05/05/2025
Wenn alles zuviel wird!
Ein 10-jähriges Mädchen schreibt mir diesen Zettel. Das war vor 12 Jahren. Die Schule ist für sie eine Herausforderung. Immer wieder gerät sie in Überforderungen.
Herausforderung Schule
Die Nachricht ist unmissverständlich - das Mädchen in Not. Ich fühle mich aufgerufen hinzuschauen und aufmerksam zu sein. Die Nachricht enthält ebenso den Wunsch nach Entspannung und die Frage, was sie tun muss. Sie bezeugt mit ihren Worten, selbstverantwortlich handeln zu wollen.
Damit ist es nicht nur eine erschreckende, sondern auch eine zuversichtliche Botschaft.
Die Schuljahre waren happige Jahre - mit vielen Überforderungen. Aber sie blieb mit dem Kopf über Wasser und schaffte ihre Schulzeit. Dies dank ihrer positiven Lebenseinstellung und ihrem sozialen Zusammensein.
Herausforderung Berufsausbildung
Während der Berufsausbildung wird der Leidensdruck immens. Die Anforderungen steigen und sie schafft es nicht mehr, allem gerecht zu werden. Sie ist unorganisiert, chaotisch, kann Zeitpläne nicht einhalten und reagiert im privaten Umfeld impulsiv. Immer mehr Unzulänglichkeiten verschaffen sich Raum. Die Freizeit aber bleibt für sie unantastbar. (Retrospektiv betrachtet sicher eine Notwendigkeit, um nicht zusammenzubrechen.) Die Probleme und der Druck im Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule nehmen zu. Es geht nicht mehr ohne externe Unterstützung. Sie nimmt ein Beratungsangebot an und wünscht sich eine Abklärung. Die vermutete Diagnose ADHS wird bestätigt.
ADHS – und nun?
Die damals 18-jährige junge Frau will dennoch weder eine medikamentöse Behandlung, noch zusätzliche Angebote annehmen. „Wozu dann die Abklärung?“, fragen sich alle - ausser sie selbst. Für sie scheint die Diagnose nur wichtig, um sich selbst zu verstehen. Akzeptieren kann sie diese trotzdem nicht und kämpft dagegen an. Sie will sich und allen rundum beweisen, dass das ADHS ihr nichts anhaben kann. Dass sie beruflich die richtige Wahl getroffen hat, hilft ihr ganz bestimmt, die Herausforderung zu meistern. Sie schafft den Berufsabschluss – mit tollem Resultat.
Es – das ADHS - ist aber deswegen nicht überwunden. Es tritt weiterhin auf - mal mehr, mal weniger. Je nachdem, welche Anforderungen anstehen.
Die Symptomatik, welche von AD(H)S Betroffenen ausgeht, bleibt nicht bei diesen allein. AD(H)S ist für diese Menschen zweifellos eine Zusatzaufgabe. Zusatz deshalb, weil anderen – ohne AD(H)S - diese Aufgabe nicht gestellt ist. AD(H)S bleibt trotzdem nicht nur eine persönliche Symptomatik. Denn sie wirkt sich auch interpersonell und systemisch aus. Die Familien-, Schul- und Berufssysteme werden mitbetroffen. Je nach Schweregrad und verfügbaren Ressourcen mehr oder weniger. Diesen Aspekt gilt es bei der Begleitung von Menschen mit AD(H)S zu berücksichtigen und zu würdigen.
Herausforderung Weiterbildung
Die heute 22-jährige Frau befindet sich gerade wieder in der ADHS-Spirale. Nach 1 ½-jähriger Berufstätigkeit macht sie ein Praktikum und meldet sich für eine 3-jährige Weiterbildung an einer Fachhochschule an. Sie startet gut und kommt mit dem anspruchsvolleren Arbeitssetting zurecht. Ab da, wo dieses mit der höheren Leistungsanforderung der Schule zu koordinieren ist, gerät sie durch ihre ADHS-Symptomatik wieder ins Strudeln. Die Themen und Probleme der Vergangenheit tauchen wieder auf. Sie ist erneut stark herausgefordert. Das ADHS weicht nicht von ihrer Seite. Mal ist sie verzweifelt, mal überfordert, mal traurig. Ich höre ihre Frage: „Warum bin ich so und andere nicht?“
Warum wir so sind, wie wir sind, werden wir alle nie ganz beantworten können. Wir können uns aber unserer Selbst immer wieder aufs Neue bewusst werden und daraus entscheiden, welchen Weg wir weitergehen.
Auch die Weiterbildung bringt sie in Überforderungsmomente. Es stehen ihr noch zwei Ausbildungsjahre bevor. Es ist immer wieder bedrückend, sie in dieser Not zu sehen. Sobald sie sich wieder auffängt - sagt sie: „Ich will es schaffen – trotzdem! Was kann ich tun?“
AD(H)S - wie begleiten?
Menschen mit AD(H)S haben grössere Schwierigkeiten, die Anforderungen in der Schule, dem Beruf oder dem Alltag zu bewältigen. Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir den Betroffenen eine Stütze sein. Abnehmen können wir ihnen die Schwierigkeiten nicht, aber ihnen durch die Stürme hindurch zur Seite stehen. Ein Ignorieren oder Abtun der Diagnose/Symptomatik stösst die Betroffenen vor den Kopf. Damit lehnen wir ihr anders sein ab. Und – wir verunmöglichen ihnen die so wichtige Ressource der Sozialen Zugewandtheit zu nutzen. Die Stärkung der Ressourcen und des Selbstwertes sind zentrale Wirkfaktoren in der Begleitung von AD(H)S Betroffenen.
AD(H)S - was bleibt?
Die junge Frau ist eine leidenschaftliche und soziale Person. Sie engagiert sich privat, in der Freizeit und beruflich im Sozialwesen. Sie lacht viel und sprüht vor Unternehmungslust. Eine Ressource, die ihr hilft, ihre Schwierigkeiten auszuhalten. Und - gerade aus ihrer Geschichte und Erfahrung heraus kann sie Bedürfnisse und Nöte anderer Menschen sondergleichen wahrnehmen und sich für diese einsetzen. In diesem Sinne ist ihr ADHS für sie Fluch wie Segen.
Sie wird ihr Leben meistern und kann in ihrem Umfeld auf gute, stabile und verlässliche Mitmenschen – glücklicherweise auch ausserhalb der Familie - zählen. Das ist umso wichtiger, weil sie nächsten Monat von zu Hause ausziehen wird.
Die junge, erwachsene Frau ist meine Tochter. Ich bin unfassbar stolz auf sie.