Hilfe, ich adoptiere eine Familie

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●Beratung und Begleitung für potenzielle Adoptiveltern aus traumapädagogischer Sicht
●Beratung und Begleitung für Adoptiv- und Pflegefamilien aus traumapädagigischer Sicht
●Beratung und Unterstützung für adoptierte Kinder und Erwachsene

10/06/2022

Vier Grundwerte

GLEICHWÜRDIGKEIT
Gleichwürdigkeit bedeutet weder Ebenbürtigkeit noch Gleichheit. Ebenbürtigkeit bedeutet ursprünglich »von gleicher Geburt«, wird heute jedoch etwa im Sinne von »gleich stark« verwendet. Gleichheit hingegen ist auch ein politischer Begriff, der in Formulierungen wie »Gleichheit vor dem Gesetz« oder »Gleichstellung« (der Geschlechter) zum Ausdruck kommt. Gleichwürdigkeit bedeutet nach meinem Verständnis sowohl »vom gleichen Wert« (als Mensch) als auch »mit dem selben Respekt gegenüber der persönlichen Würde und Integrität des Partners.

INTEGRITÄT
Integrität bedeutet in der Familie, Eltern sollten ihre eigenen Grenzen äußern, statt Grenzen für ihre Kinder zu finden. – »Historisch betrachtet ist es noch gar nicht lange her, seit wir damit begonnen haben, die individuellen Bedürfnisse des Menschen, seine Grenzen und Werte ernst zu nehmen. Dem Leben und Überleben der Gruppe ist stets eine größere Bedeutung beigemessen worden. Wir sprechen hier von einer langen historischen Zeitspanne, in der die Integrität des Kindes – das heißt, seine physischen wie psychischen Grenzen und Bedürfnisse – systematisch gekränkt wurden, und zwar als Bestandteil einer Erziehung, die ein solches Verhalten als richtig und notwendig ansah.«

AUTHENTIZITÄT
Wir müssen aufhören Rollen zu spielen, z.B. die Rolle des Vaters oder der Mutter, es reicht wenn wir so sind wie wir sind, damit haben wir schon genug zu tun. – »Die Forderung nach Authentizität in den familiären Beziehungen bedeutet einen qualitativen Quantensprung, der vielen Eltern in den letzten zwanzig Jahren vor nahezu unlösbare Probleme stellte, wuchsen sie doch selbst in Familien auf, in denen alles andere als Authentizität gefragt war. – Erst wenn beide oder alle Familienmitglieder sich so authentisch wie möglich zu einem Problem oder Konflikt – das heißt, zu der Art und Weise, in der sie selbst betroffen sind – geäußert haben, besteht die Möglichkeit, eine tragfähige Lösung zu finden, die nicht eine neue Vorschrift oder Sanktion darstellt.«

VERANTWORTUNG
Verantwortung kann man nicht lernen, die bekommt man übertragen. »Erst wenn es uns gelingt, für uns selbst die Verantwortung zu übernehmen, sind wir auch in der Lage, aktiv die Mitverant-wortung für andere Menschen und die Gemeinschaft, die wir mit ihnen bilden, zu tragen.«

GEMEINSCHAFT UND FÜHRUNG
»Eine Familie, in der einige die Arbeit erledigen, während sich die anderen zurücklehnen, ist keine gleichwürdige Gemeinschaft. Die Erwachsenen können die Rollen je nach Temperament, Einstellung und den individuellen Möglichkeiten verteilen. Wählt man die klassische Rollenaufteilung, bei der die Frau die Hauptverantwortung für den häuslichen Bereich und der Mann für die Ökonomie übernimmt, ist daran nichts auszusetzen, solange der Beitrag beider Seiten innerhalb der Familie als gleichwürdig anerkannt wird.« (Jesper Juul ‚Was Familien trägt’ Kösel- Verlag)
Text Mathias Voelchert, Leiter »familylab« Deutschland.

