20/08/2026
Manchmal fühlt sich Coaching ein wenig an wie Theater. Nur ohne Drehbuch. Und gelegentlich mit einem sehr großen, unausgesprochenen Thema im Raum.
Stell dir vor, wir stehen in der Reithalle beim pferdegestützten Team-Coaching. Die beiden Pferd schnauben ruhig ab, der Sand knirscht unter den Stiefeln, irgendwo raschelt einer der Coachingkatzen. Alles wirkt ruhig, fast unspektakulär. Einer der Teammitglieder beginnt abseits der Gruppe zu erzählen. Von Arbeit, von Entscheidungen, von Dingen, die ihn beschäftigen. Und dann kommt dieser eine Satz, der jeden Coach kurz innehalten lässt:
„Aber das bleibt bitte unter uns.“
In diesem Moment verändert sich etwas. Plötzlich weiß man etwas, das nicht ausgesprochen werden darf. Ein kleines oder manchmal auch ziemlich großes Stück Wahrheit, das im Raum steht – und gleichzeitig außerhalb des Coaching bleiben soll, etwas was wichtig wäre sich anzusehen mit der Gruppe.
Und da stehe ich nun. Wissend, aber still. Zwischen Coachingauftrag, Empathie und professioneller Haltung balancierend wie auf einem schmalen Grat. Während wir weiter über Ziele, Prioritäten oder den nächsten Entwicklungsschritt sprechen, steht im Raum ein Elefant. Ein recht großer sogar. Er schnaubt gelegentlich, tritt vielleicht einmal mit dem Fuß auf den Boden – und alle tun so, als wäre er gar nicht da.
Das Pferd übrigens nicht.
Pferde haben ein erstaunliches Talent dafür, genau wahrzunehmen, was zwischen Menschen passiert. Sie reagieren auf Spannungen, auf Unsicherheiten, auf Dinge, die unausgesprochen bleiben. Manchmal schaut das Pferd in solchen Momenten einfach nur ruhig in die Runde, als wollte es sagen: „Interessant. Da ist noch etwas im Raum.“
Natürlich gehört Vertraulichkeit zum Fundament jedes Coachings. Ohne Vertrauen öffnen sich Menschen nicht. Ohne Sicherheit entstehen keine ehrlichen Gespräche. Gerade im Coaching mit Pferden ist dieser geschützte Raum besonders wichtig. Menschen lassen sich auf neue Erfahrungen ein, zeigen Unsicherheiten, probieren andere Wege aus.
Doch Vertraulichkeit kann auch eine besondere Herausforderung werden. Dann nämlich, wenn ein Thema im Raum steht, das eigentlich entscheidend für den Prozess wäre – und gleichzeitig nicht benannt werden darf. Die klassische Frage lautet dann: Wie arbeite ich an Entwicklung, wenn ein Teil der Wahrheit unausgesprochen bleiben muss?
Hier zeigt sich eine feine Grenze. Zwischen professioneller Loyalität und unbewusster Komplizenschaft. Als Coach möchte ich unterstützen, nicht decken. Ich möchte Entwicklung ermöglichen, nicht Dinge verschweigen. Und trotzdem gilt: Nicht alles darf ausgesprochen werden.
Coaching ist schließlich kein Beichtstuhl. Es geht nicht darum, jedes Detail zu analysieren oder jedes Geheimnis offenzulegen. Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen ihre eigenen Antworten finden können.
Und manchmal – das gehört zur Wahrheit dieses Berufs – hilft in solchen Momenten Humor. Ein inneres Augenzwinkern. Eine stille Verständigung mit dem unsichtbaren Elefanten im Raum.
„Ich sehe dich“, denke ich dann vielleicht. „Das Pferd sieht dich großen Elefanten sowieso übrigens". Aber heute können wir das nicht klären, du bist nur stiller Beobachter.“
Erstaunlicherweise kann Coaching auch dann wirksam sein. Entwicklung entsteht nicht immer durch das Aussprechen jeder Wahrheit. Manchmal reicht es, wenn Menschen beginnen, es einmal ausgesprochen zu haben. Wenn sie spüren, das sich was verändern soll und sie wollen es sagen, aber sie wollen nicht öffentlich werde, weil sie z.B. die Konsequenzen fürchten, aber sehen das es nicht in ihrem Verständnis richtig ist.
Unsere Aufgabe als Coach ist es nicht, jeden Elefanten zu zähmen, der in der Reithalle auftaucht. Unsere Aufgabe ist es, einen Raum zu halten, in dem Menschen sich sicher ausprobieren können, neue Erfahrungen machen können, Erkenntnisse erfahren.
Und das Pferd? Das steht meist ruhig daneben. Als hätte es längst verstanden, dass Entwicklung oft dort beginnt, wo Menschen anfangen, sich selbst zu begegnen – auch wenn nicht alles ausgesprochen wird.
P.S. das Bild wurde mit KI erstellt ;-)