27/09/2024
Wunderbarer Artikel.🙏🏻
Das ist auch ein Beitrag vom alten Block, der bei uns aber gerade aktuell ist, und zwar in der Hinsicht, dass wir immer mehr Dinge probieren können. Gestern hat mein Kind zum ersten Mal, seit vielen Jahren Pizza mit Käse gegessen (sonst ging das nur ohne Käse) und es hat geschmeckt. Wir bekommen seit etwa ein bis zwei Jahren immer mehr neue Lebensmittel hinzu, vor allem die, die früher mal gut gingen und dann für Jahre nicht mehr. Das schafft viel Erleichterung für uns Eltern und fürs Kind bedeutet das vor allem viel mehr Auswahl und weniger Angst. Wir haben immer noch die Vereinbarung, dass alles probiert und sofort ausgespuckt werden darf und dass es keinen Zwang zu irgendwas gibt. Das schafft wohl ausreichend Sicherheit 😅.
Jetzt aber zum Artikel:
Viele Eltern autistischer Kinder beklagen, dass ihr Kind so wenige gesunde Lebensmittel isst und nur eine eingeschränkte Auswahl an Lebensmitteln überhaupt im Speiseplan zu finden sind. Das ist tatsächlich bei autistischen Kindern nicht so selten und kann sogar soweit gehen, dass ein Kind die Nahrungsaufnahme komplett verweigert. Daher sage ich grundsätzlich: Hauptsache das Kind isst.
Menschen, die mir mit dem Satz „Wenn das Kind Hunger hat, wird es schon essen“ kommen, kann ich nur entgegnen, dass das bei autistischen Kindern nicht der Fall ist und wenn, dann kann dies sehr unerwünschte Folgen haben (wie zb die komplette Nahrungsverweigerung und Ängste im Bezug auf Lebensmittel). In manchen Therapien, zb ABA, wird gezielt mit dem Entzug von Lieblingsspeisen gearbeitet, um zu erzwingen, dass andere Lebensmittel verzehrt werden. Tatsächlich gibt es aber auch da immer den Hinweis, dass es zu Unterversorgung und Mangelernährung kommen kann. Alleine das zeigt schon, dass von solchen Methoden Abstand genommen werden sollte.
In meinem Fall kann ich sagen, dass ich Panik habe, Lebensmittel zu probieren, bei denen ich mich nicht „sicher“ fühle. Ich probiere durchaus, aber nur wenn ich keine Angst vor einem sensorisch negativen Erlebnis habe. Deswegen dränge ich auch mein Kind nicht zum Probieren. Alles im Zusammenhang mit Nahrung wird hier mit so wenig Druck wie möglich vermittelt. Probieren ist jederzeit möglich und wir bieten auch immer an, aber es ist kein Muss. Und wenn es sein muss, wird ein Gericht angepasst, in dem zb eine Soße passiert wird. Mein Kind ist keine Soße, in der Stückchen jeder Art (zb Zwiebeln oder anderes Gemüse) zu finden oder Gewürze zu erkennen sind.
Wir versuchen Nahrungsaufnahme nicht mit Angst oder Ekel zu besetzen. Tatsächlich sind viele Lebensmittel über die Jahre erst weggefallen, allerdings dürfen mittlerweile wieder neue Lebensmittel hinzukommen. Tatsächliche frage ich sogar täglich, was ich zubereiten soll.
Aber warum ist Nahrungsaufnahme möglicherweise so problematisch?
Beim Essen kommen mehr Dinge zusammen, als gerade vielen neurotypischen Menschen bewusst ist. Schmeckt oder schmeckt nicht, ist hier nicht der einzige Faktor.
Geschmack und Geruch sind für die meisten die bekanntesten Reize, die bei der Nahrungsaufnahme eine Rolle spielen, aber es kommen noch weitere Faktoren hinzu.
Jeder Reiz wird möglicherweise sehr stark wahrgenommen. Die meisten Menschen kennen das bei übermäßiger Schärfe. Körperliche Reaktionen sind dabei nicht selten. Aber stellt euch vor, das erlebt ihr bei einem nur minimal gepfefferten Gericht, oder bei salzig, sauer, bitter, süß. Euch wird schlecht, ihr bekommt Schmerzen oder der Geschmack löst einen extremen Ekel aus.