24/05/2022

"Ich sehe was, das du nicht siehst" oder "Auszug aus dem Potemkinschen Dorf"

Ein hübsches gelbes Haus in einer üppigen Allee vis-à-vis eines idyllischen kleinen Waldes, Autos mit Status vor der Garage, Kinder auf einer renommierten Privatschule, Vater gut situierter Arzt, Mutter treusorgende, selbstlose Ehefrau. Mein Kindheits- und Jugendtraum.
Ein Traum findet ja ein jähes Ende, wenn man die Augen aufschlägt. Mein o.g. Traum findet kein solches Ende, er löst sich eher langsam auf. Er hatte nämlich einen erheblichen Haken: ich wuchs in einer Kulisse auf. Wenn ich nach Hause kam, wusste ich nie, was mich erwartete. Welche Rolle musste ich spielen? Das gute Kind, auf das man stolz war? Die Putze? Das Fl*****en, das man aus der Gosse gerettet hat? Die kluge Kleine, die letzte Woche den ersten Preis beim Lesewettbewerb geholt hat? Oder wurde ich doch gleich hinter der Tür mit einem anderen Hassobjekt in einen Sack gesteckt? War der erste Schritt hinter die Kulissen ein Schritt ins Bodenlose oder ein Balanceakt auf einer maroden Hängebrücke über einem reißenden Fluss?
Das klingt reichlich dramatisch, so habe ich es aber empfunden.
Wenn dein Zuhause kein sicherer Ort ist, beginnt ein Prozess, der sich durch dein ganzes Leben zieht.
Und je früher er beginnt, desto nachhaltiger wirkt es sich auf das gesamte Leben aus. Und auf das Leben deiner Mitmenschen. Und auf das Leben deiner Kinder.
In groben Zügen passiert folgendes, wenn es gut läuft: das Kind muss physiologisch grundversorgt werden, klar. Nahrung, Hygiene, Wärme, Ansprache. Wenn das gelingt, baut darauf der Sicherheitsaspekt: ja, doch, es kommt jemand wenn ich schreie und kümmert sich...puh, Schwein gehabt, ich muss nicht sterben und bin wichtig und wertvoll. Und ich lieg hier nicht nur so rum in meiner Wiege sondern ich werde in die Familie oder mein familiäres Umfeld eingebettet. Man spricht und spielt mit mir, man hört und sieht mich. Ich bin immer dabei und mittendrin, ich bin Teil einer Gemeinschaft. Ich sehe Gesichter, ich höre Geräusche, ich rieche vertraute Gerüche, ich fühle Wärme, alles stimmt mit dem was ich auffange überein. Ich werde mobil und darf an den Grenzen meines kleinen Reiches kratzen, man traut mir etwas zu und unterstützt mich, damit ich es allein schaffen kann. Langsam entferne ich mich immer weiter von meinem Mutterschiff, inszeniere einige Scheinkämpfe, schaffe Reibung, damit ich meine Form finde. Mit dieser Form docke ich ab. In dem tiefen Vertrauen, jederzeit wiederkommen zu können und meinen Teil zur Gemeinschaft beizutragen. In diesem Fall bin ich stabil und kann Rückschläge gut verkraften. Meine Welt ist sicher. Ich habe ein gutes Selbst-Bewusstsein entwickeln können, weil das, was ich "sehe" mit dem übereinstimmt was mir gezeigt und gesagt wird.
Mit "sehen" meine ich alles bis auf Worte. Seit einiger Zeit wird angenommen, dass ca. 80 Prozent dessen, was wir wahrnehmen autonom abläuft...anders ausgedrückt: man hört es in den Blättern rauschen, es liegt einem im Urin, man liest zwischen den Zeilen. Bildlich gesprochen steigt diese Wahrnehmung in einem auf (bottom up). Nur 20 Prozent werden kognitiv wahrgenommen, da seihen wir quasi unsere Umgebung bewusst durch unser Gehirn und unser Körper kann reagieren (top down).
Wenn es nicht gut läuft, vor allem in den ersten Lebensjahren, etablieren sich Probleme, derer wir uns als Erwachsene gar nicht wirklich bewusst sein können.
Wenn es nicht gut läuft, reagiert unser System mit den altbekannten Mechanismen -Flucht-Kampf-Erstarren-. Das Fliehen gestaltet sich natürlich schwierig, wenn ich noch ein Winzling bin, Was bleibt, ist zunächst Kampf. Ich bediene mich meiner einzigen Möglichkeit: ich schreie. Aber eigentlich schreie ich nicht (ständig) nach physiologischer Versorgung, sondern nach Zuwendung, echter, ungeteilter Aufmerksamkeit und Kontakt und Austausch. Kommt das nicht oder nur sporadisch, registriert mein System: ah, ich schreie und manchmal bekomme ich Kontakt, das merke ich mir, so geht das also. Oder: ich schreie, was ungeheuer anstrengend ist, und nichts passiert, dann bleibe ich still, mucksmäuschen still, ich erstarre. Später krieg ich den Dreh raus, wie ich was einsetzen muss, um ein Mindestmaß dessen zu bekommen, was ich brauche (ja, brauche!). Ich entwickele sehr feine Antennen für meine Umgebung. Ich weiß genau, wann ich mich so hinbiegen muss, dass ich "überlebe". Diese Antennen verbrauchen extrem viel Energie. In diesem hypervigilanten Zustand kann ich natürlich nur noch wenig bis gar keine Energie mehr in z.B. schulische Anforderungen stecken, ständig vergesse ich irgendwas, ist ja auch nicht wichtig, die Welt ist ein gefährlicher Ort, ich muss ständig auf der Hut sein.
An gefährlichen Orten kenne ich mich super aus, da weiß ich Bescheid und mit selbstmörderischer Geschmeidigkeit bewege ich mich an den nächsten unsicheren Ort.
Die Kulisse ruft...und ich komme!
Wenn der Ort sich allerdings nur als Teil-Kulisse entpuppt und es eigentlich gar nicht sooo schlimm ist, werde ich skeptisch. Was stimmt denn hier nicht? Also tune ich meine Antennen, ich werde schon herausfinden, was nicht ganz in Ordnung ist...man ahnt, was folgt.
Und irgendwann trifft man Menschen, die zu sicheren Orten werden. Das kann eine Lehrkraft sein, eine Verkäuferin am Kiosk, die Nachbarfamilie, der Chef in der Ausbildung-Menschen, deren Handeln mit ihren Worten übereinstimmt, die authentisch sind und dennoch liebevoll zugewandt. Und dann darf und kann Heilung beginnen, weil man zur Ruhe kommen kann, hier stimmt das Gesamtbild (Kohärenz: der Chef gibt sich nicht nur nett...der IST nett...wow).
Nachdem ich mein Potemkinsches Dorf verlassen habe, konnte nach und nach Ruhe einkehren. Meine Antennen sind feingetunt, langsam kann ich entspannen, alles wird leichter.

