16/10/2026
Warum Piloten ein Flugzeug trimmen müssen
…oder warum Winnie seinen Bauch nicht ständig einziehen möchte.
Aso… aso… es isch eso…
…ich habe etwas über Flugzeuge gelernt.
Genauer gesagt…
…über die Trimmung.
Das war eigentlich gar nicht geplant.
Ich sass nämlich gemütlich in meinem Sessel und habe versucht, meinen Bauch einzuziehen.
Hilde hatte behauptet, meine Wollweste würde langsam etwas eng.
Was natürlich völliger Unsinn ist.
Wollwesten werden mit zunehmendem Alter einfach kleiner.
Das ist wissenschaftlich aber noch nicht abschliessend untersucht.
Aber ich bin mir ziemlich sicher.
Jedenfalls…
…habe ich meinen Bauch eingezogen.
Das funktionierte hervorragend.
Ungefähr zwölf Sekunden lang.
Danach wurde es anstrengend.
Nach weiteren acht Sekunden bekam ich Schwierigkeiten mit dem Schnaufen.
Und nach insgesamt dreiundzwanzig Sekunden habe ich beschlossen, dass mein Bauch und ich unsere bisherige Zusammenarbeit fortsetzen werden.
Ohne Veränderungen.
Hilde schüttelte den Kopf.
Das macht sie häufig.
Ich vermute, ihr Schwerpunkt ist nicht richtig eingestellt.
Aber zurück zu meinem Bauch.
Denn genau bei diesem Experiment fiel mir etwas ein.
Piloten machen manchmal genau dasselbe wie ich!
Nicht mit ihrem Bauch.
Sondern mit dem Steuerhorn.
Und das ist eigentlich völlig unnötig.
Zumindest dann, wenn man weiss, wozu ein Flugzeug eine Trimmung besitzt.
Warum ein Flugzeug überhaupt getrimmt werden muss
Stellt euch vor, ihr sitzt in einer Cessna 172.
Ihr fliegt gemütlich geradeaus.
Die Geschwindigkeit stimmt.
Die Höhe stimmt.
Und eigentlich könnte alles wunderbar sein.
Allerdings merkt ihr, dass ihr ständig leicht am Steuerhorn ziehen müsst, damit das Flugzeug nicht die Nase nach unten nimmt.
Also zieht ihr.
Und zieht.
Und zieht.
Nach einiger Zeit werden die A**e müde.
Was macht man nun?
Noch fester ziehen?
Einen zweiten Piloten holen, der ebenfalls zieht?
Oder vielleicht Hilde fragen?
Nein!
Man benutzt die Trimmung!
Denn genau dafür ist sie da.
Mit der Trimmung kann man das Flugzeug so einstellen, dass man nicht ständig am Steuerhorn ziehen oder drücken muss.
Das Flugzeug wird dadurch nicht leichter.
Und es fliegt auch nicht plötzlich von selbst überall dorthin, wo man möchte.
Aber die Kräfte am Steuerhorn werden kleiner.
Und der Pilot kann wesentlich entspannter fliegen.
Das ist ziemlich praktisch.
Vor allem, wenn man längere Zeit unterwegs ist.
Ich persönlich finde ja, dass alles, was weniger Anstrengung verursacht, grundsätzlich eine gute Erfindung ist.
Hilde sieht das anders.
Aber Hilde findet auch, dass man während des Schnaufens den Müll rausbringen könnte.
Was natürlich völliger Unsinn ist.
Wie trimmt man ein Flugzeug richtig?
Das ist eigentlich ganz einfach.
Zuerst stellt man mit dem Steuerhorn die gewünschte Fluglage ein.
Dann lässt man das Flugzeug die gewünschte Geschwindigkeit erreichen und stabilisiert den Flug mit der passenden Motorleistung.
Und jetzt kommt die Trimmung ins Spiel.
Muss man ständig ziehen?
Dann trimmt man in Richtung «Nase hoch».
Muss man ständig drücken?
Dann trimmt man in Richtung «Nase runter».
Und zwar so lange, bis man das Steuerhorn möglichst ohne Kraft halten kann.
Fertig.
Zumindest fürs Erste.
Denn wenn sich die Geschwindigkeit oder die Fluglage verändert, muss man möglicherweise erneut trimmen.
Das ist wichtig.
Zuerst fliegen, dann trimmen!
Nicht umgekehrt.
Denn mit der Trimmung soll man nicht einfach das Flugzeug irgendwie in die gewünschte Fluglage zwingen.
Dafür hat man das Steuerhorn.
Die Trimmung hilft anschliessend, die dafür benötigte Kraft zu reduzieren.
Das ist eigentlich das ganze Geheimnis.
