07/10/2023
Der Artikel in der heutigen RP löst - zu Recht - heftige Emotionen unter den Kindertagespflegepersonen in NRW aus. Danke für die fundierte Antwort!
***Heute haben wir bei Rheinische Post dieses Statement von Herrn Wido Geis-Thöne vom Institut der Deutschen Wirtschaft gelesen, das wir nicht unkommentiert lassen wollen.***
In NRW wird rund ein Drittel aller Kinder unter 3 Jahren in Kindertagespflege betreut.
Herr Geis-Thöne sieht dies als Nachteil, da ihm offenbar faktisches und pädagogisches Wissen im Bereich der U3-Betreuung fehlt.
Wir klären gerne auf: Die Sicherung der Qualität in den Kindertagespflegestellen obliegt den kommunalen Jugendämtern. Sowohl die Personen, als auch die Räumlichkeiten werden regelmäßig auf Eignung überprüft.
Gibt es auch schwarze Schafe? Selbstverständlich. Genauso wie es schwarze Schafe in den Kitas, der Politik oder sogar in Wirtschaftsinstituten gibt.
Wem dies nach der vor Kurzem erschienen RTL-Reportage (Team Wallraff) über Zustände in vielen Kitas nicht bewusst ist, der läuft mit Kopfhörern und Augenklappe durch das Leben.
Natürlich gibt es auch großartige Kitas - aber egal, wie engagiert die dort arbeitenden Personen sind: Den Bedürfnissen im U3-Bereich nach einer festen Bezugsperson kann dort in der Regel systembedingt nicht Rechnung getragen werden.
Denn mit Stand von März 2021 haben bundesweit 61 Prozent der Angestellten in Kitas und Vorschulen in Teilzeit gearbeitet, 31 Prozent hiervon waren keine ausgebildeten Fachkräfte. (Quelle: Destatis)
Bedingt durch Teilzeit und Schichtwechsel hat ein Kleinkind in der Kita am Tag somit meist wechselnde Bezugspersonen, deren zeitliche Kapazität zudem oftmals durch Personalmangel aufgrund von Krankheit, Urlaub oder grundsätzlich fehlendem Personal im Team stark eingeschränkt ist.
Auch arbeitsrechtliche Vorgaben machen es unmöglich, einem Kind in der Kita vom Morgen bis in den späten Nachmittag dieselbe Bezugsperson bereitzustellen – was für eine sichere Bindung und somit zur Ermöglichung von frühkindlicher Bildung für Kinder unter 3 Jahren unverzichtbar wäre.
Auch die räumliche Atmosphäre einer Kita entspricht nicht den Bedürfnissen eines 12 Monate alten Kindes.
Herr Geis-Thöne, ist Ihnen bewusst, dass rund 1/3 aller Kindertagespflegepersonen in NRW über einen fachpädagogischen Berufsausbildungsabschluss verfügen? Und, dass der prozentuale Anteil der pädagogischen Fachkräfte im vergangenen Betreuungsjahr im Vergleich zum Rückgang der vorherigen Jahre merklich angestiegen ist, wie man den aktuellen Zahlen bei IT.NRW entnehmen kann?
Warum es diese Entwicklung gibt? Vielleicht sind die Zustände für viele Erzieher:innen in den Kitas nicht mehr ertragbar. Vielleicht möchten sie in einem Rahmen betreuen, welcher den Bedürfnissen der Kinder gerecht wird - in der Kindertagespflege. Mit fester Bezugsperson, kleiner Gruppe, individueller Förderung.
Am Ende ist zudem unter Umständen nicht so sehr die Dauer der Ausbildung, sondern persönliche Eignung, Empathie, die richtige Haltung und ein gewisses Maß an Intelligenz im Bereich der U3-Betreuung wesentlich entscheidender.
