17/07/2021
Das war an jenem Tag, an dem wir verfrüht von einer Klassenreise zurück kamen. Wir waren eine Woche im Harz gewesen, in Torfhaus. Langweilig. Auf dem Weg zurück nach Mittelholstein hatten wir - von unserem Klassenlehrer geplant als krönenden Abschluss - im Vogelpark Walsrode Station gemacht. Alle waren aufgekratzt und ich hatte im Übermut oder aus einer Mischung aus Langeweile und Neugier kräftig am Maschendraht eines dieser riesigen Vogelkäfige gezogen. Der Draht schnellte natürlich laut scheppernd zurück und alle Vögel darin waren aufgescheucht. Laut gackernd oder panisch kreischend flogen sie wie wild durch den Drahtkäfig. Hätten wir gar nicht gedacht, dass so viele Vögel drin waren.
Aus dem Blickwinkel hatte unser Klassenlehrer meinen naturkundlichen Versuch mitbekommen und auf der Stelle entschieden: Wir fahren ab! Und das sage ich euch, wir waren alle froh, als wir nach Hause fuhren. Auf dem Marktplatz angekommen wurden wir nicht abgeholt von den Eltern, denn die wussten ja nicht, dass wir ein paar Stunden früher als geplant zurück sein werden. Auf dem Marktplatz stand ein Wohnmobil. So etwas fiel auf in unserem kleinen Dorf. An mehreren Seiten des Marktes gab es Gasthäuser, aber im größten sollte am Abend eine Tanzveranstaltung stattfinden mit einer berühmten Sängerin aus Hamburg, hieß es. Nun, wie auch immer, wir trotteten abgekämpft nach Hause. Als ich mich zu Hause wieder zum Menschen verwandelt hatte - wie mein Opa nach Reisen und Ausflügen immer zu sagen pflegte - und wie gelangweilt aus dem Fenster schaute, ging sie vorbei, mit ihrem Manager oder Partner oder so. Vor ihrem Auftritt in Schäffkes Saal wollten sie sich offenbar die Beine vertreten. Also raus aus dem Wohnmobil und einmal rund um den Friedhof!
Meine Mutter und ich sprangen kurzerhand ins Auto und fuhren ihnen hinterher. In der Feldscheide hatten wir Olivia Molina eingeholt. Sie war sofort bereit. Wie heißt du denn, mein Jüngelchen? fragte sie in einem Akzent, den ich allerdings mit nichts, was ich über Hamburg wusste, in Zusammenhang bringen konnte. Schöner Name. Hier hast du deine Karte, Kleiner!
Weg waren wir. Ja, ihr könnt es mir glauben, ihre Haare waren genau so sorgfältig frisiert wie auf der Autogrammkarte.
Als Fünfzehnjähriger durfte ich selbstverständlich nicht zum Tanzvergnügen. War wohl ganz gut, hieß es später. Ältere Nachbarjungen waren hingegangen und hatten das eine oder andere Bier vernichtet, wie sie abgeklärt berichteten. Das waren die großen Jungs, die nach der Sache mit dem Bier meist eine Stange Wasser in die Ecke stellen gingen. Wie so etwas geht? Genau, das hat mich auch ziemlich beschäftig. Lange Zeit bin ich tatsächlich davon ausgegangen, sie meinten gefrorenes Wasser. Ungefähr wie diese riesigen Eiszapfen, die im Winter an der löchrigen Regenrinne hingen und die ihr Vater mit seinem Gehstock versuchte abzuschlagen. Die teils armdicken Eiszapfen hingen hoch und waren verdammt schwer. So kam es vor, dass nicht der Zapfen brach, sondern der Stock.
Das machte aber nicht viel, denn Günther lernte gerade Tischler und hatte den Ehrgeiz alles zu reparieren. Und was nicht aus Holz war, reparierte sein Vater selbst, denn der war Schuster. Nur Karl-Heinz reparierte nie etwas. Es gibt doch in jeder hood diesen einen, der eigentlich nie etwas Konstruktives macht, oder?
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