Ein sehr wichtiger Faktor ist die Konsistenz. Ich persönlich mag zb den Geschmack von Pilzen, kann aber teilweise nicht drauf beißen. Ist etwas schleimig, zu knusprig, zu weich, zu hart, zu gummiartig…Viele kennen den Ekel vor diesem Spiel-Schleim, wolltet ihr ihn dann essen? Sicher nicht. Soßen und Dipps können sich aber so anfühlen.
Stellt euch vor, ihr empfindet einen Ekel vor einem bestimmten Geruch und dieser Geruch wirkt so, als würde er direkt in eurer Nase enstehen. Ihr könnt es nicht ausblenden. Übrigens ist der Geruchssinn einer der Sinne, der bei erlebten Traumata eine große Rolle spielt. Ein Hauch eines Geruchs kann ein großer Trigger sein.
Visuelle Eindrücke sind bei Lebensmitteln sehr extrem. Die Farbe kann in den Augen schmerzen, ein Muster auf einem Produkt kann Schwindel auslösen oder einfach ein Lebensmittel insgesamt überfordert euch visuell. Ich persönlich empfinde beispielsweise einen enormen Ekel beim Anblick einer Artischocke und auch, wenn ich Bilder der Zubereitung sehe. Ich will und werde in meinem Leben keine Artischocke probieren.
Optisch mag ich beispielsweise Rosenkohl sehr gerne, musste ihn aber als Kind trotz Ekel essen. Ich würde ihn tatsächlich gerne mal probieren, einfach weil die Optik so schön ist, aber es ist eines der Lebensmittel, welche eng mit Ekel, Übelkeit und Zwang verbunden ist. Durch diesen Zwang werde ich wohl nie wieder Rosenkohl essen. Das ist also eine Folge, wenn man zum Eswen bestimmter Gerichte gezwungen wird.
Beim Essen geht es aber nicht nur um sensorische Abneigungen, sondern auch um sensorische Bedürfnisse. Es gibt den Begriff Safe Food. Das ist ein Essen, das immer geht, eins das vielleicht sogar unter größtem Stress ein gutes Gefühl vermitteln kann. Ich habe solche Sachen immer vorgekocht und eingefroren parat. Dadurch werden nicht nur sensorische Bedürfnisse befriedigt, sondern zusätzlich spart es auch Energie, die vllt nicht mehr da ist, wenn man kein komplettes Gericht mehr kochen kann.
Geht es mir schlecht, benötige ich Safe Food, aber auch generell stehen beim Essen meine sensorischen Bedürfnisse im Vordergrund. Ich kann nichts essen, was gerade nicht meinem Bedürfnis entspricht. Gerade solche Dinge wie etwas zu essen, was weg muss, funktioniert bei mir nicht. Genauso habe ich immer Phasen, in denen wochenlang ein Lebensmittel täglich konsumiert wird. Ist diese Phase vorbei, kann ich es erst mal nicht mehr essen, auch wenn es noch weg muss, weil es sonst verdirbt.
Viele autistische Menschen mögen tatsächlich auch gerne Fertiggerichte. Dabei geht es noch nicht mal unbedingt darum, dass sie so extrem viel besser schmecken, als selbst gekochte Gerichte. Es geht vielmehr darum, dass sie immer gleich aussehen, gleich riechen und gleich schmecken. Das Erlebnis ist absolut erwartbar. Für viele ist das Safe Food deswegen auch ein Fertiggericht. Ich persönlich liebe sie auch. Allerdings ist es furchtbar, wenn die Rezeptur verändert (die sogenannte „verbesserte Rezeptur“) wird. Niemand möchte eine andere Rezeptur, nicht mal neurotypische Menschen schreien da „juhu“.
Gleichzeitig sind frische Lebensmittel eben nicht so beschaffen, dass sie immer gleich schmecken. Reifegrad, Größe, Herkunftsland, Jahreszeit - alles das hat Einfluss darauf, wie Obst- und Gemüsesorte aussehen, riechen und schmecken. Eigentlich ist der Verzehr dieser Lebensmittel eine reine Wunderkiste, man weiß nie, was man bekommt. Und genau das macht Obst und Gemüse häufig ebenfalls problematisch. Wenn man wissen möchte, was einen erwartet, und wenn man vllt gerade in diesem Moment sehr dringend auf diese Sicherheit angewiesen ist, dann ist dieser Faktor ein absolutes No Go.
