03/05/2023
Stark sein?
Es ist unglaublich. Jahrelang, ja Jahrzehnte lang glaubte ich, ich müsse stark sein. Stärke zeigen.
Schon mein Vater machte mir deutlich, dass ein echter Mann keine Schwäche zeigt. "Indianer weinen nicht..." kennt ihr das auch?
Und so verbrachte ich schon meine ganze Jugend. Niemals Schwäche zeigen war die Devise. Auch wenn mir bei manchen Dingen so sehr zum Weinen zumute war, ich tat es nicht.
Wenn dann nur heimlich, im Verborgenen. Dort wo mich keiner sah, niemand hörte. Selbst vor meiner Familie, vor meinen besten Freunden habe ich meine Schwächen verborgen. Niemals gezeigt.
Die Trauer über die erste große verlorene Liebe? Alleine mit mir ausgekämpft. Im Verborgenen.
Schon damals schrieb ich Gedichte, lyrische Texte. Für mich. Alleine. Hab sie niemals jemanden lesen lassen. Gedichte? Als Mann?
Jahrelang trieb ich Kampfsport. Ja, DAS war männlich! Die Jungs fanden es cool, die Mädels bewunderten mich. Ich fuhr schnelle Wagen als ich älter wurde, schnelle Motorräder. DAS war cool. DAS war männlich.
Doch meine gefühlvolle Seite, all die hunderte von Gedichten und Texte, verschwanden in der Versenkung. Schrieb ich alleine. Für mich.
Dann gründete ich eine Familie. Hab nie Schwächen gezeigt, mich immer durch alles gekämpft. Wollte, musste in schlechten Zeiten stark sein. Für meine Familie. Hab alles geschluckt. Mit mir selbst ausgemacht.
Selbst als ich meinen Kindern beibrachte, dass es ok ist, schwach zu sein, auch mal verletzlich zu sein. Das auch Weinen für einen Mann ok ist. Selbst da ließ ich es nicht für mich selbst gelten...
Denn ich musste stark bleiben.
Erst als ich alles verlor, meine Familie, meine Frau, meine Existenz.....konnte ich nicht mehr. Zum allerersten Mal. Ich konnte meinen Schmerz nicht mehr zurückhalten.
Doch das wollte keiner sehen. Wollte keiner wissen. Alle zogen sich zurück. Und so war ich wieder alleine. Denn mit meiner Schwäche konnte oder wollte keiner umgehen.
Also ging ich fort. Nahm all meine letzte Kraft und verließ meine Heimat. Ließ alles hinter mir und ging fort. Brachte tausende von Kilometer zwischen mein altes Leben und mich. Doch meine Traurigkeit nahm ich mit.
Und so saß ich irgendwo im Nirgendwo, alleine. Schrieb meine Gedichte und Texte. Baute eine Mauer, hinter der niemand die Tränen, die Schwäche und den gebrochenen Mann sah.
Und ich ging mit meiner Maske.
Und dann plötzlich, wie aus dem Nichts tauchte dieser Mensch auf, der meine Welt auf den Kopf stellte.
Ein Mensch, der mir klarmachte, dass all das was ich als Schwäche empfunden hatte, keine waren.
Denn dieser Mensch liebte sie. Machte mir Mut. Zu schreiben und zu dichten. Ich konnte mich fallen lassen und auch mal schwach sein.
Und zeigte mir, dass ich genau dafür geliebt werden kann. Das der weiche, der empfindsame Mann genauso wichtig wie der starke und lustige Mann ist.
Alles an mir. Und das dieses Alles an mir die schönsten Seiten an anderen Menschen hervorbringen kann.
Heute kann ich auch mal schwach sein. Empfindsam und verletzlich. Aber genau das macht mich stark. Unendlich stark.
Und so musste ich Jahrzehnte erleben, durchleben. Bis heute. Um zu erkennen, dass man nur wirklich stark sein kann, wenn man zu sich selbst steht. Zu allen seinen Seiten. Wenn man sich selbst mit allen Seiten annimmt. Die Maske abnimmt.
Und ja, erst dann trifft man auf die Menschen, die einen wahrlich lieben. Für das , was man ist, wie man ist.
Ich danke diesem Menschen, von ganzem Herzen. Und ich wünsche euch allen da draußen, das ihr erkennt und annehmt, wer ihr wirklich seid. Und das ihr auch einen solchen Menschen trefft.
Seid stark....und seid ihr selbst
Euer Schreiberling
(ich habe fertig) 😉
Danke fürs Lesen ihr Lieben