27/10/2023
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Schulleiterin und Buchautorin: „Kein Smartphone, bevor die Kinder 16 sind“
Schulleiterin und Buchautorin, Silke Müller, ist sich sicher: Die Mehrheit hat nicht den Hauch einer Ahnung davon, welchen Bildern, Videos und Gefahren unsere Kinder im Netz ausgesetzt sind.“ Ihre Schlussfolgerung: „Kein Smartphone, bevor die Kinder 16 sind!“
Die Pädagogin und Buchautorin Silke Müller erhebt im Kampf gegen Hass, Gewalt und Pornografie in sozialen Netzwerken eine radikale Forderung: "Bitte kein Smartphone, bevor die Kinder 16 Jahre alt sind." Müller, die kürzlich ihr Sachbuch "Wir verlieren unsere Kinder: Gewalt, Missbrauch, Rassismus - Der verstörende Alltag im Klassen-Chat" vorgelegt hat, begründete ihre harte Haltung in Zeitungsinterviews damit, dass sich für Kinder und Jugendliche, die ihre Smartphones ohne Beschränkungen nutzen könnten, "das Haifischbecken in voller Gänze" öffne. "Und das Schlimme ist, dass die meisten Menschen nicht den Hauch einer Ahnung davon haben, welchen Bildern, Videos und Gefahren unsere Kinder im Netz ausgesetzt sind", ergänzte die Leiterin der Waldschule Hatten im Landkreis Oldenburg. Niedersachsen.
Betroffenen Eltern hält die Schulleiterin den Spiegel vor: „Manch waren wirklich besonders schwer zu ertragen: In einem Fall ging es um einen virtuellen Sticker, in dem ein junges Mädchen gezeigt wurde, das von zwei Männern missbraucht wird. Und ein Video zeigte einen gefesselten Mann, der bei lebendigem Leibe mit einem Skalpell kastriert wurde. Kinder fragten mich, ob das alles echt sei – und natürlich ist das echt. Für Erwachsene sind solche Bilder und Videos schon schockierend, aber noch schlimmer ist es, dass Kinder so etwas sehen.“
Die Folgen bei den Kindern sind unausweichlich: „Einige reagieren sehr schockiert, können das noch gar nicht so richtig verarbeiten. Ich erlebe aber auch immer wieder, dass Kinder bereits von solchen Inhalten abgestumpft sind, weil sie ständig so etwas zu sehen bekommen. Auch bei mir stelle ich langsam einen Verrohungsprozess fest.“
Die Verantwortung dafür, dass Kinder immer früher über eigene Smartphones verfügen, sieht Müller bei den Erziehungsberechtigten. „Irgendwann haben wir Erwachsene begonnen, unseren Kindern Handys zu kaufen. Die sind ja nicht alleine losgezogen und mit einem Smartphone wiedergekommen. Ich weiß schon, dass Kinder ohne Handy heutzutage schnell Außenseiter sind. Aber nicht die Kinder machen sie dazu, sondern schuld sind wir Erwachsenen, die ihnen die Handys immer früher gegeben haben.“
Müller fordert die Eltern auf, „dass sie sich schleunigst fit machen im Umgang mit sozialen Netzwerken und sich selbst mal mit den Augen eines Kindes auf Spurensuche im Netz begeben, damit sie wissen, was da überhaupt los ist".
Die besonders krassen Inhalte kämen oft aus dem Darknet. Leider sei es gar nicht so schwierig, dorthin zu gelangen – technikaffine Schülerinnen und Schüler könnten das mit verhältnismäßig geringem Aufwand schaffen. Es gebe leider auch immer wieder Fälle, in denen Kinder in großen Gruppen auf Whatsapp aufgenommen würden, deren Administratoren eine Fake-Nummer hätten. Auch dort würden jugendgefährdende Inhalte gepostet.
Silke Müller in ihrem Buch „Wir verlieren unsere Kinder“: „Kinder teilen sie mit der Klasse in Whatsapp-Gruppen, auf Snapchat und Tiktok oder auch per Airdrop auf ihren Iphones. Gerade Letzteres bereitet mir Sorgen. Bei Webseiten habe ich immer die Wahl, ob ich rein oder rausgehen möchte. Doch wenn Kinder morgens im Bus sitzen, während jemand etwas per Airdrop teilt, und sie es annehmen, ist der Inhalt sofort in der Galerie gespeichert und wird direkt angezeigt oder abgespielt. Das heißt, sie haben gar nicht mehr die Wahl, ob sie es sehen wollen oder nicht.“
Und das seien keine vereinzelten Phänomene, sondern an allen Schulen in Deutschland anzutreffen, egal welche Schulform, Region oder Altersklasse – und das alles fast täglich. Silke Müller: „Ein Riesenthema war in den vergangenen Monaten das Verschicken von Nacktbildern von Schülerinnen und Schülern. Oft fängt es damit an, dass sich zwei Schülerinnen und Schüler im Chat unterhalten. Irgendwann sagt eine oder einer zum Beispiel: „Schick doch mal ein schönes Foto von dir, bei dem du dich anfasst.“ Das wird inzwischen sehr schnell auch getan. Schief geht es dann, wenn es zu einem Konflikt zwischen den beiden kommt. Eine oder einer ist sauer und schickt das Foto dann gezielt an andere, bis es irgendwann alle in der Schule haben.“
Zur Rolle der Eltern sagt Müller: „Eltern reagieren dann meist unglaublich schockiert – denn oft ist ihnen gar nicht im Detail bewusst, was auf den Handys ihrer Kinder passiert. Es gibt immer wieder Fälle, in denen Mama und Papa eigentlich alles richtig gemacht haben, zum Beispiel mit ihrem Kind über den richtigen Umgang mit einer Plattform geredet haben und einen offenen Austausch darüber anbieten – und es ging trotzdem schief. Manche Eltern waren dagegen fest der Meinung, ihre Kinder machen so etwas nicht. Leider gibt es aber auch Eltern, die nicht genug auf ihre Kinder achten oder für sie da sind. Sie kommen auch nicht zu Elternabenden und reagieren nicht auf Anrufe. Wieder andere Eltern wollen ihre Kinder ganz von Smartphones fernhalten und alles reglementieren.“
Silkde Müller bewegt sich im Rahmen, den Professor Manfred Spitzerr schon vor zehn Jahren gegeben hat, als er forderte: „Kein Smartphone für Kinder unter 18. Sie sagt: „Ich finde, wir haben gesellschaftlich einen folgenschweren Fehler gemacht, als wir es zugelassen haben, dass Kinder schon im Grundschulalter ein Handy mit Internetzugang bekommen. Dahinter steckte die Haltung, dass das Kind immer erreichbar sein muss. Natürlich ist es verständlich, dass Eltern Angst davor haben, dass ihren Kindern etwas zustößt – aber davor schützt das Smartphone nicht. Wenn ein Gewalttäter sie angreift, ist das Smartphone das Erste, das die Täterin oder der Täter entsorgt. Inzwischen ist das Smartphone nun zum festen Bestandteil der Kinder- und Jugendkultur geworden. Und es liegt jetzt an uns Erwachsenen, Kinder vor den großen Gefahren zu schützen – idealerweise mit einem Smartphone-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren, auch wenn ich weiß, dass das natürlich vollkommen illusorisch ist.“
Silke Müller: „Wir verlieren unsere Kinder. Der verstörende Alltag im Klassen-Chat“. Droemer-Verlag, 22 Euro.