Zeit-Geschichten e.V. - Verein für erlebte Geschichte

Zeit-Geschichten e.V. - Verein für erlebte Geschichte

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Der Verein Zeit-Geschichte(n) wurde 1995 in Halle gegründet.

Er betreibt eine öffentliche Bibliothek und ein Archiv, gibt Bücher heraus, produziert Dokumentarfilme, konzipiert Ausstellungen und führt öffentliche Diskussionsveranstaltungen durch.

Photos from Zeit-Geschichten e.V. - Verein für erlebte Geschichte's post 17/06/2026

Margot Hirsch wurde 1933 in Breslau geboren. Im Juni 1953 arbeitete sie als Verkäuferin in der Stoffabteilung des HO-Warenhauses am Markt. Erst kurz zuvor, im April 1953 hatte sie den Obstplantagenbesitzer Wilfried Hirsch aus Reideburg geheiratet. Ihre Kolleginnen beschrieben sie als ausgesprochen lebenslustig und beliebt. Am 18. Juni, einem Tag nach Beginn des Aufstands in Halle, wurde auf dem Markt noch geschossen und der Abteilungsleiter verbot den Verkäuferinnen, das Warenhaus zu verlassen. Eine damalige Kollegin und Freundin berichtete, dass Margot Hirsch darum gebeten habe, das Haus verlassen zu dürfen, weil ihr Mann sie abholen wolle. Ausdrücklich auf eigene Verantwortung sei es ihr gestattet worden. Kurz darauf wurde sie an der Haltestelle der Straßenbahn von einer Kugel getroffen, die Brust und Herz durchbohrte, ihr Mann wurde durch einen Querschläger an der Hand verletzt.
Am 18. Juni zogen seit dem frühen Morgen mit Gewehren bewaffnete Polizeigruppen durch die Innenstadt, um größere Menschenansammlungen zu verhindern. Nach 16 Uhr kamen streikende Arbeiter aus den Betrieben auf den Markt, wo sie von Passanten mit Fragen nach der Lage der Dinge bedrängt wurden. Immer mehr Zuhörer versammelten sich um die Arbeiter, die wachsenden Gruppen diskutierender Hallenser ignorierten die Aufforderungen der Polizei, auseinander zu gehen.
Als gegen 18 Uhr an die tausend Menschen auf dem Markt versammelt waren, wurde die Polizeiführung nervös, nun wurden bewaffnete Einheiten der Kasernierten Volkspolizei und sowjetische Soldaten zum Markt beordert, die gegen 18.30 Uhr begannen, den Platz gewaltsam zu räumen. Als geschossen wurde, flohen die Versammelten nach allen Richtungen. Margot Hirsch wurde in ein nahes Schuhgeschäft gebracht, starb aber auf dem Weg zur Klinik.
Trotz des unübersehbaren Polizeiaufgebotes vor dem Friedhof wagten sich am 24.6. viele Menschen zur Beerdigung, auch Kolleginnen aus dem HO-Warenhaus und dem Schuhgeschäft, in das sie schwer verletzt gebracht wurde. Auch die FDJ hatte einen Redner geschickt, aus seiner Rede ist nur der eine Satz überliefert: "Margot, wir versprechen dir, dass dir das nicht wieder passieren wird".

15/06/2026

Mittwoch, 17. Juni 2026

17 Uhr
Feierstunde auf dem Hallmarkt

Mit Redebeiträgen von Vertretern der Stadt Halle und der Gedenkstätte Roter Ochse
sowie Zeitzeugenberichten und Totengedenken durch den Zeit-Geschichte(n) e.V.

Im Anschluss besteht die Möglichkeit, an einer geführten Tour durch die Innenstadt zu den Schauplätzen des 17. Juni 1953 teilzunehmen. Sie wird durchgeführt von Niklas Poppe (Gedenkstätte Roter Ochse).

