10/04/2021
Letztens bin ich auf den Begriff des Sekundärgewinns einer Erkrankung gestoßen: Ein Vorteil, den man aus einem Symptom seiner Krankheit erlangen kann. Versteht mich nicht falsch- es geht nicht darum, dass man sich "mit Absicht krank stellt", um Gewinn daraus zu schlagen oder "betüddelt" zu werden. Es ist eher ein unbewusster Mechanismus des eigenen Körpers, uns auf einen Mangel, einen Bedarf hinzuweisen. Daraufhin habe ich mir überlegt, was eigentlich der Sekundärgewinn meiner kranken Schilddrüse sein könnte. Worauf möchte mich mein Körper hinweisen? Was ermöglicht mir diese Autoimmunerkrankung?
Das Symptom, welches mich täglich nervt, ist meine verschleierte Wahrnehmung, der sogenannte "brain fog". Ich bin verträumt und kann mich nicht so gut konzentrieren. Vielleicht ist es also gerade das, was mein Gehirn braucht: Einfach mal ausklinken, die Gedanken treiben lassen, keine Klarheit, sondern ein bisschen tranceartiges Abschweifen. Ich bin ein wissbegieriger Mensch: Höre zu jeder monotonen Tätigkeit Podcasts und wenn ich mich mal auf die Couch lege, dann wenigstens mit einem Buch in der Hand. Ich fühle mich schnell durch den Tanz meiner Stresshormone gehetzt und wusele oft nach Produktivität strebend vor mich hin.
Und natürlich könnte ich jetzt sagen, dass ich durch das Bewusstmachen dieses Sekundärgewinns endlich das fehlende Puzzleteil gefunden habe, nun danach lebe und die Krankheit keinen Grund mehr hat, bei mir zu sein. In Wirklichkeit ist das Erkennen eher eine EINLADUNG, sich selbst auf die Spur zu kommen (neben professioneller medizinischer Behandlung).
Immer wieder, wenn ich diesen Nebel merke, versuche ich, ihn nicht zu bewerten oder sogar wegzudrücken, so wie sonst immer. Stattdessen beobachte ich, wie es mir mit ihm geht, nehme ihn an und nutze diese Momente als Ventil für meinen unter Druck stehenden Neokortex. Und genau so oft ignoriere ich meine Bedürfnisse, lehne mich ab, rede mich klein und bin genervt.
Selbstreflexion ist ein Prozess, der mühevoll ist und nie endet, aber beginnen können wir bei der Reflexion unserer Erkrankungen.