Und trotzdem wird die Trimmung erstaunlich häufig vergessen.
Stattdessen wird am Steuerhorn gezogen und gedrückt, als müsste man das Flugzeug persönlich in der Luft festhalten.
Das funktioniert zwar eine Weile.
Aber besonders sinnvoll ist es nicht.
Ich weiss das.
Schliesslich habe ich dreiundzwanzig Sekunden lang meinen Bauch eingezogen.
Und ich kann euch sagen…
…das ist keine Dauerlösung.
Was hat die Geschwindigkeit mit der Trimmung zu tun?
Jetzt wird es interessant.
Denn ein Flugzeug braucht nicht immer dieselbe Trimmeinstellung.
Stellt euch vor, ihr fliegt mit eurer Cessna gemütlich mit 100 Knoten.
Alles ist wunderbar ausgetrimmt.
Ihr müsst kaum Kraft am Steuerhorn aufwenden.
Nun reduziert ihr die Motorleistung und möchtet mit 80 Knoten weiterfliegen.
Und plötzlich merkt ihr, dass ihr wieder am Steuerhorn ziehen müsst.
Warum?
Weil sich mit der Geschwindigkeit auch die Kräfte verändern, die auf das Flugzeug wirken.
Also trimmt ihr erneut.
Und schon wird das Fliegen wieder angenehmer.
Das Gleiche kann beispielsweise beim Steigflug, beim Sinkflug oder beim Ausfahren der Landeklappen passieren.
Eine Trimmeinstellung passt nicht automatisch zu jeder Geschwindigkeit und jedem Flugzustand.
Das hat mich nachdenklich gemacht.
Denn bei meinem Bauch ist das ähnlich.
Morgens passt meine Wollweste meistens noch ganz gut.
Nach dem Mittagessen wird es schwieriger.
Und nach einer ausgedehnten Karottenkekspause…
…verändern sich offenbar die aerodynamischen Verhältnisse.
Hilde nennt das Gewichtszunahme.
Ich nenne es eine Veränderung der Betriebsbedingungen.
Das klingt wesentlich professioneller.
Was hat ein Elefant mit der Trimmung zu tun?
Jetzt kommt noch etwas dazu.
Der Schwerpunkt.
Und der spielt beim Fliegen eine ziemlich wichtige Rolle.
Das hat mir Professor Möbi erklärt.
Natürlich mit seinem Notizblock.
Das ist grundsätzlich kein gutes Zeichen.
Denn wenn Möbi mit seinem Notizblock auftaucht, wird etwas, das vorher völlig logisch war, innerhalb weniger Minuten kompliziert.
«Winnie, stell dir vor, du sitzt in einer Cessna.»
«Mach ich.»
«Und ganz hinten im Flugzeug sitzt ein Elefant.»
Ich schaute Möbi an.
«Ein Elefant?»
«Ja.»
«Ein richtiger?»
«Ja, Winnie.»
«Mit Rüssel?»
«Mit Rüssel.»
«Und wie ist der da reingekommen?»
Möbi seufzte.
«Das spielt jetzt keine Rolle.»
Ich fand schon, dass das eine Rolle spielte.
Aber gut.
«Also», sagte Möbi, «hinten sitzt ein riesiger, schwerer Elefant. Was glaubst du, wo liegt jetzt der Schwerpunkt des Flugzeugs?»
Ich überlegte.
«Weiter hinten?»
«Genau! Der Schwerpunkt verschiebt sich nach hinten.»
Aha!
Das war logisch.
Wenn hinten sehr viel Gewicht dazukommt, wird das Flugzeug hinten schwerer.
«Und was passiert dann?», fragte Möbi.
Ich überlegte wieder.
«Der Elefant bekommt vermutlich Hunger.»
«Winnie!»
«Ja?»
«Wir reden vom Flugzeug!»
«Ach so.»
Möbi erklärte weiter.
«Stell dir das Flugzeug wie eine Wippe vor. Wenn hinten sehr viel Gewicht sitzt, verändert sich das Gleichgewicht.»
Das verstand ich.
Wi**en kenne ich.
Vor allem solche, bei denen Hilde auf der anderen Seite sitzt.
«Damit das Flugzeug trotzdem die gewünschte Fluglage halten kann», erklärte Möbi, «müssen die Kräfte am Höhenleitwerk dazu passen.»
«Und wenn der Elefant vorne sitzt?»
«Dann verschiebt sich der Schwerpunkt nach vorne», erklärte Möbi.
«Und was passiert dann?»
«Stell dir das Flugzeug wie eine Wippe vor. Wenn vorne ein schwerer Elefant sitzt, möchte die Nase nach unten kippen.»
«Logisch!»