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20 Uhr
Filmabend im Format Filmkunst e.V., Geiststraße 21, 06108 Halle

„Der 17. Juni in Halle – ein Tag der Zivilcourage“
Dokumentarfilm von 2003 (von Marlies und Andreas Splett im Auftrag des Zeit-Geschichte(n) e.V., 45 Minuten)
Eintritt frei

15/06/2026

Karl Ruhnke (neben ihm seine Frau Anna) wurde 1891 im Dorf Groß Satspe (heute Zaspy Wielkie) in Pommern geboren.
Er war 61 Jahre alt und Beamter der Bahnpost, als er sich am Abend des 17. Juni 1953 auf den Weg machte, um seine Nachtschicht anzutreten. Auf dem von Kriegsschäden schwer gezeichneten "Thälmannplatz" (heute Riebeckplatz) versuchten Demonstranten, das "weiße Haus" zu stürmen, den Sitz der SED-Kreisleitung Halle. Sie wurden von Betriebsschutz und Volkspolizei mit gezogenen Pistolen erwartet.
Mehrere Schüsse peitschten über den Platz. Laut offizieller Mitteilung der Polizei waren das Warnschüsse, andererseits meldeten interne Berichte, dass mindestens zwei Personen angeschossen worden seien. Karl Ruhnke traf es so schwer, dass er noch auf dem Weg in die Klinik starb: als ein offenbar Unbeteiligter, der, wie die Polizei bald ermittelte, den ganzen Tag zu Hause war, und nichts provokatorisches im Schilde führte, als er die Wohnung verließ.

Photos from Zeit-Geschichten e.V. - Verein für erlebte Geschichte's post 14/06/2026

Horst Keil wurde am 8. Mai 1935 geboren. Am 17. Juni 1953 war gerade 18 Jahre alt und wollte in diesem Sommer seine Malerlehre abschließen.
Am Nachmittag, als die Berufsschule aus war, ging er mit seinen Freunden durch die aufgewühlte Innenstadt. Nach der abendlichen Kundgebung auf dem Hallmarkt schloss er sich dem Demonstrationszug an, der durch die Stadt und später über den Robert-Franz-Ring eine Richtung nahm, die seinem Heimweg nahe kam (er wohnte in der Großen Ulrichstr.). Der Zug passierte gegen 20.15 Uhr friedlich die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit (heute Sitz der AOK), als plötzlich, ohne Vorwarnung, aus dem Keller des Gebäudes geschossen wurde.
Der Zug sprengte auseinander, die Demonstranten ergriffen panisch die Flucht. Keils Schulkamerad Hans Große erinnerte sich, dass er mit anderen über Büsche und einen Zaun gesprungen sei und unten am Saale-Ufer Schutz gesucht habe. Am nächsten Tag erst habe er erfahren, dass Horst Keil verletzt worden sei. Peter Bohley berichtete, dass sie aus einem Hinterhalt beschossen worden seien, unmittelbar vor ihm habe sich ein gelbes Nicki plötzlich rot gefärbt, der Verletzte sei mitgeschleift und in der nächsten Praxis, bei einem Kinderarzt, abgeliefert worden.
In keinem der vielen Berichte von SED, Polizei oder MfS findet sich ein Hinweis auf die Schüsse am Robert-Franz-Ring. Wer sie auf wessen Befehl, mit welcher Absicht abgegeben hat, bleibt bis heute im Dunkeln. Ihre Wirkung verfehlten die Heckenschützen nicht, sie verbreiteten Angst und Schrecken unter den flüchtenden Demonstranten. Mit den wenigen, die danach noch weiterzogen, hatte die Polizei leichtes Spiel.
Horst Keil starb am 28. Juni in der Uniklinik. Sein Bruder Gerhard Keil erinnerte sich: "Eine Todesanzeige in der Zeitung wurde nicht erlaubt, und auch zu seiner Beerdigung auf dem Gertraudenfriedhof sollte möglichst niemand erscheinen. Ganz konnte das jedoch, selbst unter den wachsamen Blicken der anwesenden Stasileute, nicht verhindert werden." Horsts Lehrmeister und einige Klassenkameraden waren auch zur Beerdigung gekommen und wurden aus der Ferne beobachtet. Ein Grabstein durfte erst später gesetzt werden.

