31/07/2026
Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte
Übersetzung: Luca Homburg
Klett-Cotta Verlag
Empfehlung: Antonia v.Wissel
Stell dir vor, du bist dein ganzes Leben in einem Keller eingesperrt, zusammen mit 39 anderen Frauen. Die meisten erinnern sich wenigstens noch an das „Davor“. Du nicht. Du bist als kleines Kind dort gelandet und kennst buchstäblich nichts anderes. Kein Himmel, kein Regen, kein Wind, keine Orangen, nicht mal eine Toilette, wie wir sie kennen. Da stellt sich ziemlich schnell die Frage: Was bleibt vom Menschen übrig, wenn man ihm einfach alles Menschliche wegnimmt, Gesellschaft, Geschichte, Kultur?
Genau dieses philosophische Gedankenexperiment bildet den Kern dieses dystopischen Romans. Und ja: Das Ganze ist ziemlich beklemmend. Ich hatte beim Lesen teilweise Gänsehaut. Gleichzeitig ist es extrem spannend, ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Ich habe mit der Protagonistin mitgefiebert, mitgelitten und alles durch ihre Augen erlebt, die mit einer Mischung aus Unwissen, Neugier und vorsichtigem Verstehen durch diese seltsame Welt stolpert.
Niemand weiß, warum sie überhaupt dort sind. Und genau das macht einen fast wahnsinnig beim Lesen, weil diese Frage ständig im Raum steht. Die Frauen leben ohne jegliches Zeitgefühl, ohne echte Orientierung. Bewacht werden sie von Männern, die nichts sagen, nur da sind, als reine Kontrolle. Kein Gespräch, keine Erklärung, nur Regeln und Strafen. Eines Tages ertönt ein Alarm und plötzlich verändert sich alles…
Mehr möchte ich hier nicht verraten, ihr solltet das Buch einfach selbst lesen.
Der Roman stellt dabei ziemlich große Fragen: Warum existieren wir überhaupt? Hat ein Leben ohne soziale Kontakte überhaupt Sinn? Kann Identität ohne andere Menschen entstehen? Was macht einen Menschen aus? Wer bin ich ohne Vergangenheit? Und was bedeutet Freiheit ohne Orientierung?
Richtig stark ist auch, wie die Autorin das soziale Gefüge der Frauen in der Gefangenschaft beschreibt und zeigt, wie sich aus dem Nichts so etwas wie eine kleine Gesellschaft bildet und wie sich Menschen unter extremen Bedingungen verhalten. Selbst im Keller bleibt der Mensch eben Mensch.⤵️
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