27/09/2018
„Zehenspitzen zum Pferd und Fersen tief!“
Diesen Satz hat vermutlich jeder Reitschüler mindestens einmal in seinem Reiterleben schon gehört. In Sitzschulungen war/ist diese Anweisung leider häufig zu hören. Leider ist es jedoch so, dass genau diese „Korrekturen“ des Sitzes viele unerwünschte Auswirkungen auf den Sitz, auf die Gesundheit des Reiters und auch auf das Pferd haben.
Das Bein sollte am Pferd sitzend so liegen, dass der Oberschenkel am Sattel aufliegt aber nicht festgeklemmt wird, also das Hüftgelenk soll locker bleiben. Das Knie liegt ebenfalls locker mit leichtem Kontakt zum Sattel auf. Und die Zehenspitzen sollen genau dorthin zeigen, wo auch die Kniescheibe hinzeigt. Wenn du dir also vorstellst, dass vorne an deiner Kniescheibe ein Laser oder ein Zeiger ist, sollten die Zehenspitzen genau dort hin ausgerichtet sein, wo der Laser hin leuchtet bzw. der Zeiger hinzeigt. Nur dann ist das Bein korrekt positioniert, ohne einem Fehler in der Beinachse.
Die Beinachse ist die gedachte Linie von der Mitte des Hüftgelenkes über die Mitte der Kniescheibe bis zur Mitte des Sprunggelenkes. Im Stand sollte diese Linie gerade senkrecht fallen. Ist das nicht der Fall, spricht man von einer Beinachsenfehlstellung. Ist das Knie weiter innen als die anderen zwei Referenzpunkte, so spricht man von X-Beinen. Ist das Knie weiter außen, so spricht man von O-Beinen. Wenn der Reitschüler der Anweisung „Zehenspitzen zum Pferd“ folgt, erzeugt er künstlich eine Stellung in Richtung O-Beine.
Das größte Problem aus medizinischer Sicht ist dabei, dass es zu einer einseitigen Belastung des Kniegelenkes kommt. Dadurch kommt es zu einem höheren Verschleiß der Menisken und des Knorpelbelags, was nach und nach zu Arthrose im Kniegelenk führt. Bei O-Beinen kommt es zu einer Überbelastung der Innenseite des Knies, gleichzeitig werden die äußeren Bänder des Knies zu stark gespannt. Bei X-Beinen kommt es zu einer Überbelastung der Außenseite des Knies, die inneren Bänder des Knies sind zu stark gedehnt.
Auch das Sprunggelenk wird einseitig belastet durch eine falsche Beinachse. Dreht der Reiter seine Zehenspitzen zum Pferd, belastet er primär die Außenkante des Fußes, was zu einer Überlastung der Sprunggelenke führt. Außerdem kann der Reiter so nicht stabil im Steigbügel stehen, was in manchen Situationen zu einem umknicken im Sprunggelenk mit Bänderverletzungen führen kann.
Auch das nach unten Drücken der Ferse spannt die Muskulatur unnötig an und führt dazu, dass die Sprunggelenke blockieren und nicht ausreichend in der Bewegung des Pferdes federn können. Die Trittfläche des Steigbügels soll genau auf Höhe der Zehenballen liegen, dann hat der Fuß die größtmögliche Stabilität. Der Fuß soll in der neutralen Position parallel zum Boden positioniert sein. Dann hat das Sprunggelenk die Möglichkeit, beim Reiten mit der Bewegung des Pferdes nach oben und nach unten mit zu federn. Der Fuß bewegt sich also ständig von der Mittelposition rauf, dann wieder zur Mittelposition zurück und dann nach unten, in einer fließenden Bewegung.
Um die Zehenspitzen nach innen zu drehen sind Spannungen in der Muskulatur notwendig, die beim Reiten nicht erwünscht sind. Dadurch ist es nicht möglich, in den Gelenken locker mit zu federn. Aber genau dieses lockere federn in allen Gelenken ist sehr wichtig, um korrekt am Pferd sitzen zu können, den Bewegungen des Pferdes folgen zu können ohne es zu stören und um die Hilfen korrekt und sanft geben zu können. Wenn der Reiter im Sprunggelenk nicht locker ist, kann das Sprunggelenk nicht federn und daraus resultiert, dass auch die anderen Gelenke bis rauf zum Becken und weiterlaufend bis in die gesamte Wirbelsäule nicht effektiv federn. Das kann in weiterer Folge auch negative Auswirkungen für die Gesundheit der Wirbelsäule haben. Vor allem für Reiter, die Probleme/Beschwerden in Sprunggelenken, Knie, Hüfte oder der Wirbelsäule haben ist es sehr wichtig, den korrekten Sitz zu erlernen, um die Probleme nicht zusätzlich durch den falschen Sitz zu verstärken.
Ein bewegliches Becken und federnde Gelenke sind der Schlüssel für einen guten Reitersitz, denn Reiten heißt BEWEGEN.