12/08/2026
„Haben wir etwas falsch gemacht?“
Diese Frage höre ich in fast jedem ersten Gespräch. Manchmal wird sie offen gestellt. Manchmal schwingt sie nur mit, zwischen den Zeilen.
Die Zweifel, die dahinterstecken, klingen fast immer ähnlich:
❓Haben wir die Hausaufgaben falsch begleitet?
❓Hätten wir mehr üben sollen?
❓Es gibt doch so viele gute Arbeitshefte im Handel – hätten wir mehr davon kaufen sollen?
Meine Antwort ist jedes Mal dieselbe: Nein. Als Elternteil handelt man aus bestem Wissen und Gewissen.
Legasthenie entsteht nicht durch zu wenig Übungshefte oder zu wenig Vorlesen. Sie hat eine neurobiologische Grundlage – das war so, lange bevor Ihr Kind den ersten Buchstaben gesehen hat.
Manchmal kommt noch eine zweite, schwerere Frage dazu. Wenn ein Elternteil selbst Schwierigkeiten beim Lesen oder Schreiben hatte, macht es sich manchmal Vorwürfe, dem Kind das „vererbt“ zu haben.
Auch hier: Sie sind nicht schuld. Legasthenie tritt familiär gehäuft auf – das ist Biologie, keine Verantwortung.
Eine Sache sage ich diesen Eltern aber trotzdem noch dazu, weil sie mir wichtig geworden ist: Der gut gemeinte Satz „Mach dir nichts draus, ich war auch nicht gut in Mathe oder Deutsch“ kann beim Kind etwas auslösen, das niemand beabsichtigt.
Sieht aus wie Trost. Ist aber manchmal eine Einladung, gar nicht erst dagegen anzukämpfen.
Das Kind hört daraus oft: Diese Schwierigkeit gehört einfach zu mir. Nicht: Das kann ich lernen, damit umzugehen.
Was ich Eltern stattdessen rate: das eigene Erleben ruhig teilen – aber ohne den Satz, der die Schwierigkeit zum Schicksal macht. Also eher:
❗️„Mir ist das früher auch schwergefallen, und ich hab gelernt, gut damit umzugehen“
statt „Mach dir nichts draus“.
Gerade jetzt, zum Schulstart, ist ein guter Moment für diesen Gedanken. Nicht zurückschauen, ob irgendwas falsch gemacht wurde. Sondern nach vorne schauen: Was kann mein Kind jetzt bekommen?