20/10/2024
Liebe Gymnasiallehrer:innen!
Entgegen den Angstmachenden Kräften in unserem Land bin ich als Gymnasiallehrer für eine gemeinsame inklusive Schule. Auch wir profitieren davon: z.B. durch weniger SchülerInnen pro Klasse und, und, und...
Hier 25 ausgewählte Gründe, warum ich unter anderem für eine gemeinsame Schule bin!
1. Herausforderungen: Wir stehen vor großen Herausforderungen, die wir nur gemeinsam angehen und lösen können. Dazu braucht es auch eine neue Art des Bildungswesens: Gemeinsam und inklusiv, denn nur wenn wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen, werden wir das schaffen!
2. Zusammenleben: Kinder werden viel zu früh „(aus)sortiert“ und voneinander getrennt. Dieses Bilden von Gruppen, die kaum mehr Berührungspunkte haben und einander fremd sind, ist eine riesige Gefahr für ein friedliches Zusammenleben. Miteinander und voneinander lernen, individuelle Stärken und Interessen nutzen und einbringen dürfen, einfühlsam miteinander umgehen, all das ist Basis für individuelle Potenzialentfaltung ALLER und das Aufblühen unserer Gesellschaft.
3. Gemeinsame Erfahrungen: Soziale Durchmischung und Vielfalt in allen Bildungseinrichtungen. Sie sind wichtig, um gemeinsame, verbindende Erfahrungen zu machen. Dies gilt für Kinder und Jugendliche jeden Alters. Wir brauchen daher gemeinsame Kindergärten, gemeinsame Volksschulen und gemeinsame Schulen für die 10- bis 15-Jährigen, in denen alle Kinder - unabhängig von ihrem sozialen Status, ihrer Herkunft, ihren Noten und ihren Fertigkeiten - miteinander und voneinander lernen dürfen und gefordert und gefördert werden.
4. PISA: Die recht durchschnittlichen Ergebnisse unserer SchülerInnen bei den PISA-Testungen gehen auch auf unser zweigliedriges Schulsystem zurück. Eine Umstellung auf eine gemeinsame Schule würde zwar per se und allein kein besseres Abschneiden garantieren, aber, bei einer gemeinsamen Schule mit individualisierten Ansätzen schon.
5. Stärkung der ländlichen Region: Durch eine gemeinsame Schule würde der Run und die Entwurzelung von Kindern aus ländlichen Regionen, die in die Ballungszentren pendeln, um ein Gymnasium zu besuchen, obsolet werden, da es dann keinen Grund mehr dafür gäbe. Dies würde auch die ländlichen Regionen und deren Schulen wieder stärken.
6. Der Run auf die Gymnasien und bestimmte Schulen in den Städten mit all seinen negativen Auswirkungen könnte minimiert werden. Voraussetzung ist, dass in allen Schulen gut gearbeitet wird, kein Konkurrenzkampf geführt wird… Und dies setzt voraus, dass alle Lehrer bereits gemeinsam ausgebildet wurden oder aber man hebt mit Beginn einer gemeinsamen Schule die Trennung zwischen derzeitigen im Beruf stehenden MS- und GymnasiallehrerInnen auf.
7. Lehrlings-Facharbeitermangel: Da der Weg eines Schülers/einer Schülerin bereits mit 10 Jahren vorgezeichnet ist, braucht es nicht zu verwundern, dass 97% der UnterstufenschülerInnen in maturaführende Schulen gehen bzw. die Unterstufe eines Gymnasiums der Wegbereiter für ein eine weitere AHS-Karriere und Studium, die Mittelschule für eine BHS-Karriere ist. Die Lehre hungert aus, auch nach der Matura bleibt die Lehre etwas für Exoten. Ein weiteres Problem ergibt sich dadurch, dass nicht jeder Schüler/jede Schülerin dadurch, weil der Weg schon früh vorgegeben ist und vor allem von den Eltern sehr stark beeinflusst wird, die richtige Schulwahl getroffen hat. Dies könnte durch eine spätere Trennung minimiert werden.
8. Rechtlich: Siehe UN-Behindertenkonvention, der sich Österreich verpflichtet hat.
9. Parallelgesellschaften: Die im städtischen Bereich durch unser System entstandenen „Schulen mit besonderen Herausforderungen“ begünstigen die Entstehung von Parallelgesellschaften. Echte Integration kann nur gelingen, wenn echte Teilhabe zugelassen wird, und zwar von beiden Seiten. Dazu braucht es aber heterogene Klassen, in der Kinder aus benachteiligten Familien, Kinder mit Behinderung, Kinder mit Migrationsbiographie… und relativ unbelastete Kinder sitzen. Dabei ist jedoch darauf zu achten, dass die Heterogenität nicht überstrapaziert wird (ca. 30% zu 70%) und die Klassengröße ist wichtig (20er Zahl). Zu beachten ist auch: Folgekosten, die durch Bildungsnachteile entstehen.
