12/11/2022
Samstags mit Julie von Bismarck: Positive Spannung
Anlässlich einer gehäuften Sammlung unschöner Videos und Fotos auf Social Media möchte ich nochmals den Versuch unternehmen, korrektes, was bedeutet: dem Pferd nicht schadendes, Reiten zu erläutern. Es sind zwei wesentliche Richtungen erkennbar: Entweder wird mit extrem viel Druck auf dem Zügel geritten und die Pferde werden viel zu eng gemacht, oder es wird auf mit Kandare gezäumten, die Nase hoch in die Luft gestreckten Pferden herumgejuckelt. In beiden Fällen sind die völlig verspannten Pferderücken naturgemäß gen Boden weggedrückt und die Pferde laufen hinten raus. Kurzum: Es ist das Gegenteil von dem, was wir durch korrektes Reiten erreichen wollen. Ich möchte es daher noch einmal wiederholen: Das Pferd muss die Muskulatur seiner ventralen Muskelkette nutzen, um einen Reiter schadlos tragen zu können. Nur so kann die Muskulatur der Oberlinie (des Rückens) passiv arbeiten. Die dafür nötige positive Spannung hat NICHTS damit zu tun, dass man vorne zieht und hinten sticht und wird schon gar nicht dadurch erreicht, dass man auf einem Pferd mit in die Luft gestrecktem Kopf herumreitet. Besonders Letzteres hat IMMER ein nach unten Drücken des Rückens zur Folge und nutzt die Muskeln der dorsalen Muskelkette, wie ich sie nenne: die Fluchtmuskeln. Super, um schnell zu entkommen, absolut katastrophal für eine Stunde unter dem Reiter. Wir wollen beim Reiten den Rücken oben halten. Und das geht nun einmal ausschließlich und nur über die Bauchmuskulatur und die mit ihr verbundenen Muskeln der ventralen Kette.
Positive Spannung zu erreichen gehört, wie die korrekte Dehnungshaltung, zu den schwierigsten Herausforderungen beim Reiten. Was wohl auch der Grund dafür ist, warum so Viele es nicht zu beherrschen scheinen und sich dann lieber eine neue "Methode" suchen, bei der das "nicht nötig" ist. LDR, Rollkur, Nase in die Luft, im Schlurftrab durch die Halle - da gibt es ja inzwischen die vielfältigsten "Reitweisen" für Menschen, denen richtig Reiten zu lernen zu anstrengend ist. Und ich schreibe das wirklich nicht, um Reiter zu ärgern. Sondern weil die Pferde massiv darunter leiden. ©Julie von Bismarck