27/10/2022
Sehr zu empfehlen!
Wer bei Prosodie, Text, Stil, Orthografie und Variation ins Schwärmen kommt, der ist hier richtig. Die komplett neu verfasste Grammatik, der Dudenband 4, ist jetzt erschienen. Hier ein Auszug aus dem Kapitel „Orthografie“.
2.3 Semikolon
Die Beobachtung verschiedener Korpora zeigt drei typische Fälle des Semikolon¬gebrauchs:
(17) Seit Floyds Tod gehen Wellen des Protests über Städte in den USA hinweg; die meisten Demonstranten sind zornig, aber friedlich. (Süddeutsche Zeitung, 03.06.2020)
(18) Er ist der Mensch, der im Krieg zum Kriminellen geworden ist; eine erschre¬ckende Figur. (Die Zeit, 02.07.2007)
(19) Er fühlte ein leichtes Jucken oben auf dem Bauch; schob sich auf dem Rücken langsam zum Bettpfosten, um den Kopf besser heben zu können; fand die juckende Stelle, die mit lauter kleinen weißen Pünktchen besetzt war, die er nicht zu beurteilen verstand; und wollte mit einem Bein die Stelle betasten, zog es aber gleich zurück, denn bei der Berührung umwehten ihn Kälteschauer. (Kafka: Die Verwandlung)
In (17) sind zwei vollständige Sätze gereiht. In (18) folgt dem Satz eine Nominal¬phrase, in (19) folgen dem grammatisch vollständigen Satz nach dem Semikolon unvollständige Sätze; das Subjekt er wird nur einmal genannt. Lediglich in (17) sind also vollständige Sätze gereiht, die Einheit nach dem Semikolon ist aber nicht im¬mer ein vollständiger Satz.
Schreiber (2020) beschreibt es treffend mit: „Das Semi¬kolon ist nach links ein Punkt, nach rechts ein Komma.“ Die Einheit ist nach links vollständig, nach rechts gibt es noch einen Nachtrag.
Gillmann (2018) untersucht den inhaltlichen Zusammenhang der beiden Satz¬teile in einem Korpus: Am häufigsten wird im Teil nach dem Semikolon eine Einheit bzw. der ganze Sachverhalt aus dem Teil vor dem Semikolon näher erläutert oder spezifiziert bzw. es wird ein Beispiel gegeben („Explikation“). Auch das passt zu der oben benannten Beobachtung, dass der Satz nach links eigentlich abgeschlossen ist.
Am zweithäufigsten findet sich die Beschreibung eines ähnlichen Sachverhalts. In beiden Fällen ist eine sprachliche Parallelität der beiden Satzteile nicht nötig. Die inhaltliche Beziehung wird häufig unspezifisch gelassen.
(Aus: Die Grammatik)
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