10. LehrerInnenmangel: Die derzeitige Situation an manchen Schulen (vor allem Brennpunktschulen) ist nicht gerade dazu angetan, junge Menschen für diesen Job zu begeistern.
11. Schulen mit besonderen Herausforderungen: Diese sind absolut untragbar, sowohl für die SchülerInnen, als auch deren Eltern. Dieses Problem kann aber nur durch eine gemeinsame Schule gelöst werden.
12. Gemeinsam Schule schafft besser ausgebildetes Personal: Da von einer gemeinsamen Schule vor allem die schwächeren SchülerInnen (bei einer guten Mischung in der Klasse) profitieren (die aber nicht auf Kosten der anderen geht), stünden dem Arbeitsmarkt „besseres“ Personal zur Verfügung. Wahrscheinlich auch den BHS bessere SchülerInnen, die immer wieder darüber jammern, dass das Niveau bei ihnen sinke (siehe SchülerInnen, die aus „Schulen mit besonderen Herausforderungen in diesen Schultyp gelangen).
13. Eine gemeinsame Schule schafft Arbeitsplätze: Eine gemeinsame Schule ist zwar teurer (Klassengröße, mehr Personal…), aber sie schafft auch mehr Arbeitsplätze in den Schulen und minimiert eine spätere Arbeitslosigkeit bei den „schwächeren Schülern und Schülerinnen.
14. Armutsbekämpfung: Durch eine gemeinsame Schule erreichen gerade jene Schüler:innen, die derzeit ohne Schulabschluss und ohne Qualifizierung ein zähes Leben in Armut vor sich haben eher einen Abschluss der es ihnen ermöglicht eine Lehre zu absolvieren.
15. Längeres gemeinsames Lernen garantiert, dass Kinder länger Zeit haben ihre spezifischen Begabungen zu finden und weiterzuentwickeln. Dies führt zu vielfältigeren beruflichen Laufbahnen. Fähigkeitenprofil und Werdegang passen dann besser zusammen. Matching at its best!
16. Eine Schulstruktur mit einer zentralen Verwaltung und echter Schulautonomie garantiert, dass die Mittel da ankommen, wo Lernen passiert: In der Schule. Folge: Mehr Mittel für individuelle Fördermaßnahmen und stärkenorientiertes Lernen.
17. Lehrer:innen profitieren von der Expertise des jeweils anderen: Gymnasiale von den pädagogischen Fähigkeiten der MS-Lehrer, MS-Lehrer von der fachlichen Expertise der Gymnasialen (im Übrigen ein "Problem" das mit der Pädagog:innenBildung neu nur mehr eine Frage der Zeit ist). Alle profitieren von der Expertise der Inklusionspädagog:innen im Team.
18. Mittel für Supervision, Unterstützungspersonal, school-nurses, dezentrale und bedarfsorientierte Fortbildungen werden frei.
19. Das Input-Output Verhältnis wird somit besser.
20. Viele internationale Beispiele zeigen, dass das Schreckgespenst "Nivellierung" ein Schreckgespenst ist – und ich glaube nicht an Geister. Im Gegenteil, das Spitzenfeld ist in Ländern mit gut umgesetzter gemeinsamer Schule sogar besser als in Systemen mit äußerer Differenzierung.
21. Schüler:innen haben ihren Bedürfnissen entsprechend Lernzeit zur Verfügung. Der Druck auf Eltern zu unterstützen, bzw. die Nachhilfe zu zahlen sinkt.
22. Das Vorwissen einer heterogenen Gruppe ist größer als das einer homogenen: Und von mehr Basis, kann mehr erarbeitet werden.
23. Ein durchlässigeres Bildungssystem garantiert auf lange Sicht sozialen Frieden und eine funktionierende, zukunftstaugliche Volkswirtschaft, die übrigens durch eine gemeinsame Schule gestärkt werden würde. Das Bruttosozialprodukt könnte somit gesteigert werden.
24. Gemeinsames Lernen schult Leadership-Fähigkeiten.
25. Niemand kennt den Arbeitsmarkt der Zukunft. Egal in welchem Sektor - Kernkompetenzen wie Teamfähigkeit, Umgang mit Diversität, Kreativität, Problemlösestrategien werden in allen Branchen an Bedeutung gewinnen. Individuell Fördernde Systeme schulen diese Skills besser.