11/05/2023
Beitrag 5 aus der Reihe GEMEINSAM erziehen,
Was mache ich wenn mein Kind andere Kinder verletzt?
Liebe Mama, Lieber Papa!
Ich bin noch nicht einmal drei Jahre alt und mein kleines Gehirn noch lange nicht ausgereift. Alles, was ich mache, ist von Impulsen meiner Emotionen gesteuert und eine natürliche Phase meiner Entwicklung. Da ich noch nicht sprechen kann, baue ich meinen Stress und meine Emotionen oft durch Kratzen, Schlagen oder Beißen ab. Zum Glück wisst ihr, dass ich nicht böse bin, sondern ein anderes Bedürfnis dahintersteckt. Ich verstehe doch noch gar nicht, was mit mir passiert. Ich fühle etwas in mir und kann es nicht einordnen und auch nicht aussprechen, denn mir fehlen die Worte. Ich muss also auf das Gefühl in mir reagieren und mache das oft, indem ich beiße, kratze oder schlage. Dann sehe ich, dass das andere Kind weint, aber weiß nicht warum.
In den Momenten, wo ich wütend bin und schlage oder beiße, nehmt mich bitte in den Arm! Ich brauche meine Mama und meinen Papa, damit ich mich beruhigen kann. Wenn ihr mit mir kuschelt, dann kann in meinem Körper das Hormon Oxytocin ausgeschüttet werden und ich beruhige mich wieder. Es hilft mir auch, wenn ihr mir helft zu verstehen, wie diese Gefühle heißen, die ich in mir fühle und ich möchte von euch Wege lernen, wie ich mit diesen Gefühlen umgehen kann. Ihr müsst mir erst wieder und wieder zeigen, was ich machen darf, wenn ich wütend oder traurig bin oder wenn ich eure Aufmerksamkeit möchte. Ich brauche eure Erklärungen und muss diese immer und immer wieder hören, damit ich sie verstehen kann.
Ein paar Jahre später….
Ich bin jetzt schon vier Jahre alt, kann sprechen und ich habe von euch gelernt, wie ich mich verhalte, wenn es mir nicht gut geht. Ich habe euch die letzten Jahre jeden Tag beobachtet und konnte mir viel von euch abschauen. Ich konnte sehen, dass ihr in Situationen, wo ich mich unsicher fühle, ruhig und bestimmt reagiert habt und gar nicht nervös wart. Das hat mir Sicherheit gegeben und ich versuche euer Verhalten zu kopieren.
Manchmal schaffe ich es schon, dass ich die Worte und Sätze verwende, die ihr mir beigebracht habt oder die ich von euch gehört habe, wenn ich mich ärgere oder wütend bin. Manchmal verletze ich aber trotzdem andere Kinder. Das passiert, wenn ich versuche Spannung abzubauen oder weil ich mein Unbehagen ausdrücken möchte und keinen anderen Weg sehe. Es kann sein, dass ich in diesen Momenten Angst habe und nicht anders reagieren kann. Vielleicht bin ich aber auch traurig, frustriert oder wütend und weiß nicht, wie ich mir selbst helfen kann. Was mir wirklich hilft in diesen Situationen ist, wenn ihr versucht mir zuzuhören und bei mir bleibt. Danke für all die Tage, wo ihr bei mir geblieben seid und mich gefragt habt, wie ich mich fühle. Danke für all die Gespräche, in denen ihr mir versichert habt, dass meine Gefühle in Ordnung sind. Danke für all die Gespräche danach, wo ihr mir erklärt habt, wie ich es beim nächsten Mal anders machen kann. So weiß ich, dass ich euch wichtig bin.
Mama und Papa – ihr müsst wissen, dass meine Gehirnentwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. Ich entwickle mich noch und lerne jeden Tag dazu. Was ich dafür brauche, ist eine gute Bindung zu euch. Wenn ich impulsiv aggressiv bin, dann drücke ich damit vielleicht meine Angst aus, nicht mehr geliebt oder verlassen zu werden. Und ja, oft sehe ich euch Mama oder Papa, wie ihr mit was anderem beschäftigt seid. Lasst mich einfach durch ein kurzes Nicken, Augenzwinkern oder lächeln wissen, dass ihr „hier bei mir“ seid. Das gibt mir Sicherheit und beruhigt mich. Wenn ich mir Sorgen mache, dass unsere Bindung zu oft unterbrochen wird, dann werde ich euch daran erinnern, was ich brauche. Wie? Weinen, Schreien, Beißen, Dummheiten machen. Ich möchte euch nicht verärgern, ich wünsche mir nur eure Aufmerksamkeit.
Was ich euch noch sagen möchte, Mama und Papa: Ich weiß, dass es nicht einfach ist, Eltern zu sein. Wenn es bei euch zu Hause nicht richtig läuft, werde ich das spüren und ich werde eure Gefühle auf mich übertragen und dementsprechend reagieren. Deshalb ist es so wichtig, dass ihr euch Hilfe holt, wenn ihr sie braucht. Ärzte, Psychologen aber auch die Mitarbeiter von Emmie und Ludo sind Profis und einige auch Eltern – sie verstehen euch, wenn ihr zu ihnen kommt und mit ihnen sprecht.