07/02/2012
Neuankömmlinge -
Norbert Hilbig -
In die Welt der Schule kommen die Kinder wie in die Fremde. Die Inbesitznahme fremden Terrains ist somit ihre erste und vordringlichste Aufgabe. Auch sie schulische Welt hält ein ganzes System von Regeln und Normen, von Wertsetzungen und Wertspuren parat, die Neuankömmlinge in der einen oder anderen Weise zu akzeptieren haben. Die Organisation von Lern- und Lebenszusammenhängen will das zur (schulischen) Welt kommen inaugurieren. Dabei unterläuft der Schule bald regelhaft der Irrtum, die schulische Welt mit der Welt selbst zu identifizieren. Sie tut, als sei sie umfänglich „Welt“ und als gelte dieser die Inauguration. Diese falsche Identifikation ist der Kern so vieler schulischer Fehlhaltungen und -hand-lungen. Hätte die schulische Welt ein Bewusstsein ihrer Partikularität, wäre sie der Differenz von „Welt“ und schulischer Welt eingedenk, bezöge sie ihre Initiationen auf ihren Weltausschnitt, es ließen viele Missverständnisse und -verhält-nisse sich vermeiden. Die Schule hilft beim „Zurweltkommen“, doch sie ist nicht Welt. Sie ist Geburtshelferin, aber nicht Gebärende und schon gar nicht jene Welt, in die hineingeboren wird. Sie ist eine Bühne, auf der geprobt wird, was weltwärts wächst. Die schulische Welt – wenn sie sich so verstünde und organisierte – könnte (als zivilisatorische Begebenheit) die „Bewußtseine umhüllen mit dem Schoßgefühl von Zugehörigkeit und Identität; durch das Versprechen von Kontinuität und Erwartungssicherheit.“
Mehr als jede andere gesellschaftliche Einrichtung könnte die schulische Welt zu jenem von Sloterdijk so genannten „sekundären Uterus“ werden, in der sich „durch Abfangen von Frontspannungen eine Innenwelt“ ausbilden könnte, „in der sichs mit Pflichten und Gewichten leben läßt.“ In der schulischen Welt, mehr als irgend sonst, könnte es den Menschen gelingen, „an einen Selbstanfang zu kommen, wo sie sich setzen, entwerfen, übernehmen“ können. Dazu hätte die Schule ihren SchülerInnen ins Gesicht zu schauen, sie hätte zu sehen, dass diese nicht hier ihren Anfang haben, sie sind in die schulische Welt gekommen „in den Resultaten des Schonangefangenseins. Da sind schon Rillen im Gesicht, da sind Falten um die Mundwinkel, da ist schon eine Angst im Nacken, eine Härte im Rücken, ein Zittern in den Knien, eine Spannung im Herzen.“ Sie sind keine – wie man so sagt – unbeschriebenen Blätter, ihre Gegenwart ist „mit der Hieroglyphenschrift älterer Anfänge überzogen, die man entziffern und vergegenwärtigen muß.“ Sie waren und sie sind es weiterhin, „alte“ Individuen. Und „was wir das Individuum nennen, ist zunächst nur das lebende Pergament, auf dem in Nervenschrift von Sekunde zu Sekunde die Chronik unserer Existenz aufgezeichnet wird. (...) Es sind beschriebene Blätter, die eines Tages sich selber umblättern und Schreibende werden.“ Die angesammelten Beschriftungen, die jedem Leben von Anfang an zugefügt werden, nennt Sloterdijk „Tätowierungen“. Und er meint damit „die Seelentätowierungen, die uns unsere Grundwörter vorsagen und unsere Grundbilder einbrennen; es sind die Nerventätowierungen, die sich als Sinnesverknüpfungen und Erlebnisbahnungen in uns eingestochen haben, es sind die Engramme, die uns Signale für Alarm und Aktion, für Rückzug und Sehnsucht setzen.“ Es sind die „existentiellen Tätowierungen“ , die „Brandzeichen der Seele“ , die wir an den Schulweltbewohnern lesen und dechiffrieren müssen.
Und was immer wir tun, es sind diese Tätowierungen nicht zu vermehren, nicht neue sind hinzuzufügen, neue Orientierungen und Geborgenheiten sind gegen die alten Brandmarkungen zu setzen. Es muss ein Abstand gewonnen werden von „den eingestochenen Grundwörtern“ für „den Zufluß neuer Zeichen, durch die die Welt herankommt (...). Je mehr neue Weltzeichen hinzukommen, desto mehr verblaßt auch die alte Nadelschrift.“ Wenn die Welt der Schule mehr Zeichen als Nadeln bereithält, nur dann schließt sie Welt auf. Nur als selbst aufgeschlossene, als offene kann die Institution Schule Welt eröffnen und ins Offene entlassen. So blieben denn die Tätowierungen nicht länger „die monotonen Spuren einer unvergangenen Vergangenheit“.