Foto 2: Radwanderung im Sommer 1952: links Horst Keil, ganz rechts sein Bruder Gerhard Keil

Photos from Zeit-Geschichten e.V. - Verein für erlebte Geschichte's post 13/06/2026

Rudolf Krause wurde am 26. März 1930 in Halle-Reideburg geboren, nach der Schule erlernte er den Beruf des Rundfunkmechanikers.
Am Abend des 17. Juni 1953 war er nach der Kundgebung auf dem Hallmarkt auf dem Weg zu seiner Verlobten Walburga Wieden; auf der kleinen Brücke an der Moritzburg traf er seinen Bruder und sagte ihm, dass er sich Sorgen um sie mache, der Unruhen wegen. Seine Verlobte wohnte in unmittelbarer Nähe des Zuchthauses "Roter Ochse". Sie war schwanger, die beiden wollten im September heiraten, das Aufgebot war bestellt. Es gibt keinen Zeugen, der ihn nach dieser Begegnung auf der Saalebrücke noch einmal lebend gesehen hätte.
Als er zu lang ausblieb, begab sich seine Verlobte auf die Suche. Erst in den späten Abendstunden fand sie ihn in der Universitätsklinik, wo er kurz vorher gestorben sein soll. Ein Kopfschuss; niemand weiß genau, wo und wie es dazu kommen konnte. Die Polizei meldete dagegen dem Standesamt als Sterbeort "Am Botanischen Garten/Neuwerk" und die Zeit 21.15 Uhr. Das deutet auf die Schüsse aus der MfS-Bezirksverwaltung hin (heute Sitz der AOK am Robert-Franz-Ring). Das Polizeiprotokoll vermerkte jedoch: "K. war am Sturm auf die Haftanstalt beteiligt. Seine Einstellung ist erkennbar an seiner Kleidung, die ausgesprochen westlich war. Die ganze Person war der Typ eines Samba-Jünglings." Kann man einem so zynischen Notat irgendeinen Wert beimessen?

Ronald Wieden, Rudolf Krauses Sohn, der im Januar 1954 geboren wurde, beschrieb im Jahr 2003 die Beerdigung nach der Erinnerung seiner verstorbenen Mutter: "Die Beerdigung sollte ursprünglich in Höhnstedt stattfinden, das Grab war bereits ausgehoben und der Sarg in der Kapelle". Doch der "Staatsverräter" sollte nicht auf dem Gemeindefriedhof, sondern - unter Ausschluss der Öffentlichkeit - im Reihengrab auf dem Hallenser Gertraudenfriedhof beerdigt werden.

Foto 2: Rudolf Krause und seine Verlobte Walburga Wieden 1952 auf der Hochzeit einer Freundin (in der Bildmitte hinter den Brautjungfern)

12/06/2026

Manfred Stoye wurde 1932 in Ammendorf geboren. Nach dem Krieg blieb der Vater in Gefangenschaft, die Mutter hatte große Not, ihre sechs Kinder zu ernähren.
Der halbwüchsige Manfred musste als ältester Sohn an Vaters statt mit für den Unterhalt der Geschwister sorgen, er "organisierte" Lebensmittel, wurde dabei gefasst und in eine Erziehungsanstalt gesteckt. Bei Geschwistern und Freunden war er sehr beliebt.
Am 17. Juni 1953 war Manfred Stoye als Kesselschmied beim Waggonbau Ammendorf beschäftigt. Er zog mit den Demonstranten in die Innenstadt. Als am Nachmittag der Sturm auf den "Roten Ochse" begann, war die Situation grundlegend verändert, denn um 14.15 Uhr hatte der Polizeichef den Befehl erlassen: "Die Benutzung der Schusswaffe ist ... ab sofort erlaubt!" Das wussten die Demonstranten nicht, als sie mit einem LKW das Tor aufbrachen und triumphierend in den Vorhof stürmten. Dort sahen sie sich einer Reihe bewaffneter Volkspolizisten gegenüber. Zu spät erkannten die unbewaffneten Aufständischen, wie ernst ihre Lage nun geworden war: Tote und Schwerverletzte blieben auf dem Pflaster liegen, als die Menge panisch aus dem Zuchthaushof floh. Einer von ihnen war Manfred Stoye, er erlag seinen Verletzungen am 18. Juni in der chirurgischen Klinik.
Die Polizeiberichte versuchten den Schusswaffengebrauch beim Sturm auf das Zuchthaus als Selbstverteidigung gegen "bewaffnete faschistische Banditen" darzustellen. Aus allen verfügbaren Archivalien und Erlebnisberichten geht jedoch hervor, dass am Kirchtor nur die Polizei geschossen hat.
Die Angehörigen der am 17. Juni Getöteten wurden teilweise erst wenige Stunden vorher über die Beerdigung informiert. Als die Familie Manfred Stoyes auf den Gertraudenfriedhof kam, war das Grab schon geschlossen. Bei ihm habe es sich um ein "ausgesprochen asoziales Element" gehandelt, "im Hause und der gesamten Umgebung unbeliebt und nirgends organisiert", hieß es zur Begründung der untersagten Trauerfeier in einem Polizeidokument.
Die große Familie ist daran zerbrochen, sich so hart für oder gegen den toten Manfred entscheiden zu müssen, das "faschistische Element", als das ihn die Betriebszeitung der Waggonfabrik fälschlicherweise anprangerte.

