18/04/2020
„Rums da ging Pfeife los
Mit Getöse schrecklich groß.“
so wie sich der Lehrer Lämpel in der Geschichte „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch gefühlt haben muss als seine Meerschaumpfeife explodierte, fühlen sich in diesen Tagen viele Lehrende, Lernende und natürlich Eltern.
Wir haben heute eine Anfrage erhalten, ob wir morgen Nachmittag kurzfristig einen Einstieg in Moodle für Lehrende geben können.
Grundsätzlich geben wir keine mehrstündigen Seminare für eine einzelne Person, da Aufwand und Kosten sich nicht aufwiegen.
In diesem einen Fall werden wir es dennoch machen, da die Umstände für die spontane Anfrage uns praktisch keine Wahl gelassen haben.
Im persönlichen Telefonat erfuhr ich, dass die Schule, an der diese Person lehrt, vor Corona bereits ein Moodle aufgesetzt hat, aber keine Einweisungen stattgefunden haben. Auch in den letzten Wochen bewegte sich hier nichts. Auf Nachfrage der Person gab man zu verstehen, dass alles zu seiner Zeit geschehen würde und es noch keine weitere Strategie gäbe.
Nun hat diese Person in der letzten Nacht (Samstag auf Sonntag) eine Mail der Schulleitung erhalten, in der darauf hingewiesen wird, dass ab dem kommenden Montag Moodle verpflichtend als Plattform zum Austausch zwischen Lehrenden und Lernenden genutzt werden soll. Auch wurde darauf hingewiesen, dass viele papiergetriebenen Schulprozesse ebenfalls über die Plattform abgewickelt werden.
Das Telefonat dauerte noch eine ganze Weile und ich hörte mir an, wie die „Digitalisierung“ an dieser Schule in den letzten Jahren ablief und vor welche Herausforderungen Lehrende gestellt werden. Die Verschärfungen im Datenschutz, die dazu führten, dass Lehrende praktisch keine Zeugnistexte mehr auf ihren privaten PCs schreiben dürfen, fühlen sich zwischen den Maßnahmen zu Corona-Zeiten noch wie eine Anekdote an. Wie wir alle sehen und mitbekommen ist diese Schule kein Einzelfall und man erkennt hier ein konkretes Muster. Eine flächendeckende Digitalisierung habe ich in den letzten Jahren nur als Wahlkampfthema wahrgenommen. Das Bestellen von Tablets und Smartboards ist für mich keine Digitalisierung. Die Verschärfung des Datenschutzes, ohne die Lehrenden mit Arbeitsnotebooks auszustatten, ist auch eher ein Rückschritt.
Wir möchten nicht das Gefühl vermitteln, dass wir denken, dass Schulen hier nachlässig sind. Auch sind Schulleiter nicht per se schlecht, weil sie in diesen Tagen keine fertigen Strategien vorweisen, obwohl Lösungen erwartet werden. Die Schuld liegt hier auch nicht in den Ministerien. Dies ist eine Zeit, in der man so etwas wie „Schuld“ nicht suchen sollte, sondern Lösungen. Gerne schnelle, aber auch für alle erträgliche und tragbare. Hierfür muss ein Austausch von Erwartungen stattfinden. Es muss Menschen geben, die Verantwortung übernehmen aber auch als Moderatoren und Mediatoren auftreten können, damit möglichst viele abgeholt werden.
Der Einsatz von Lernplattformen wie Moodle, von Konferenzsystemen wie Zoom und die Masse an Material, die zurzeit im Netz verbreitet werden sind total sinnvolle Gegenstände und mehr als empfehlenswert in dieser Zeit. Der Reifegrad der Digitalisierung in der Lehre ist jedoch noch auf einem niedrigen Level. Ich habe das Gefühl, dass allmählich eine Ermüdung eintritt und die anfängliche Solidarität mehr in anfängliche Wut oder Ablehnung von nicht existenten Personen (die da) umschwenkt. Die Strategie, mit der Schulen diese „neuen“ Dinge zum Einsatz bringen muss stimmen und treffen.
Denn SOLLEN setzt KÖNNEN voraus!
Lehrende, für die die aktuelle Umstellung eine Herausforderung darstellt, müssen abgeholt und mit dem nötigen Handwerkszeug ausgestattet werden. Es müssen innerhalb einer Schule einheitliche, strukturierte Vorgehensweisen verabredet werden. Durch wenige, koordinierte Handlungen können Eltern und Lernende psychisch entlastet und motiviert werden. Das nimmt den Lehrenden ebenfalls Druck raus, stärkt das Vertrauen und entspannt eine Situation, die so nicht vorhersehbar war.
Wir müssen prüfen, was wir jetzt bis zu den Ferien leisten können, was in den Ferien aufgeräumt und vorbereitet werden kann und wie eine Zeit nach dem Sommer aussehen könnte. Wir sollten hoffen, dass eine künftige Normalität sich zumindest in der Lehre großzügig von der Normalität vor Corona unterscheidet und wir viel positives aus dem Chaos ziehen.
Ich werde mich jetzt auf den Workshop vorbereiten und freu' mich drauf.
Bleibt gesund und entspannt
Christopher
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