03/05/2021
Du bist ein starkes Mädchen
Diese Worte hat mein Papa früher sehr oft gesagt.
Kennst du auch solche aufbauenden Sätze, die deine Eltern in deiner Kindheit regelmäßig zu dir gesagt haben? Vermutlich erinnerst du dich noch gut daran.
Auch wenn es so gut klingt, hatte dieser Satz im Laufe meines Lebens auch eine blockierende Wirkung. Wie das geschehen konnte, möchte ich heute ein wenig genauer erzählen.
Mir wurde auch als Mädchen zugetraut, alleine ein Fahrrad zu reparieren.
Ich fühlte mich sehr lange stark und glaubte, ich könnte alles bewältigen. Auch als ich durch eine Operation an beiden Füßen danach im Rollstuhl saß, fühlte ich mich kraftvoll.
Auch meine Mutter gab mir ein positives Bild einer starken Frau. Sie war mit ihrem einen Arm in der damaligen Zeit sehr emanzipiert. Sie hat sich in einem früher von Männern dominierten Welt der Banken behauptet.
In meinem Studium und in den Jobs als Wirtschaftsinformatikerin fühlte ich mich immer selbstsicher.
Doch dann kam ich in eine Situation, in der mir diese Art von Stärke nur noch weiter geschadet hat.
Was war passiert?
Ich wurde schwanger und trennte mich noch in der Nacht der Geburt von meinem damaligen Freund.
Ich wusste, wir bekommen es als Paar nicht hin und war immer noch der Meinung, ich kann alles schaffen. Alles ist doch nur eine Frage der Organisation. Das hatten doch schon so viele geschafft.
Doch ich hatte eine Sache übersehen. Dadurch, dass ich glaubte, ich könne alles alleine schaffen, bemerkte ich die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit nicht. Ich spürte lange Zeit nicht wirklich, dass ich immer erschöpfter wurde. Und wenn ich es merkte, dann glaubte ich, ich könne es weiter mit meinem Organisationstalent regeln.
Doch als sich der Druck auf der Arbeit weiter erhöhte, kam der Moment, als ich mir meine Schwäche einstehen musste:
Ich konnte nicht mehr!
Das war die Schwachstelle bei meinem doch so positiv klingenden Glaubenssatz:
Ich war keineswegs immer stark!
Ich durfte lernen, schwach zu sein. Hilfe anzunehmen war ein weiteres großes Lernfeld.
Heute bin ich sehr froh, diese Schattenseiten meiner Glaubenssätze jetzt schon beleuchtet zu haben. Denn ich sehe es an meiner Mutter, wie schwer es im Alter werden kann.
Wie geht es dir mit Stärke und Schwäche?
Kannst du beides anerkennen und leben?
Schreibe mir gerne deine Erfahrungen dazu in die Kommentare