Zusammengefasst: Wenn Eltern, auch und vor allem Pflege- bzw. Adoptiveltern, Sorgen und Ängste haben, spüren das die Kinder (zu 80 Prozent autonom!)
Seid mutig und äußert diese Ängste und markiert sie als eure eignen. Ihr sollt euch ja nicht einem zweijährigen Menschenkind in Freud´scher Manier zu Füßen legen und alles haarklein aufdröseln. Ein einfaches "Mami ist traurig", "Papa ist müde" UND "das hat aber gar nichts mit dir zu tun" reicht vollkommen, um die Wahrnehmung des Kindes zu bestätigen und es sicher in seiner eigenen Empfindung werden zu lassen.

06/04/2022

Der weiße Fleck

Es gibt einen weißen Fleck auf meiner inneren Landkarte. Einen Ort in mir, in dem nichts ist. Dieser Ort hat bis vor nicht all zu langer Zeit verhindert, dass sich Gefühle und Gedanken frei und ohne Unterbrechung in mir bewegen konnten. Damals war der weiße Fleck noch ein schwarzes Loch und ich hab es nicht wirklich gemerkt. Gefühle verschwanden darin. Und wie das so ist mit schwarzen Löchern waren die Gefühle natürlich nicht wirklich weg, sondern waberten unendlich verdichtet irgendwo zwischen Darm und Herz und begannen sich hinter dem Brustbein durchzubohren, um in der Brustwirbelsäule steckenzubleiben-wie ein Pfahl. Und dennoch war mein Leben gut, ich war voll funktionsfähig, alles war durchorganisiert, pikobello sauber, tipitopi, bi-ba-bestens...dachte ich.
Naja, ich hatte schon als Kind Rückenschmerzen, später Herzrhythmusstörungen, Lagerungsschwindel, Endometriose, aber ich hab super funktioniert. Ach ja, eine Thrombose dank irgendeines Gendefektes, der es mir mehr oder weniger schwer machte, ein leibliches Kind zu bekommen. Aber das kam ohnehin nie für mich infrage. Ich wollte schon immer adoptieren. Ich bin selbst adoptiert (das lief suboptimal, daher das schwarze Loch) darum wollte ich auch adoptieren, nicht weil ich es genauso suboptimal machen wollte sondern...ja, sondern...weil...hm, warum eigentlich?
Die Zeit war gekommen, wir gingen zum Jugendamt, ich spielte komplett mit offenen Karten was meine eigene Kindheit anging und zwei Jahre später bekamen wir unser erstes Kind.
Für uns Eltern war von Anfang an klar, dass wir keine anonyme Adoption wollten, offen oder halb-offen sollte es sein. Ich wollte nämlich, dass das Kind keinen weißen Fleck auf seiner inneren Landkarte hat. Ich wollte, dass wir dem Kind eines Tages seine Geschichte erzählen können. Das haben wir geschafft, wir haben Briefe von der leiblichen Mutter, wir nennen sie Bauch-Mama, Fotos, Kontakt zum Halbbruder und Möglichkeiten, über das Jugendamt Informationen zu bekommen. Bei unserer Tochter ging das leider nicht. Wir haben zwar einiges erfahren, aber die leiblichen Eltern können aus ganz persönlichen und guten Gründen keinen Kontakt zu ihr herstellen. Eines Tages, da war sie etwa 6 Jahre alt, wollte sie Näheres über ihre Herkunftsfamilie wissen. Also haben wir einen Termin beim Jugendamt mit beiden Kindern gemacht und so haben beide Kinder ihre Fragen stellen können. Unsere Tochter wollte z.B. wissen, ob sie noch Geschwister hätte. Unsere Begleiterin vom Jugendamt gab ihr alle Antworten und das Kind ging hochzufrieden in Spielecke.
Wir haben eine Devotionalien-Kiste mit allen möglichen Dingen, die wir uns ab und zu gemeinsam anschauen und zusammen weinen vor Rührung...obwohl, eigentlich weine nur ich und die Kinder trösten mich. Nein, das ist kein Trösten. Ich weiß nicht genau, es ist tiefer. Wir sind tief verbunden in diesen Momenten.
Die beiden haben vielleicht auch einen weißen Fleck, aber ich hoffe, dass da kein schwarzes Loch ist!
Und so können wir zusammen heilen.
Allerdings ist es nicht zwingend notwendig, einen Dachschaden zu haben um bei anderen das Dach zu reparieren, es reicht schon, wenn man den Schaden als solchen erkennt und sich dann, mit dem nötigen Knowhow und entsprechenden Tools ans Werk macht.
Aus meiner Erfahrung heraus möchte ich für Transparenz plädieren und den Mut, den Kindern und Euch ihre Vergangenheit zuzutrauen.
Es lohnt sich!

