24/05/2022
"Ich sehe was, das du nicht siehst" oder "Auszug aus dem Potemkinschen Dorf"
Ein hübsches gelbes Haus in einer üppigen Allee vis-à-vis eines idyllischen kleinen Waldes, Autos mit Status vor der Garage, Kinder auf einer renommierten Privatschule, Vater gut situierter Arzt, Mutter treusorgende, selbstlose Ehefrau. Mein Kindheits- und Jugendtraum.
Ein Traum findet ja ein jähes Ende, wenn man die Augen aufschlägt. Mein o.g. Traum findet kein solches Ende, er löst sich eher langsam auf. Er hatte nämlich einen erheblichen Haken: ich wuchs in einer Kulisse auf. Wenn ich nach Hause kam, wusste ich nie, was mich erwartete. Welche Rolle musste ich spielen? Das gute Kind, auf das man stolz war? Die Putze? Das Fl*****en, das man aus der Gosse gerettet hat? Die kluge Kleine, die letzte Woche den ersten Preis beim Lesewettbewerb geholt hat? Oder wurde ich doch gleich hinter der Tür mit einem anderen Hassobjekt in einen Sack gesteckt? War der erste Schritt hinter die Kulissen ein Schritt ins Bodenlose oder ein Balanceakt auf einer maroden Hängebrücke über einem reißenden Fluss?
Das klingt reichlich dramatisch, so habe ich es aber empfunden.
Wenn dein Zuhause kein sicherer Ort ist, beginnt ein Prozess, der sich durch dein ganzes Leben zieht.
Und je früher er beginnt, desto nachhaltiger wirkt es sich auf das gesamte Leben aus. Und auf das Leben deiner Mitmenschen. Und auf das Leben deiner Kinder.
In groben Zügen passiert folgendes, wenn es gut läuft: das Kind muss physiologisch grundversorgt werden, klar. Nahrung, Hygiene, Wärme, Ansprache. Wenn das gelingt, baut darauf der Sicherheitsaspekt: ja, doch, es kommt jemand wenn ich schreie und kümmert sich...puh, Schwein gehabt, ich muss nicht sterben und bin wichtig und wertvoll. Und ich lieg hier nicht nur so rum in meiner Wiege sondern ich werde in die Familie oder mein familiäres Umfeld eingebettet. Man spricht und spielt mit mir, man hört und sieht mich. Ich bin immer dabei und mittendrin, ich bin Teil einer Gemeinschaft. Ich sehe Gesichter, ich höre Geräusche, ich rieche vertraute Gerüche, ich fühle Wärme, alles stimmt mit dem was ich auffange überein. Ich werde mobil und darf an den Grenzen meines kleinen Reiches kratzen, man traut mir etwas zu und unterstützt mich, damit ich es allein schaffen kann. Langsam entferne ich mich immer weiter von meinem Mutterschiff, inszeniere einige Scheinkämpfe, schaffe Reibung, damit ich meine Form finde. Mit dieser Form docke ich ab. In dem tiefen Vertrauen, jederzeit wiederkommen zu können und meinen Teil zur Gemeinschaft beizutragen. In diesem Fall bin ich stabil und kann Rückschläge gut verkraften. Meine Welt ist sicher. Ich habe ein gutes Selbst-Bewusstsein entwickeln können, weil das, was ich "sehe" mit dem übereinstimmt was mir gezeigt und gesagt wird.
Mit "sehen" meine ich alles bis auf Worte. Seit einiger Zeit wird angenommen, dass ca. 80 Prozent dessen, was wir wahrnehmen autonom abläuft...anders ausgedrückt: man hört es in den Blättern rauschen, es liegt einem im Urin, man liest zwischen den Zeilen. Bildlich gesprochen steigt diese Wahrnehmung in einem auf (bottom up). Nur 20 Prozent werden kognitiv wahrgenommen, da seihen wir quasi unsere Umgebung bewusst durch unser Gehirn und unser Körper kann reagieren (top down).
Wenn es nicht gut läuft, vor allem in den ersten Lebensjahren, etablieren sich Probleme, derer wir uns als Erwachsene gar nicht wirklich bewusst sein können.
Wenn es nicht gut läuft, reagiert unser System mit den altbekannten Mechanismen -Flucht-Kampf-Erstarren-. Das Fliehen gestaltet sich natürlich schwierig, wenn ich noch ein Winzling bin, Was bleibt, ist zunächst Kampf. Ich bediene mich meiner einzigen Möglichkeit: ich schreie. Aber eigentlich schreie ich nicht (ständig) nach physiologischer Versorgung, sondern nach Zuwendung, echter, ungeteilter Aufmerksamkeit und Kontakt und Austausch. Kommt das nicht oder nur sporadisch, registriert mein System: ah, ich schreie und manchmal bekomme ich Kontakt, das merke ich mir, so geht das also. Oder: ich schreie, was ungeheuer anstrengend ist, und nichts passiert, dann bleibe ich still, mucksmäuschen still, ich erstarre. Später krieg ich den Dreh raus, wie ich was einsetzen muss, um ein Mindestmaß dessen zu bekommen, was ich brauche (ja, brauche!). Ich entwickele sehr feine Antennen für meine Umgebung. Ich weiß genau, wann ich mich so hinbiegen muss, dass ich "überlebe". Diese Antennen verbrauchen extrem viel Energie. In diesem hypervigilanten Zustand kann ich natürlich nur noch wenig bis gar keine Energie mehr in z.B. schulische Anforderungen stecken, ständig vergesse ich irgendwas, ist ja auch nicht wichtig, die Welt ist ein gefährlicher Ort, ich muss ständig auf der Hut sein.
An gefährlichen Orten kenne ich mich super aus, da weiß ich Bescheid und mit selbstmörderischer Geschmeidigkeit bewege ich mich an den nächsten unsicheren Ort.
Die Kulisse ruft...und ich komme!
Wenn der Ort sich allerdings nur als Teil-Kulisse entpuppt und es eigentlich gar nicht sooo schlimm ist, werde ich skeptisch. Was stimmt denn hier nicht? Also tune ich meine Antennen, ich werde schon herausfinden, was nicht ganz in Ordnung ist...man ahnt, was folgt.
Und irgendwann trifft man Menschen, die zu sicheren Orten werden. Das kann eine Lehrkraft sein, eine Verkäuferin am Kiosk, die Nachbarfamilie, der Chef in der Ausbildung-Menschen, deren Handeln mit ihren Worten übereinstimmt, die authentisch sind und dennoch liebevoll zugewandt. Und dann darf und kann Heilung beginnen, weil man zur Ruhe kommen kann, hier stimmt das Gesamtbild (Kohärenz: der Chef gibt sich nicht nur nett...der IST nett...wow).
Nachdem ich mein Potemkinsches Dorf verlassen habe, konnte nach und nach Ruhe einkehren. Meine Antennen sind feingetunt, langsam kann ich entspannen, alles wird leichter.
Zusammengefasst: Wenn Eltern, auch und vor allem Pflege- bzw. Adoptiveltern, Sorgen und Ängste haben, spüren das die Kinder (zu 80 Prozent autonom!)
Seid mutig und äußert diese Ängste und markiert sie als eure eignen. Ihr sollt euch ja nicht einem zweijährigen Menschenkind in Freud´scher Manier zu Füßen legen und alles haarklein aufdröseln. Ein einfaches "Mami ist traurig", "Papa ist müde" UND "das hat aber gar nichts mit dir zu tun" reicht vollkommen, um die Wahrnehmung des Kindes zu bestätigen und es sicher in seiner eigenen Empfindung werden zu lassen.