18/08/2026
Der eigentliche Fehler von Kanzler
Stocker war seine Entschuldigung
Bundeskanzler Stocker sagt einen verunglückten Satz und das halbe Land fällt über ihn her. Eine Posse, die viel über Österreich und noch mehr über die ÖVP verrät.
Es ist das Sommerthema des Jahres mit dem Potenzial, die Karriere eines Politikers nachhaltig zu beschädigen: Bei seiner Sommertour stellte sich Kanzler Christian Stocker (ÖVP) in einem Salzburger Hotel den Fragen von knapp 200 Bürgern. Eine Mutter beklagte sich über die „96 Stunden unbezahlter Betreuungsarbeit“, die Frauen pro Woche leisten müssten. Ohne Überstunden- und ohne Sonntagszuschläge. Stockers Antwort: „Also Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit […] Ich würde das nicht als Arbeit sehen. Ich sag's ganz ehrlich." Mehr hat der Bundeskanzler nicht gebraucht, seine Aussage sorgte nicht nur für Buhrufe im Saal, sondern für eine landesweite Welle der Empörung und einen medialen Sh*tstorm der Sonderklasse.
Was übrigens mehr über den Empörungskult des Landes aussagt als über das Familienbild des Bundeskanzlers. Denn jeder, der den Mitschnitt seines Auftritts in Salzburg gesehen oder gehört hatte, wusste sofort, was Stocker meinte. Nämlich nicht, dass das Großziehen von Kindern mühelos sei, das hat er nie behauptet. Sondern dass eine Familie kein „Business Case" ist und auch keine Erwerbsarbeit im herkömmlichen Sinn. Kein Job mit geregelten Arbeitszeiten, Überstundenzuschlägen, vierzehn Gehältern und fünf Wochen bezahltem Urlaub. Er selbst habe seine Kinder nicht als Rechenbeispiel erzogen. Das ist keine Provokation, sondern eine völlig zulässige Position für einen konservativen Politiker und Vorsitzenden einer bürgerlichen Partei. Wer, wenn nicht er, sollte das so sehen?
Klar, dazu gibt es auch andere Positionen. Zum Beispiel jene, die meinen, dass jede im Kinderzimmer geleistete Stunde zu entlohnen sei. Entweder vom Vater oder am besten gleich vom Staat. Dass in jedem Haushalt darüber Buch zu führen ist, wer welche Leistungen erbracht hat: Wer das Kind um drei Uhr früh getröstet hat (Nachtzuschlag), wer den Nachwuchs am Sonntag zum Fußballmatch chauffiert hat (Wochenendzuschlag plus Kilometergeld), wer wie viele Windeln gewechselt hat (Schmutzzulage), wer „Die kleine Raupe Nimmersatt" zum fünfhundertfünfzigsten Mal vorgelesen hat (Erschwerniszulage). Abgerechnet wird das dann über eine neue staatliche Prüfstelle für innerfamiliäre Leistungsgerechtigkeit, angesiedelt im Sozialministerium. Man kann das alles so sehen. Nur sollte niemand überrascht sein, wenn ein konservativer Politiker diese Sicht der Dinge nicht teilt.
Aber ja, der Kanzler hätte tags darauf seine Aussage natürlich präzisieren können. Zum Beispiel so: „Es gibt nichts Wichtigeres als die Familie. Man wird das Großziehen von Kindern nie in Geld aufwiegen können. Und ja, die Mütter kommen stärker zum Handkuss als die Väter. Das ist nicht fair, aber das müssen sich die Paare unter sich ausmachen. Wir können nur den Rahmen setzen, gute Kinderbetreuung anbieten, die Schulen verbessern und die Karenzzeiten neu regeln. Zwölf Monate für die Mutter, zwölf Monate für den Vater, nicht übertragbar. In Frankreich teilt man das Familieneinkommen durch die Zahl der Köpfe: Je mehr Kinder, desto niedriger die Steuerlast. Prüfen wir so ein Familiensplitting auch für Österreich.“ So etwas in der Art.
Stattdessen kam die Entschuldigung: Der Satz sei falsch, Kinderbetreuung sei sehr wohl Arbeit. Kaum hatte sich der Sturm in den sozialen Netzwerken formiert, ging der Kanzler also in die Knie und korrigierte nicht nur eine verunglückte Formulierung, sondern gleich die Sache selbst. Womit wir beim eigentlichen Problem wären: Die ÖVP weiß nicht mehr, wofür sie steht. Ihr Markenkern ist zur Verhandlungsmasse geworden. Rufen die Bauern nach Geld, wird der Hahn aufgedreht. Verlangt der Koalitionspartner scharfe Eingriffe in das Eigentum, lenkt die ÖVP umgehend ein. Formiert sich ein Sh*tstorm, wird sofort widerrufen. Eine Partei, die bei jedem Gegenwind die Richtung wechselt, verliert zwangsläufig die Orientierung.
Wähler verzeihen vieles, aber nicht, dass eine Partei nicht mehr weiß, wer sie ist. Ob man Stocker jetzt zustimmt oder nicht: Dass er seine Überzeugung nach 24 Stunden über Bord wirft, nehmen ihm alle übel. Die einen, weil sie ihm den Satz ohnehin nie verzeihen. Und die anderen, weil dahinter offenbar keine Überzeugung stand. Wer nach dem ersten Buhruf einknickt, macht aus Gegnern keine Verbündeten, sondern verliert auch noch jene, die zu ihm gehalten haben. So hat Stocker mit seinem Rückzieher das Kunststück zuwege gebracht, alle zu verprellen und niemanden zu überzeugen.
(Kolumne von Franz Schellhorn, erstmals erschienen am 15.08.2026 in "Die Presse")