21/08/2026
Ich glaube, das ist einer der traurigsten und gleichzeitig verständlichsten Schutzmechanismen unseres Nervensystems:
Wenn das Leben über lange Zeit zu anstrengend war, wenn niemand da war, der uns unterstützt hat, wenn Angst, Beschämung, Ohnmacht oder Einsamkeit immer wieder unseren Alltag bestimmt hat, dann sucht unser System nach einem Weg, uns zu schützen.
Manche Menschen werden laut, manche kämpfen, manche funktionieren einfach weiter.
Und manche werden innerlich still.
Sie verlieren nach und nach den Kontakt zu sich selbst.
Und oft passiert das schleichend und ganz leise.
Und irgendwann spüren wir Hunger erst, wenn uns schwindelig wird.
Wir merken erst abends, dass wir seit Stunden die Schultern hochgezogen haben.
Wir übergehen Müdigkeit, Anspannung, Grenzen, Bedürfnisse.
Oft entscheiden wir das nicht mehr bewusst, sondern es passiert, weil unser Nervensystem irgendwann gelernt hat, dass Spüren nicht sicher ist.
Wenn ich mit Frauen arbeite, höre ich oft den Satz: "Ich weiß gar nicht mehr, was ich fühle."
Ich finde diesen Satz nie erschreckend, sondern folge-richtig und oft denke ich dann:
Natürlich weißt du das gerade nicht.
Dein System hat sehr lange alles dafür getan, dass du genau das nicht fühlen musst.
Und genau deshalb braucht der Weg zurück so viel Freundlichkeit.
Nicht: "Jetzt spür doch mal."
Sondern: Darf dein Körper heute vielleicht zwei Prozent mehr wahrnehmen als gestern?
Mehr braucht es oft gar nicht.
Ich arbeite deshalb so gern mit kleinen somatischen Übungen, mit Achtsamkeit, mit Psychoedukation und mit Audios für zu Hause.
Diese Übungen sind deshalb so hilfreich, weil das Nervensystem neue Erfahrungen braucht.
Es darf damit immer wieder erleben:
Heute ist da jemand, der nichts von mir verlangt.
Heute darf ich langsam werden.
Heute muss ich nichts leisten.
Heute darf ich neugierig sein.
Erst dann entsteht nach und nach wieder Vertrauen.
Meine Erfahrungen in über 25 Jahren Begleitung und Ausbildung von Frauen hat mich eins gelehrt:
Wir müssen den Körper nicht dazu bringen, wieder zu fühlen.
Wir dürfen Bedingungen schaffen, unter denen er sich wieder traut.
Von Herzen
Nicole 💛