Photos from Zeit-Geschichten e.V. - Verein für erlebte Geschichte's post 11/06/2026

Gestern fragte jemand nach dem Trauermarsch quer durch die Stadt anl. der quasi als Staatsbegräbnis inszenierten Beerdigung von Gerhard Schmidt am 24.6.1953.
Ja, den hat es tatsächlich gegeben.
Hier mal Ausschnitte aus der FREIHEIT, dem "Organ der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands im Bezirk Halle" und dem "Neuen Deutschland".
Rosa Starke wohnte 1953 An der Petruskirche 16, im gleichen Haus wie Gerhard Schmidts Eltern. Die damals 9-jährige stand auf dem inzwischen überbauten Berg neben dem Haus und beobachtete von oben den langen Trauerzug wie er über die Brücke von Giebichenstein nach Kröllwitz kam und über die Talstraße zum Friedhof lief. Sie sagt, Gerhard Schmidts Schwester lebte damals schon im Westen, seine Eltern folgten nach dem Tod ihres Sohnes dahin.
2013 liefen Schüler den Weg von der Gedenkstätte Roter Ochse zum Friedhof erneut. Mit sich trugen sie Transparente mit den Bildern der Demonstranten des 17. Juni 1953. Rosa Starke kam 2013 auch zum Friedhof.
Das Grab von Gerhard Schmidt befindet sich noch heute dort.

Photos from Zeit-Geschichten e.V. - Verein für erlebte Geschichte's post 10/06/2026

Am 17. Juni 1953 war der 25-jährige Doktorand der Landwirtschaft Gerhard Schmidt mit seiner Frau unterwegs zu den Schwiegereltern. Eher zufällig gerieten sie in den Tumult vor dem "Roten Ochsen". Seine damalige Frau, Verena Roenneke erinnert sich: „Der Weg von der Lafontainestraße zur Kefersteinstraße, wo meine Eltern wohnten, führte am Zuchthaus vorbei, wo eine große Menschenmenge rief: 'Wir wollen freie Wahlen und keine Zuchthausqualen'. Ob das Eingangstor berannt wurde, konnten wir nicht sehen. Wir waren schon am Weitergehen, als das Tor aufgerissen wurde, und die Polizei in die Menge schoss. Mein Mann wurde von einem Querschläger in die Lunge getroffen und ist bei der Einlieferung in die Chirurgie verstorben."
Aus einem internen Polizeibericht geht hervor, dass der wahre Hergang den offiziellen Stellen sehr wohl bekannt war. Dennoch nutzte die Staatsmacht die Chance und inszenierte die Beerdigung Gerhard Schmidts in ihrem Sinne. In der Zeitung „Freiheit“ wurde die Legende gestrickt, Schmidt habe sich den „faschistischen Horden“ widersetzt, die das Zuchthaus stürmen wollten und sei dabei von diesen getötet worden.
Am Vormittag des 24. Juni wurden auf den Friedhöfen in Halle und Reideburg sieben Opfer des 17. Juni beigesetzt - im sehr wohl beabsichtigten "Windschatten" der Beisetzung Gerhard Schmidts, die am Nachmittag als propagandistische Massenveranstaltung aufgezogen wurde.
Die FDJ organisierte einen Sternmarsch zur Kundgebung durch Halle mit knapp 5.000 dazu verpflichteten Teilnehmern aller Betriebe. In einem langen Trauerzug durch die Stadt wurde der Tote als Opfer von 'faschistischen Rowdys' gefeiert, der im Kampf für den Sozialismus sein Leben eingesetzt hat. In einem offenen PKW saß neben der jungen Witwe und den Eltern - alle zum Schweigen verdonnert - der Rektor der Universität, Prof. Dr. Leo Stern. Der Zug ging nach Kröllwitz, wo die Familie ein kirchliches Begräbnis auf dem Friedhof durchgesetzt hatte (Foto 2). Unliebsame Trauergäste wurden verhaftet.
Ein Zeitzeuge meinte: „Alle Hallenser wussten, dass Gerhard Schmidt von Polizisten erschossen worden war.“

