28/08/2026
Manche Sätze liest man nicht nur. Man erkennt sich in ihnen wieder.
Bei Josef Rattner habe ich einen solchen Satz gefunden:
„Der Mensch hat inzwischen die Distanz bis zum Mond überwunden, scheitert aber immer noch daran, zu seinen Mitmenschen zu gelangen
(Josef Rattner, Der schwierige Mitmensch, 1973)
Vielleicht ist das eines der großen Paradoxa unserer Zeit: Wir können nahezu jede Entfernung überwinden – nur die zwischen zwei Menschen oft nicht.
Wir verfügen über immer mehr Wissen, immer schnellere Kommunikationsmittel und immer vollkommenere Technik. Dennoch erleben wir täglich, wie Menschen aneinander vorbeireden, sich unverstanden fühlen und in Konflikten schließlich nur noch die eigene Wahrheit sehen.
Dabei scheitern schwierige Situationen selten daran, dass es überhaupt keinen Weg mehr gibt.
Oft scheitern sie daran, dass niemand mehr innehält.
Dass niemand mehr bereit ist, wirklich hinzuschauen: Was ist geschehen? Was davon ist Tatsache, was Interpretation, was Verletzung? Wer ist beteiligt – und was bewegt den anderen?
Erst wenn sich dieses Bild klärt, entstehen wieder Möglichkeiten, nicht sofort die eine richtige Lösung, sondern verschiedene Richtungen. Manche führen in die Konfrontation, andere in die Verständigung, wieder andere zu einer bewussten Trennung.
Entscheidend ist, nicht aus Angst, Kränkung oder Zeitdruck irgendeinen Weg einzuschlagen, sondern den eigenen Weg zu erkennen, ihn bewusst zu wählen und anschließend auch zu gestalten.
Dazu gehört juristische Klarheit. Dazu gehört strategisches Denken. Vor allem aber gehört dazu die Fähigkeit, den Menschen hinter dem Konflikt wieder zu sehen – auch den Menschen auf der anderen Seite.
Das echte Gespräch ist deshalb nicht das Gegenteil von Konsequenz.
Es ist häufig ihre anspruchsvollste Form.