03/09/2026
Die Schleitaufe – vom Schülerstreich zur Internatsoperette
Ich war von 1973 bis 1979 Schüler in Louisenlund – inklusive der Carlsburger Jahre. Und wer Carlsburg damals erlebt hat, weiß: Das war kein „Campusleben“, kein pädagogisch weichgespültes Selbstfindungsangebot, sondern Internat im Geist der fünfziger Jahre.
Frühsport. 1000-Meter-Lauf mit freiem Oberkörper. Morgenandacht. Unterricht. Gemeinsames Mittagessen. Ruhezeit auf der Bude. Arbeitsstunde unter Aufsicht. Danach Gildenzeit: Hockey, Fotografie, Handwerk – Hauptsache, der Tag ließ möglichst wenig Raum für eigene Ideen. Abendessen um 18:30 Uhr, 19:30 Uhr auf die Bude, 20:00 Uhr Licht aus.
Kurz: Der Tag war komplett durchorganisiert. Freiheit kam in Carlsburg ungefähr so häufig vor wie ein selbstbestimmter Nachmittag.
Und dann kam Louisenlund.
Ab der Oberstufe wechselte man an die große Breite der Schlei – und plötzlich war alles anders. Freier, lockerer, fast campusartig. Keine Gildenpflicht mehr, mehr Eigenverantwortung, Wahl der Fächer, ein anderes Leben. Für uns Carlsburger war das ein Kulturschock. Vom Erziehungsbetrieb direkt in die offene Gesellschaft.
Damit die „Neuen“ aus Carlsburg nicht völlig orientierungslos durch diese ungewohnte Freiheit liefen, bekam jeder im ersten Halbjahr einen älteren Louisenlunder zur Seite gestellt. Offiziell sollte dieser einem das Leben in Louisenlund erklären. Inoffiziell erklärte er einem vor allem die Dinge, die in keinem Regelwerk standen – also die eigentlich wichtigen.
Und manchmal führte dieser ältere Begleiter den Neuen mit feierlichem Ernst hinunter zum Steg. Dort lagen die Kutter, die Schlei glitzerte, ein paar andere Louisenlunder standen bereits herum – natürlich nur zufällig. Dann hieß es: „Wir müssen dir noch etwas Wichtiges zeigen.“
Im nächsten Moment machte es: Schub – die hub – und der Neue lag in der Schlei.
Wenn man tropfnass wieder herausgezogen wurde, bekam man mitgeteilt, man sei nun „schleigetaauft“.
Das war die Schleitaufe.
Kein Ritualkomitee. Kein Programmablauf. Kein Kostümfundus. Kein gedeckter Tisch. Keine symbolische Tröpfelnummer. Es war ein Schülerstreich. Unfein, kalt, nass, albern – aber echt. Eine kleine, halb verbotene Initiation unter Jugendlichen. Genau deshalb hatte sie Charakter.
Heute hat die Schule daraus offenbar eine offizielle Zeremonie gemacht.
Am Steg steht ein gedeckter Tisch mit Kerzenleuchtern. Ein Kutter nähert sich, darauf ältere Schüler in historisierenden Kostümen, irgendwo zwischen 17. Jahrhundert, Laienspielgruppe und maritimem Themenabend. Die Neuen steigen aus, treten an den Tisch und bekommen aus einem kleinen Becher ein paar Tropfen Schleiwasser über den Kopf.
Und das nennt sich dann Schleitaufe.
Man muss schon staunen, mit welcher Ernsthaftigkeit ein ehemaliger Jungenstreich heute zur Traditionskulisse veredelt wird. Was früher Schülerkultur war, wirkt nun wie eine liebevoll kuratierte Internatsoperette für Eltern, Imagefilm und Jahresbericht.
Natürlich: Heute darf niemand mehr einfach in die Schlei geschubst werden. Schon klar. Sicherheitskonzept, Aufsichtspflicht, Haftungsfragen – wir leben nicht mehr in den siebziger Jahren. Aber zwischen „niemanden ins Wasser werfen“ und „barock kostümiertes Wasserspiel am Kerzentisch“ hätte es vielleicht noch ein paar Zwischenlösungen gegeben.
Denn der eigentliche Witz der alten Schleitaufe war ja gerade, dass sie nicht offiziell war. Sie gehörte den Schülern, nicht der Schulleitung. Sie war nicht inszeniert, nicht pädagogisch aufgeladen und schon gar nicht dekorativ.
Heute wirkt es, als habe man den Streich entkernt, entschärft, poliert und anschließend als Tradition wieder auf die Bühne gestellt.
Aus Schabernack wurde Zeremonie.
Aus Nässe wurde Symbolik.
Aus Schülerkultur wurde Schulmarketing.
Vielleicht ist das der Lauf der Zeit. Vielleicht braucht heute alles eine schöne Form, ein Narrativ und einen sicheren Ablauf.
Aber wer die alte Schleitaufe noch kennt, weiß:
Damals wurde man nicht mit ein paar Tropfen Schlei beträufelt.
Damals lag man drin.
Und genau das war der Punkt.