«Damit das nicht passiert, muss das Höhenleitwerk hinten stärker nach unten drücken. Dadurch wird die Nase vorne angehoben.»
Ich überlegte.
«Also muss ich am Steuerhorn ziehen?»
«Genau, Winnie! Wenn du am Steuerhorn ziehst, bewegt sich das Höhenruder nach oben. Dadurch entsteht hinten eine stärkere Kraft nach unten und die Flugzeugnase hebt sich.»
«Aha! Und wenn ich nicht ständig ziehen möchte?»
«Dann benutzt du die Trimmung. Damit kannst du die Kraft am Steuerhorn so einstellen, dass du nicht mehr dauernd ziehen musst.»
Jetzt verstand ich!
«Und wenn der Elefant hinten sitzt?»
«Dann verschiebt sich der Schwerpunkt nach hinten. Das Flugzeug braucht nun weniger ausgleichende Kraft am Heck. Deshalb kann eine andere Stellung des Höhenruders und der Trimmung nötig sein.»
Ich nickte.
«Das heisst also: Das Höhenruder hilft mir, die Flugzeugnase in der gewünschten Lage zu halten. Und die Trimmung sorgt dafür, dass ich dafür nicht ständig Kraft aufwenden muss?»
«Ganz genau, Winnie!»
Das fand ich genial.
«Möbi?»
«Ja, Winnie?»
«Dann brauche ich für meinen Bauch also auch ein Höhenruder?»
Möbi schaute mich an.
Dann auf meinen Bauch.
Dann wieder auf mich.
«Winnie, ich glaube, bei dir wäre es einfacher, den Elefanten auszuladen.»
Das fand ich jetzt etwas unverschämt.
Aber ich verstand es nun besser.
Der Schwerpunkt beeinflusst also, wie das Flugzeug ausbalanciert werden muss.
«Und genau hier hilft die Trimmung», erklärte Möbi.
Wie funktioniert die Trimmung am Höhenruder?
Bei einer Cessna 172 befindet sich am Höhenruder eine kleine bewegliche Klappe.
Die sogenannte Trimmklappe.
Und die macht etwas ziemlich Raffiniertes.
Wenn der Pilot ständig am Steuerhorn ziehen muss, kann er in Richtung «Nase hoch» trimmen.
Dabei bewegt sich die kleine Trimmklappe nach unten.
Der Fahrtwind drückt dadurch das Höhenruder nach oben.
Und das hilft, die Flugzeugnase oben zu halten.
Der Pilot muss nun weniger am Steuerhorn ziehen.
Soll das Flugzeug dagegen in Richtung «Nase runter» getrimmt werden, funktioniert es umgekehrt.
Die kleine Trimmklappe bewegt sich nach oben.
Dadurch wird das Höhenruder aerodynamisch nach unten gedrückt.
Und der Pilot muss weniger am Steuerhorn drücken.
Eigentlich ziemlich clever.
Eine kleine Klappe hilft also dabei, das grosse Höhenruder in der richtigen Stellung zu halten.
Ich war begeistert.
«Möbi, das heisst, die kleine Klappe hilft dem grossen Höhenruder?»
«Genau, Winnie.»
«Und das Höhenruder hilft dem Piloten?»
«Richtig.»
«Und wer hilft dem Elefanten?»
Möbi legte seinen Notizblock weg.
«Winnie, der Elefant gehört überhaupt nicht in eine Cessna!»
Das fand ich jetzt aber etwas spät.
Immerhin hatte Möbi ihn selbst hineingesetzt.
Jedenfalls…
…gibt es noch etwas Wichtiges.
Die Trimmung kann einen falsch liegenden Schwerpunkt nicht korrigieren!
Wenn unser Elefant tatsächlich hinten in der Cessna sitzen würde, hätten wir ein gewaltiges Problem.
Denn der Schwerpunkt könnte weit ausserhalb der erlaubten Grenzen liegen.
Und das kann gefährlich werden.
Die Trimmung kann zwar die Steuerkräfte verändern.
Aber sie kann den Elefanten nicht leichter machen.
Und sie kann ihn auch nicht nach vorne verschieben.
Dafür müsste der Elefant umziehen.
Am besten ganz aus dem Flugzeug.
Das habe sogar ich verstanden.
Ist die Trimmung eigentlich ein Autopilot?
Nein!
Und das ist ein wichtiger Unterschied.
Ein gut getrimmtes Flugzeug lässt sich mit sehr wenig Kraft steuern.
Unter ruhigen Bedingungen kann es sogar eine Weile ziemlich stabil weiterfliegen, ohne dass der Pilot ständig korrigieren muss.
Aber die Trimmung weiss nicht, wohin ihr fliegen möchtet.