Anbei versorgen wir Sie, lieber Herr Geis-Thöne und auch Sie, liebes RP Online Team, gerne mit Fakten (falls daran Interesse bestehen sollte):
Basierend auf der Bindungstheorie (1958) des englischen Kinderpsychiaters und Psychoanalytikers John Bowlby wird klar, dass für die Entwicklung von Kindern unter 3 Jahren eine feste und verlässliche Bezugsperson unverzichtbar ist. Nur durch eine sichere Bindung wird frühkindliche Bildung daher möglich (Bildung durch Bindung).
Etliche Studien im Bereich der Hirnforschung haben zudem gezeigt, dass bis zum Alter von 3 Jahren so viele synaptische Verknüpfungen im Gehirn entstehen, wie es im Verlauf des weiteren Lebens nie mehr der Fall sein wird. Diese Verknüpfungen dienen als Grundlage für die komplette weitere Entwicklung und können nur dann entstehen, wenn (vergleiche Bindungstheorie) optimale Voraussetzungen in einer Atmosphäre des Vertrauens mit sicherer Bindung geschaffen werden.
Andernfalls gehen Fähigkeiten verloren oder werden sich nicht entwickeln, worauf der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther in seiner Forschung genauer eingeht: „(…) jedes Kind braucht das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, um neue Situationen und Erlebnisse nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung bewerten zu können. Beides gibt es nur in der intensiven Beziehung zu anderen Menschen, und es sind die frühen, in diesen Beziehungen gemachten und im kindlichen Hirn verankerten psychosozialen Erfahrungen, die seine weitere Entwicklung bestimmen und sein Fühlen, Denken und Handeln fortan lenken.(…) Die Auswirkungen suboptimaler Entwicklungsbedingungen werden allerdings meist erst dann sichtbar, wenn die heranwachsenden Kinder Gelegenheit bekommen, ihre emotionale, soziale und intellektuelle Kompetenz unter Beweis zu stellen, z. B. in der Schule.“
Auch Frau Prof. Dr. Liselotte Ahnert hat in einer Expertise für den Landtag NRW zum Thema „Entwicklungspsychologische Aspekte der Erziehung, Bildung und Betreuung von Kleinkindern“ darauf hingewiesen, dass sehr junge Kinder von einer Betreuung in Kindertagespflege im Vergleich zu institutioneller Betreuung in Bezug auf kognitive und sprachliche Entwicklung profitieren: „(…)Tatsächlich haben Entwicklungs- und Verhaltensstörungen in den letzten Jahrzehnten signifikant zugenommen, die als Lern-, Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen, emotionale Regulationsstörungen und Gewaltbereitschaft sowie sprachliche und kognitive Defizite vorrangig nach dem Schuleintritt registriert werden. Es liegt jedoch nahe, die Ursachen dieser sog. „neuen Kinderkrankheiten“ schon in der veränderten Frühsozialisation zu suchen. (…) Zunehmend mehr Studien belegen deshalb, dass Kinder in ihrer kognitiven und sprachlichen Entwicklung der ersten 1½ Jahre von einer ausschließlichen Familienbetreuung oder Tagespflege profitieren, wenn man ihre Entwicklung mit derjenigen vergleicht, die Kinder aus institutioneller Betreuung guter Qualität aufweisen (NICHD Early Child Care Network, 1998, 2000).“
Die Betreuung in Kindertagespflege als Nachteil zu bezeichnen, ist folglich unangebracht und nicht an pädagogischen Fakten/pädagogischen und neurobiologischen Studien orientiert.
Wir als Netzwerk Kindertagespflege NRW bitten dringend um Richtigstellung, denn das Bild der Betreuungsform Kindertagespflege in der Öffentlichkeit hat unter dem Artikel stark gelitten.
Zu echter, journalistischer Arbeit gehört immer eine Gegendarstellung solcher Meinungen, welche leider im Artikel nicht erfolgt ist.
Bildquelle:
https://rp-online.de/nrw/landespolitik/engpass-bei-u3-betreuung-nrw-hat-50-prozent-zu-wenig-kita-plaetze_aid-98992893