08/09/2026
PISA 2025 – Nicht unsere Kinder sind das Problem
Die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 sind alarmierend. Deutschland hat in allen drei untersuchten Bereichen die niedrigsten Werte erzielt, die seit Beginn der PISA-Erhebungen für Deutschland gemessen wurden.
Darüber müssen wir sprechen.
Aber wir sollten endlich aufhören, bei jeder neuen PISA-Studie zuerst auf die Kinder zu schauen.
Was können sie nicht?
Warum sind ihre Leistungen schlechter geworden?
Wie bekommen wir sie wieder auf bessere Ergebnisse?
Diese Fragen sind nicht falsch. Sie reichen aber nicht aus.
Die entscheidende Frage lautet: Unter welchen Bedingungen lernen unsere Kinder eigentlich?
Für Eltern kommen die Ergebnisse nicht aus heiterem Himmel.
Wir erleben seit Jahren, wie schwierig die Situation an vielen Schulen ist. Unterricht fällt aus oder kann nicht verlässlich stattfinden. Lehrkräfte fehlen. Förderangebote reichen nicht aus. Klassen sind groß und die Anforderungen an Schulen wachsen ständig.
Gleichzeitig soll Schule immer mehr auffangen.
Sie soll guten Unterricht gewährleisten und jedes Kind individuell fördern. Sie soll Inklusion umsetzen, Sprachförderung leisten und Integration ermöglichen. Sie soll Kinder auf eine zunehmend digitale Welt vorbereiten, Demokratie vermitteln und dort unterstützen, wo Familien und andere gesellschaftliche Strukturen an ihre Grenzen kommen.
Schulen und Lehrkräfte leisten dabei jeden Tag enorm viel.
Aber auch das größte Engagement kann fehlende Strukturen nicht dauerhaft ersetzen.
Und genau darüber müssen wir sprechen.
Seit dem ersten PISA-Schock vor mehr als 25 Jahren kennen wir viele der Probleme. Wir wissen um die Bedeutung früher Förderung. Wir wissen, dass die soziale Herkunft noch immer einen erheblichen Einfluss auf Bildungschancen hat. Wir wissen um den Lehrkräftemangel. Wir wissen, wie wichtig ausreichende Sprachförderung und individuelle Unterstützung sind.
Die Erkenntnisse sind also nicht neu.
Neu ist lediglich, dass wir uns offenbar noch immer darüber wundern, wenn sich die bekannten Probleme in den Ergebnissen unserer Kinder zeigen.
Dabei starten Kinder nicht mit denselben Voraussetzungen.
Manche wachsen in Familien auf, in denen sie beim Lernen selbstverständlich unterstützt werden können. Andere brauchen diese Unterstützung stärker durch Kita und Schule. Manche Eltern können Nachhilfe finanzieren. Andere nicht. Manche Familien kennen das Bildungssystem und wissen, welche Möglichkeiten es gibt. Andere müssen sich erst mühsam orientieren.
Das darf nicht darüber entscheiden, welche Chancen ein Kind hat.
Gleiche Anforderungen für alle sind nicht automatisch gerecht.
Ein Bildungssystem, das Chancengerechtigkeit ernst nimmt, muss Unterschiede in den Ausgangslagen berücksichtigen. Das bedeutet nicht, weniger von Kindern zu erwarten. Im Gegenteil. Es bedeutet, ihnen die Unterstützung zu geben, die sie brauchen, um die Erwartungen überhaupt erfüllen zu können.
Gerade Schulen in sozial belasteten Stadtteilen brauchen deshalb mehr als gute Konzepte auf dem Papier. Sie brauchen dauerhaft ausreichend Personal und verlässliche Unterstützung.
Und hier liegt aus Sicht von Eltern ein entscheidendes Problem.
Zu oft reagiert Bildungspolitik auf schlechte Ergebnisse mit dem nächsten Programm, der nächsten Initiative oder einer neuen Strategie. Für Schulen bedeutet das häufig zusätzliche Aufgaben, neue Verfahren und weitere Dokumentation.
Was aber vielerorts fehlt, sind die Menschen, die diese Konzepte mit Leben füllen können.
Eine Schule kann noch so viele Programme haben. Wenn Lehrkräfte und Fachkräfte fehlen, wird kein Papier ein Kind unterrichten oder individuell fördern.
Wir brauchen deshalb keine Politik, die bei jeder neuen Studie wieder bei null beginnt.
Wir brauchen Verlässlichkeit.
Unsere Kinder gehen nicht irgendwann zur Schule.
Sie gehen jetzt zur Schule.
Für ein Kind ist es wenig tröstlich, dass in einigen Jahren vielleicht eine Reform greift. Ein Schuljahr mit zu viel Unterrichtsausfall, fehlender Förderung oder nicht ausreichender Unterstützung lässt sich nicht einfach vollständig nachholen.
Deshalb muss aus den Ergebnissen von PISA 2025 mehr folgen als politische Betroffenheit.
Aus Sicht der LEiS-NRW e.V. sind jetzt vor allem konkrete und langfristige Maßnahmen notwendig:
* eine verlässliche Unterrichtsversorgung und wirksame Maßnahmen gegen den Lehrkräftemangel,
* eine starke frühkindliche Bildung und eine gezielte Förderung von Anfang an,
* ausreichende und frühzeitig einsetzende Sprachförderung,
* mehr Ressourcen für Schulen mit besonderen sozialen Herausforderungen,
* multiprofessionelle Teams an Schulen,
* verlässliche individuelle Förderung,
* weniger Bürokratie und mehr Zeit für die Arbeit mit Kindern,
* und eine stärkere Beteiligung von Eltern und Schülerinnen und Schülern.
Dabei muss eines klar sein:
PISA darf nicht wieder zu einer Debatte darüber werden, was mit unseren Kindern nicht stimmt.
Unsere Kinder sind nicht das Problem.
Sie lernen unter den Bedingungen, die wir ihnen zur Verfügung stellen.
Natürlich tragen auch Eltern Verantwortung. Bildung beginnt nicht erst am Schultor. Aber ein gutes Bildungssystem darf nicht davon abhängig sein, wie viel Zeit Eltern haben, wie viel Geld einer Familie zur Verfügung steht oder wie gut sie sich im Bildungssystem auskennt.
Schule muss dort besonders stark sein, wo Kinder nicht mit den besten Voraussetzungen starten.
Daran sollte sich Bildungspolitik messen lassen.
Nicht daran, wie viele neue Programme sie ankündigt. Nicht daran, wie viele Strategiepapiere sie veröffentlicht.
Sondern daran, ob sich die Bedingungen für Kinder und Schulen tatsächlich verbessern.
Die PISA-Ergebnisse sind kein Urteil über eine Generation.
Sie sind ein Auftrag an uns Erwachsene.
An die Politik. An die Verantwortlichen im Bildungssystem. Und auch an uns als Gesellschaft.
Wir wissen seit Langem, wo die Probleme liegen.
Jetzt müssen wir endlich den Mut haben, daraus Konsequenzen zu ziehen.
Nicht unsere Kinder müssen sich an ein überfordertes System anpassen.
Das System muss endlich die Voraussetzungen schaffen, damit unsere Kinder gut lernen können.
LEiS-NRW e.V.