Jetzt müssen hierbei aber nicht nur die oben genannten Reize verarbeitet werden, sondern es kommt noch ein großer sozialer Aspekt hinzu. Viele Menschen genießen es, gemeinsam am Tisch zu sitzen, zu essen und sich zu unterhalten. Für Autist•innen kann dies zu einer regelrechten Qual werden. Es wird ja häufig erwartet, dass man sich am Gespräch beteiligt (ja, was denn nun? Essen oder reden?). Man muss darauf achten, andere ausreden zu lassen, Themenwechsel muss verarbeitet werden und die unterschiedlichen Stimmen können als sehr laut empfunden werden. Und dann sind da noch die Geräusche, die andere Menschen beim Essen machen. Kau- und Schluckgeräusche, Besteck, das auf Tellern genutzt und abgelegt wird, Stühle, die verrückt werden.
Und zu guter letzt kommt noch Besteck oder Geschirr dazu, das unangenehm aussieht oder sich falsch anfühlt…ich habe jüngst meinen Mann gebeten, einen Löffel, den wir noch aus der Mensa haben, zu entsorgen, weil ich mich so sehr vor ihm ekele. Das Kind fasst bestimmte Schalen, Tassen oder Teller nicht an, weil sie „zu laut“ sind. Sie machen ein minimales Geräusch (wie ein Quietschen) beim Berühren. Ich selbst bekomme davon auch Gänsehaut.
Viele Eltern verstehen nicht, warum ihre Kinder beim gemeinsamen Essen nichts essen können, warum sie nur eine kleine Auswahl an Lebensmitteln konsumieren oder warum vehement auf bestimmtes Geschirr bestanden wird.
Wenn die Lebensmittelaufnahme von so vielen möglichen Stressoren begleitet wird, dann macht es Sinn, diejenigen Stressoren zumindest so weit zu verringern, wie es eben geht. Druck und Zwang, auch Konditionierung (indem zb Limo nach einem Stück Gemüse angeboten wird, wie oben bei ABA erwähnt) wird nicht dazu führen, dass der Ekel und die Ablehnung verringert werden. Das Kind wird nur wissen, dass es mit diesem Problem nicht ernst genommen wird, und dass es völlig egal ist, ob es kurz vorm Brechen ist. Das fühlt sich nicht gut an. Solche Lebensmittel werden nie zu denen gehören, die Sicherheit vermitteln.
Auch ständig nur das gleiche zu essen, bzw. wenig Auswahl zu haben, ist nicht per se schädlich. Wenn man Angst hat, das Kind bekommt zu wenig Nährstoffe, dann kann man das ärztlich abklären lassen. Es macht jedoch keinen Sinn, alle möglichen Dinge, selbst und ohne ärztlichen Rat zu supplementieren.
Genauso kann man auch hochkalorische Drinks verwenden, wenn generell zu wenig Nahrung zu sich genommen wird.
Nicht alles ist eine Essstörung im Sinne einer Anorexie, denn das wird häufig aus dem Essverhalten autistischer Menschen geschlussfolgert. Möglicherweise liegt die Ursache in den oben genannten Aspekten.
Es kann helfen, ein Kind alleine essen zu lassen, und in die Planung mit einzubeziehen. Auch ist absolut nichts dagegen zu sagen, wenn ein Kind Geschirr und Besteck, was es verwenden möchte, selbst auswählt. Selbst beim Trinken kann die Beschaffenheit eines Mundstücks schon enormen Einfluss haben. Selbstbestimmung kann ein großer und entscheidender Faktor sein.
Die Trennung der Lebensmittel auf dem Teller, so dass sie sich nicht berühren können, hilft ebenfalls einigen sehr, denn Lebensmittel, die sich berühren, können jeweilen Geschmack und die Konsistenz verändern. Außerdem kann es beruhigend wirken, wenn Lebensmittel akkurat getrennt auf dem Teller liegen. Ich finde, das strahlt visuell eine gewisse Ruhe und Ordnung aus. Mittlerweile gibt es hierfür auch wirklich sehr viel Auswahl an Tellern mit einzelnen Fächern.
Gerichte zu pürieren kann auch eine Alternative sein, wenn feste Konsistenzen nicht angenommen werden.
Wenn man sich sicher fühlt, und weiß, dass man zu nichts gezwungen wird, man den Zeitpunkt selbst bestimmen kann (zb ein Tag, an dem sonst keinerlei Anforderungen stattfanden), dann fällt es einem leichter, Dinge zu probieren und vielleicht werden diese Dinge dann Teil eines Speiseplans, der Stück für Stück erweitert werden kann. Und wenn nicht, ist das nicht sofort ein Grund zur Sorge.
!B