03/04/2022

Das "Scheiß-Pony-Phänomen"
Zunächst eines vorweg: alles, was ich hier schreibe hat nicht den Anspruch, die absolute Wahrheit zu sein! Ich habe die Weisheit ja nicht mit Löffeln gefressen und lerne jeden Tag dazu. Es ist sogar möglich, dass ich in fünf Jahren haareraufend mit weit aufgerissenen Augen auf diesen Beitrag gucke und denke: was zur Hölle hast du dir bei diesem Mist bloß gedacht?
Heute allerdings möchte ich für alle Interessierten über ein Phänomen berichten, das ich "Dieses Scheiß-Pony-Phänomen" nennen möchte. Natürlich kann man Scheiß-Pony auch durch Scheiß-Hausaufgaben, Scheiß-Schule, Scheiß-Pullover und so weiter und so fort...ersetzen, je nach Kontext.
Bleiben wir also bei dem Scheiß-Pony: dazu sollte der Leser wissen, dass wir tatsächlich kein Pony haben wollten, wir sind über Umwege dazu gekommen. Nun haben wir also ein Pony. Wir könnten sagen, es sei stur. Das wäre aber sehr oberflächlich und eigentlich nur unserem Ego dienlich. Fakt ist: wir haben einfach nicht die nötige Kompetenz, um dem Pony zu vermitteln, was es tun soll. Es macht also, was es gerade will. Das stimmt sehr oft nicht mit dem überein, was wir wollen. Es bedarf einer langen Ausbildung für Halter und Pony, andernfalls führt diese Beziehung zu Frustration auf beiden Seiten, je nach Anspruch.
Nehmen wir an, meine Tochter möchte das Pony spazieren führen. Das Pony sieht leckeres grünes Gras und folgt dem Impuls, es zu fressen. Es ist ein kräftiges kleines Tinker-Pony und könnte eine große Destille ziehen, daher bildet das Gewicht meiner Tochter überhaupt kein Problem, sie wird einfach hinterhergezogen. Meine Kleine versucht, die Kontrolle über das Pony zu bekommen, ein aussichtsloses Unterfangen. Das Kind flucht und kreischt wie ein Kesselflicker (das geht ja auch ohne Destille), rennt schreiend an mir vorbei und schwört bei Allem, was mir heilig ist, dass sie NIE, aber auch wirklich NIE NIE WIEDER sich um das Scheiß-Pony kümmern würde, sie sei sowieso zu doof dazu, GAR NICHTS könne sie und sei bleibe jetzt für IMMER da stehen. Dieses Unwetter kenne ich und weiß, dass es vorbeizieht. Nicht nur das, ich bin froh, dass sie , in Ermangelung einer altersgerechten Impulskontrolle, niemanden im Vorbeiflug verletzt. Soviel Kontrolle hat sie inzwischen. Das war vor 2-3 Jahren noch ganz anders und im zarten Alter von 5 und 6 Jahren viel ausgeprägter. Da flogen alle möglichen Gegenstände durch die Gegend, wurden zerstört oder verwüstet, wenn die Anforderungen zu hoch waren, z.B. wenn sie Schwung-Übungen im Schreibheft machen sollte. Diese Überforderung fand in zerstörerisch-kreativem Krickelkrackel in großen Bögen und Kreisen, durchradierten und letztlich nur noch in Fetzen hängenden Seiten ihren Ausdruck. Während der ersten Lockdown-Phase mit Homeschooling und einer Mutter, die vormittags arbeiten musste, begann sie, bevor das Fass überlief, sich selbst zu verletzen, wenn sie wütend wurde (Kratzen und Beißen, idealerweise, bis es blutete), zuletzt hat sie mir unter dicken Tränen glaubhaft vermittelt, dass sie sterben möchte.
