30/01/2022
„Jetzt probier wenigstens!“
Stand: 29.01.2022
Von Jenny Weber , Die Welt 30.01.2022
Manche Kinder wollen nichts essen außer Pizza, Reis oder Nudeln ohne Soße. Viele Eltern befürchten, dass das Kind nicht genug Nährstoffe bekommt oder die Mäkel-Phase nicht endet. Doch obwohl dieses Verhalten evolutionsbiologisch begründet ist, gibt es Strategien, um Kinder für Gemüse zu begeistern.
Am Abendbrottisch schrie Milian: „Ich mag nichts Normales mehr essen, nur noch Süßigkeiten!“ Es war der Höhepunkt einer Entwicklung, die gegen Ende seines vierten Lebensjahres begonnen hatte. Erst wollte er nur noch Nudeln pur, Reis pur und von der Pizza nur den Rand. Dann kam die Brotdose mit dem Lieblingsbrötchen unberührt aus dem Kindergarten zurück. Milian hörte auf, Tomaten zu essen, lehnte Gurken und Äpfel ab.
„Es war furchtbar“, erinnert sich seine Mutter Nadja P., die ihren vollen Namen lieber nicht sagen möchte, weil sie sich für die Überforderung mit der Mäkeligkeit ihres Kindes etwas schämt. „Er war so garstig und mäkelte an allem herum, was ich ihm vorsetzte. Dabei hatte ich bislang kein Problem, ihn ausgewogen zu ernähren.“ Weder Zureden noch Schimpfen halfen.
Nadja P. lebt mit Milian und dessen Vater in Graz. Irgendwann machte sie das Essverhalten ihres Vierjährigen nervös. „Ich fühlte mich völlig unter Druck. Schließlich sollte man doch täglich fünf Portionen Obst und Gemüse essen, hatte ich im Kopf.“ Den Druck gab sie am Familientisch weiter, die Mahlzeiten wurden immer stressiger.
Wie Nadja P. ergeht es vielen Eltern, die an der Verweigerungshaltung ihrer Kinder verzweifeln. Sie machen sich Sorgen, ob das Kind genug Nährstoffe bekommt, ob es sein zweifelhaftes Essverhalten bis ins Erwachsenenalter beibehalten wird, ob sie eine Weiche in der Erziehung falsch gestellt haben. Woher kommen solche Mäkeleien bei Kindern? Und wie reagiert man darauf richtig?
Laut dem Kinderarzt Herbert Renz-Polster gehen Kinder aus aller Welt durch eine heikle Phase in puncto Essen. Und zwar aus einem evolutionären Grund. „Dass Kinder Nutella und Pommes frites gegenüber Selleriestängeln und Spinatbevorzugen, hat einen an sich sinnvollen Hintergrund“, schreibt er in seinem Buch „Kinder verstehen“.
„Wer Kalorienbomben bevorzugte, kam besser über die nächste Notzeit. Und der kritische Blick auf das – für die empfindlichen Kinderzungen immer etwas bitter schmeckende – Gemüse hat sich nicht aus Trotz gegen die Eltern entwickelt, sondern als Vorsichtsmaßnahme in einer mit giftigen Pflanzen beladenen Umwelt.“
Daher komme auch die Abneigung gegen das Probieren im Kindergartenalter:
Evolutionär gesehen, überlebten Kinder, die ihre Umwelt schon selbst erforschten, indem sie mit der Nahrungswahl übervorsichtig wurden. In der Fachsprache heißt dieses Phänomen Neophobie, Angst vor Neuem.
„Neophobie ist bei Kindergartenkindern ganz normal und verwächst sich meistens“, sagt Katja Kröller, Professorin für Ernährungspsychologie an der Hochschule Anhalt. „Es gibt aber auch extreme Ausprägungen. Dann kommt es auf die Reaktion der Eltern an. Viele verstärken die Mäkeleien ungewollt, indem sie ihnen sehr viel Aufmerksamkeit widmen.“
Etwa indem sie die Kochgewohnheiten stark an die Wünsche des Kindes anpassten. Oder indem sie versuchten, ihre Kinder zum Essen zu animieren – nicht selten mit Druck und Schimpfen. Sätze wie „Du musst erst etwas Gesundes essen!“ oder „Jetzt probier wenigstens“ verschlimmern den Kreislauf der Ablehnung nur. Warum Kinder sehr eigene Essgewohnheiten entwickeln, ist nicht abschließend geklärt. Psychologen vermuten aber, dass sich so ihr Wunsch nach Unabhängigkeit äußert. Es könne aber auch die Angst vor neuen Nahrungsmitteln dahinterstecken.
Hält die radikale Ablehnung einer abwechslungsreichen Kost an, sollten Eltern sicherheitshalber einen Arzt konsultieren. So zeigt eine Studie der amerikanischen National Institutes of Health, dass Kinder im Alter zwischen 1,5 und 2,5 Jahren, die während der Mahlzeiten häufig weinen, ihr Essen wegschieben oder sogar würgen, an Entwicklungsverzögerungen leiden können. Neurologische Probleme, Kommunikationsschwierigkeiten oder fehlende feinmotorische Fähigkeiten stecken manchmal hinter dem Verhalten.