07/06/2026

Bärbel Bohley - Tagebuch einer Auflehnung
Dokumentarfilm von 2026
zeigt das Luchskino am Zoo am Freitag, 19.6. 18 Uhr

Mit anschließendem Filmgespräch mit den Regisseuren und Heidi Bohley, Schwägerin und guter Freundin von Bärbel Bohley

Ein Film von Fosco Dubini & Barbara Marx: Am 17. Januar 1988 wurde Bärbel Bohley in Ost-Berlin verhaftet und nach Westdeutschland abgeschoben. Sechs Monate lang notierte sie auf ihren Reisen in Europa mit dem Blick einer Frau ihre ganz persönlichen Eindrücke der westlichen Gesellschaft. Nach sechs Monaten erstreitet sie ihre Rückkehr und wird zu einer Ikone der friedlichen Revolution von 1989.
Tickets über https://www.luchskino.de/de/programm/1560275

Photos from Zeit-Geschichten e.V. - Verein für erlebte Geschichte's post 06/06/2026

Kurt Crato wurde 1911 in Halle geboren. Er wurde Tischler wie sein Vater. Während des Krieges lernte er in Aussig (Usti) seine Frau Maria kennen, sie heirateten 1942 in der Marktkirche. 1943 wurde Sohn Norbert geboren.
Nach Kriegsende geriet Kurt Crato in Gefangenschaft, Maria musste das Sudetenland 1946 verlassen. Als der Vater 1949 endlich heimkehrte, fand er als Tischler Arbeit beim Waggonbau Ammendorf.
Am Vormittag des 17. Juni 1953 marschierte er mit im Demonstrationszug von Ammendorf in Richtung Stadtzentrum. Als das Gericht gestürmt wurde, fuhr Kurt Crato mit dem Rad zur Weidenplanschule, holte seinen Sohn Norbert aus dem Unterricht und brachte ihn nach Hause in Sicherheit. Er erzählte seiner Frau von den Ereignissen, und dass die Aufständischen jetzt auch das Zuchthaus stürmen und die Inhaftierten befreien wollten. Er wisse, was Gefangenschaft bedeute, sagte er ihr, dieses Schicksal wolle er den Häftlingen im "Roten Ochsen" ersparen. Trotz der Warnungen seiner Frau schloss Kurt Crato sich wieder den Demonstranten an. Beim Eindringen in den Hof des "Roten Ochsen" wurde er durch mehrere Maschinenpistolenschüsse schwer verletzt. Als die Krawalle sich der Cratoschen Wohnung in der August-Bebel-Str. näherten, nahm die Mutter den Jungen bei der Hand, um nach dem Vater zu sehen. Doch als die ersten Schüsse fielen, wurde die Angst um den Sohn stärker als die Sorge um den Vater, sie kehrte um. Später erfuhr sie von einem Nachbarn, dass man ihren Mann schwer verletzt in einer Arztpraxis abgeliefert habe, wo ihm aber nicht mehr zu helfen gewesen sei. Jemand anderes berichtete viel später, Crato wurde verletzt in einen Garten des ggü. liegenden Hauses gebracht, wo er verstarb. Mehr erfuhr sie nicht, von niemandem.
Am 22. Juni beschloss man bei der Bezirksbehörde der Volkspolizei in Absprache mit der SED-Bezirksleitung, Kurt Crato zusammen mit anderen Erschossenen am 24. Juni in aller Stille zu beerdigen und die Angehörigen erst nachträglich zu verständigen. Man wollte neuerlichen Aufruhr vermeiden. Der damals fast zehnjährige Norbert Crato erinnert sich an eine kleine, "heimliche" Andacht am bereits geschlossenen Grab des Vaters auf dem Gertraudenfriedhof.

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