Bonnies Geschichte:
sie wird, nach unterdrückerter Schwangerschaft im häuslichen Umfeld geboren, unerwünscht, unerhört, ungesehen und sofort zur Adoption freigegeben. Als sie zwei Tage alt ist, lernen wir sie kennen, mit sechs Tagen holen wir sie zu uns. Am siebten Tag schlägt sie die Augen auf und schreit ein ganzes Jahr. Die gewohnten Geräusche aus dem Mutterleib, Darm, Herz, Blutrauschen: weg. Bekannte Umgebungsgeräusche: weg. Mutter und Tochter waren eine Einheit, ein Organismus. Mit der Abgabe ist all dies unwiederbringlich weg. Es kommt nicht wieder, egal wieviel sie schreit. Das Schreien nach diesem Teil von ihr ist vergebens, die Schmerzen sind unerträglich, sie strengt sich so sehr an und schreit und schreit...vergebens. Sie lernt also: Anstrengung lohnt nicht, ich schaffe es ja ohnehin nicht.
Unsere Tochter möchte Dinge können oder erledigen. Manche Dinge fallen ihr zu, andere müsste sie unter einer gewissen Anstrengung einüben bzw. erlernen. Nun aber, siehe oben, ist ihr erlernter Weg: Anstrengung lohnt nicht. Das ist ein traumakompensatorisches Schema. Ein Teil von ihr weiß aber auch, dass sie sich in manchen Dingen nun mal ein bisschen anstrengen muss (Lesen, Schreiben, Rechnen). Was für uns eine anregende Herausforderung darstellt, ist für sie unfassbar riesig, ein schwarzes Loch, das all die Energie frisst, ein schier unüberwindliches Hindernis. Das zu überwindende Hindernis ist allerdings nicht das Lesen, Schreiben oder Rechnen sondern das Verlassen des gewohnten Weges, der neuronalen Autobahn, die sich als Säugling entwickelt hat. Unser Gehirn arbeitet energieschonend, maximaler Gewinn durch minimalen Aufwand. "Ein Teil von mir stirbt-ich schreie-es kommt nicht wieder-ich schreie weiter- keiner hilft mir-ich sterbe wahrscheinlich-ich schreie weiter-ich bekomme ein bisschen, aber nicht den Teil von mir-ich schreie weiter-die Frau die sich um mich kümmert ist verzweifelt-ich verursache Schmerz-ich schreie weiter-die Frau weint und wird böse-ich bin falsch-wenn ich aufhöre zu schreien ist die Frau freundlicher-ich bin falsch-ich schreie-es ändert nichts-ich schreie-es hilft mir keiner.
Dieses erlernte Verhalten abzulegen ist die eigentliche Anstrengung, das kostet Energie und man kann nicht wissen, ob der Aufwand zu dem gewünschten Ergebnis führt.
Wir als Erwachsene können antizipieren, allerdings nur wenn wir nicht durch ein unverarbeitetes Trauma blockiert sind. Kinder brauchen noch ein bisschen Führung, Kinder mit einem frühkindlichen Bindungstrauma brauchen Verständnis, ein geduldiges wohlwollendes Gegenüber, das den ein oder anderen Ausbruch aushalten kann.
..für´s Aushalten wäre eine Destille am Pony manchmal nicht das Schlechteste...

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