Druck schadet
In einer amerikanischen Online-Umfrage unter mehr als 19.000 Erwachsenen, die als Kinder ausgesprochen wählerische Essgewohnheiten hatten, gab eine überwiegende Mehrheit an, dass sie von positiven und ermutigenden Strategien ihrer Eltern mehr profitierte als von erzwungenen Ansätzen. Die Studie aus dem Jahr 2019 ging dem Phänomen der extremen Essensvermeidung nach, die den Namen ARFID trägt (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder).
Die Erkrankung ist durch Gewichtsverlust und Nährstoffmangel gekennzeichnet, die Mahlzeiten sind oft scham- und konfliktbehaftet. Den Forschern zufolge empfanden die Umfrageteilnehmer einige Lebensmittel eindeutig als ekelerregend, nicht nur als unangenehm.
Egal, wie stark die Essensverweigerung ausgeprägt ist, die erste Maßnahme lautet: Druck herausnehmen. Gefährlicher als ein vorübergehender Nährstoffmangel wirkt sich eine Essstörung aus. Essen ist etwas sehr Intimes. Wenn das mit Zwang verbunden wird, löst das negative Gefühle aus. „Die Emotionen, die wir beim Essen haben, werden gespeichert“, sagt Ernährungspsychologin Kröller. „Sie bleiben als Assoziationen zu den jeweiligen Lebensmitteln bestehen.“
Für betroffene Eltern heißt das: viel Geduld haben und auf Machtausübung verzichten. Denn das geht schnell nach hinten los. „Essen ist für Kinder auch ein Weg, um ihr Trotzverhalten zu zeigen und sich gegenüber den Eltern abzugrenzen“, sagt Kröller. „Dabei können Eltern ihre Macht nicht einsetzen, weil sie die Kinder nicht wirklich zwingen können. Das Essen würde einfach ausgespuckt werden.“
Auch Nadja P. aus Graz merkte, dass ihr Sohn mit seinem Essverhalten auch rebellieren wollte. Sie stieß auf den Podcast „Dein Kind isst besser, als du denkst“ des Familiencoaching-Start-ups Confidimus. Mittlerweile gibt es ein gleichnamiges Buch. Dort wird auf starre Regeln verzichtet und stattdessen auf Vertrauen gesetzt – Vertrauen in den inneren Ernährungskompass der Kinder.
Das Prinzip des intuitiven Essens gewinnt an Beliebtheit. Jedes Lebensmittel ist zu jeder Zeit erlaubt, es zählen die Hunger- und Sättigungssignale des Körpers und die Frage „Wie bekommt mir das?“. Julia Litschko, eine der beiden Gründerinnen von Confidimus, sagt: „Kinder spüren sich eigentlich ziemlich gut. Sie lassen zwei Bissen Brot auf dem Teller oder einen Rest Joghurt im Becher. Erwachsene würden den Joghurtbecher wahrscheinlich leer essen.“
Psychologin Kröller ist skeptisch, denn das evolutionäre Gedächtnis treibe Kinder in Richtung Zucker. „Das ist ein Problem beim intuitiven Essen. Wenn das Angebot völlig frei ist, besteht das Risiko, dass ein zu großer Teil des Energiebedarfs durch Zucker abgedeckt wird.“
Allen verzweifelten Eltern, die sich nicht trauen, ihr Kind wochenlang nur Eis und Schokolade essen zu lassen, seien die beruhigenden Worte des Kinderarztes Renz-Polster mitgegeben: „Im Schulalter werden die Kinder wieder mutiger, und zwischen acht und zwölf Jahren weitet sich der Wahlhorizont dahin gehend, dass die Kinder mit vorher undenkbaren Nahrungsmitteln wie Pilzen, geschmacksintensiven Käsesorten und auch Gemüse wie Brokkoli zu experimentieren beginnen.“ Also: ausatmen und durchhalten.
Hintergrund: Was ist normal?
Eltern machen sich schnell Sorgen, wenn ein Kind schlecht oder nur einseitig isst. Der 2018 verstorbene US-amerikanische Kinderarzt T. Berry Brazelton hat deshalb eine Orientierungshilfe zusammengestellt – und setzt darauf, Lebensmittel auszutesten. So können es zwei Gläser Milch am Tag sein oder 60 Gramm Käse oder anderthalb Becher Joghurt oder zwei Kugeln Milchreis. Zudem: 60 Gramm Fleisch oder ein Ei oder drei Esslöffel Müsli.
Für die Vitamine reichen ein halbes Glas Orangensaft, eine halbe Kiwi oder anderes Obst. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung verweist zudem auf den Body-Mass-Index als Indikator. Bei einem Einjährigen sollte er zwischen 15 und 18,5 liegen, bei einem Dreijährigen zwischen 14 und 18.