Sie kennt weder euren Flugplan noch eure gewünschte Flughöhe.
Und sie weiss auch nicht, ob vor euch ein Berg steht.
Dafür ist weiterhin der Pilot verantwortlich.
Die Trimmung entlastet ihn lediglich.
So kann er sich besser auf die wichtigen Dinge konzentrieren.
Zum Beispiel auf die Geschwindigkeit, die Höhe, die Navigation und darauf, was rund um das Flugzeug geschieht.
Denn wer ständig mit aller Kraft am Steuerhorn zieht, hat irgendwann andere Sorgen.
Vor allem müde A**e.
Und müde A**e sind beim Fliegen ungefähr so hilfreich wie ein Elefant auf dem Rücksitz.
Was wir Menschen von der Trimmung lernen können
Nun habe ich natürlich wieder nachgedacht.
Das passiert mir manchmal.
Meistens unbeabsichtigt.
Denn eigentlich wollte ich nur herausfinden, wie ich meinen Bauch ohne grössere Anstrengung einziehen könnte.
Stattdessen habe ich etwas über Flugzeuge gelernt.
Und dabei ist mir aufgefallen…
…dass wir Menschen im Leben manchmal genau dasselbe machen wie Piloten, die ihre Trimmung vergessen.
Wir ziehen.
Wir drücken.
Wir kämpfen.
Wir versuchen mit aller Kraft, etwas in einer bestimmten Position zu halten.
Eine Beziehung.
Eine Meinung.
Eine Erwartung.
Eine Lebenssituation.
Und manchmal merken wir gar nicht mehr, wie viel Kraft wir dafür aufwenden.
Weil wir uns daran gewöhnt haben.
So wie ein Pilot, der ständig am Steuerhorn zieht und irgendwann glaubt, dass Fliegen eben anstrengend sein müsse.
Dabei könnte vielleicht eine kleine Veränderung der Einstellung bereits sehr viel bewirken.
Nicht immer.
Natürlich nicht.
Manche Probleme lassen sich nicht einfach wegtrimmen.
Und wenn der Schwerpunkt völlig falsch liegt, muss man sich zuerst darum kümmern.
Aber vielleicht lohnt es sich trotzdem, gelegentlich zu fragen:
Wo kämpfe ich eigentlich mit aller Kraft gegen etwas an, das ich durch eine kleine Veränderung wesentlich leichter machen könnte?
Ich finde, das ist eine ziemlich interessante Frage.
Und noch etwas habe ich gelernt.
Wenn sich die Bedingungen verändern, muss man manchmal neu trimmen.
Was gestern noch gepasst hat, muss heute nicht mehr stimmen.
Das gilt für Flugzeuge.
Und vielleicht auch für unser Leben.
Jedenfalls habe ich beschlossen, meine Bauchtrimmvorrichtung wieder zu entfernen.
Sie bestand aus zwei Hosenträgern, einem Gürtel und einer Wäscheklammer.
Die Wäscheklammer hat nämlich an einer Stelle geklemmt, an der Wäscheklammern grundsätzlich nichts zu suchen haben.
Jetzt sitze ich wieder gemütlich in meinem Sessel.
Mit meinem Schafuccino.
Und einer Dose Karottenkekse.
Mein Bauch ist entspannt.
Ich bin entspannt.
Und mein Schwerpunkt…
…liegt zumindest noch innerhalb meines Sessels.
PS: Falls ihr bei einem Flug im Simulator ständig am Steuerhorn ziehen oder drücken müsst, denkt an die Trimmung. Genau dafür ist sie da!
PPS: Und falls ihr glaubt, die Trimmung sei nur etwas für kleine Flugzeuge: Auch eine Boeing 737 besitzt eine Höhenleitwerkstrimmung. Dort wird allerdings nicht einfach eine kleine Trimmklappe wie bei der Cessna verstellt, sondern die Einstellung des gesamten Höhenleitwerks verändert.
PPPS: Das Prinzip bleibt trotzdem ähnlich. Die Steuerkräfte sollen reduziert und das Flugzeug für den jeweiligen Flugzustand richtig ausgetrimmt werden.
PPPPS: Hilde behauptet übrigens, mein Bauch brauche keine Trimmung, sondern weniger Karottenkekse.
PPPPPS: Ich habe beschlossen, diese Aussage nicht weiter zu kommentieren. Manche Dinge lassen sich schliesslich auch durch Schweigen trimmen.
PPPPPPS: Pfüddi hat inzwischen meine Bauchtrimmvorrichtung gefunden.
«Mmpff!»
Ich glaube, er möchte sie an seinem Dreirad montieren.
Hilde sagt, ich soll ihn nicht auf dumme Ideen bringen.
Zu spät.