosters und ersetzte 732 die von Bonifatius erbaute Holzkirche durch eine stei-nerne Basilika. Wigbert war der erste Leiter der von Bonifatius gegründeten Kloster-schule, aus der die spätere Schule des Chorherrenstifts Sankt Petri hervorging. Schon zu seinen Lebzeiten wurden ihm verschiedene Wunder zugeschrieben, so u.a. das Weinwunder: eines Tages fehlte für das Heilige Messopfer Wein, woraufhin Wigbert eine Weintraube holte und ihren Saft in den Kelch presste; der Traubensaft verwandelte sich in Wein. Wigberts genaues Todesjahr ist nicht bekannt. Das Hochgrab des Heiligen Wigbert in der Ostapsis des Hauptkrypta entstand Mitte des 14. Jahrhunderts und zeigt Wigbert, seine Kirche in den Händen haltend.
Auch das Bild eines Abtes mit einem Kirchenmodell in einer Hand als Schlussstein in der Chordecke der Ober-Ingelheimer St. Wigbert-/Burgkirche dürfte ihn meinen.