13/03/2024
„Lasse dich nicht von »schlechtem« Auftreten verwirren. Kinder helfen uns auch mit widerspenstigem Verhalten dabei, die für das gemeinsame Weiterkommen entscheidende Frage zu stellen: Warum kannst du gerade nicht kooperieren? Welche Gründe hast du wohl, dich so »unmöglich« zu verhalten? Vielleicht versteht das Kind nicht, was wir wollen? Denken wir an ein Kind, das zur Steckdose robbt, um in diese lustigen Löcher etwas reinzustecken – und in die Luft geht, wenn es ein lautes »Nein« von den Eltern hört. Warum sollte es mit uns kooperieren, wenn wir einfach Nein brüllen? Dazu müsste es doch zuerst verstehen, dass eine Steckdose eine Gefahrenquelle ist. Eltern geraten doch nicht wegen einem lustigen kleinen Gesicht an der Wand in Rage! Und so geht es durch den ganzen Alltag. Vielleicht ist ein Kind einfach hungrig, müde oder mit seinem Latein am Ende? Und dann zum Beispiel von dem Angebot im Supermarkt überwältigt? Vielleicht kann es unsere Erwartung entwicklungsbedingt noch nicht erfüllen, etwa dass es in der Schule immer still sitzt und nicht mit seinem Sitznachbarn spielt? Oder dass es sein Tablet abschaltet, wo es doch gerade so wunderbare Höhenflüge erlebt? Vielleicht tut ihm auch die Seele weh, weil sein Papa wieder seine abgekauten Fingernägel thematisiert hat, wo es die doch selbst nicht leiden kann, aber trotzdem viel mehr ist als diese blöden Fingernägel! Vielleicht steht es meilenweit neben sich, etwa wenn wir es morgens aus dem Halbschlaf geschält haben und es dann rasch über die hingehaltenen Stöckchen springen soll: Anziehen, Zähneputzen, Frühstücken und so weiter?
Wir unterschätzen das oft. Kooperation braucht Kraft und leuchtende Augen! Es ist wie Magie: Fühlen Kinder sich eingebunden und ernst genommen, flutscht alles hundertmal besser, als wenn sie kritische Blicke, mürrische Bemerkungen oder Vorwürfe auszuhalten haben. »Lebensfreude ist ein attraktives Modell, dem Kinder gerne folgen«, schreibt die Familienberaterin Dr. Nicole Wilhelm in ihrem lesenswerten Büchlein "Miteinander leben - für eine Familienkultur des Miteinanders." Tatsächlich: Wie häufig helfen zum Beispiel Kinder, die zu Hause eher »bockig« sind, sehr wohl mit, wenn sie bei einer Party mit Freunden sind. Wer an Druck und Zwang oder auch » Pflichtgefühl glaubt, die Kinder angeblich zum Kooperieren bringen, sollte mal öfter Mäuschen bei den Kindern spielen.“
Auszug aus „Mit Herz und Klarheit – Wie Erziehung gelingt und was eine gute Kindheit ausmacht“ von Herbert Renz-Polster