14/02/2018
Schrott fürs Gehirn?
(Antworten aus der Sicht der Evolutionspädagogik® und vieler anderer Studien)
Die Verwendung von PC, Tablet und Handy im Unterricht, um den sicheren und sinnvollen Umgang mit modernen Medien zu schulen, ist zwar zu begrüßen,
ob diese Geräte aber auch geeignet sind, Lehrstoff festzuhalten oder Aufsätze und Berichte etc., zu schreiben, kann man schon nach kurzen Recherchen mit Nein beantworten.
Wie wir als Evolutionspädagogen® wissen, ist die Schreibschrift mit ihren „Schlaufen“ ein ständiges Training zur Vernetzung der beiden Gehirnhälften über die Bewegung und somit unverzichtbar u. a. für die Unterstützung des sinnerfassenden Lesens. Weiters ist unser Gehirn für vieles, was es schon kennt, nicht mehr so stimulierbar. Kein handgeschriebener Buchstabe gleicht dem anderen im Detail und ist so für unser Gehirn ein ständiger „Arbeitsauftrag“. Tastaturbuchstaben langweilen auf Dauer und können somit bei der Förderung kognitiver Fähigkeiten nicht mithalten.
Anstatt ständig das Lesen zu üben (Leseförderung), wäre es genauso wichtig, die Schreibschrift zu üben. Dabei wird nämlich das Wort, durch die Handbewegung unterstützt, besser abgespeichert und beide Gehirnhälften werden verstärkt angeregt.
Dr Werner Kuhlmann von der Universität Wuppertal über die Bedeutung des Handschreibens aus der Sicht der Psychologie:
Handschreiben ist dem Tippen überlegen und hilft dabei, Neues zu erlernen und zu behalten.
Technisches Schreiben ist eine Zeigebewegung, die selbst kein Zeichen erzeugt. Das wird über den Umweg des Tastendrucks produziert. Technisches Schreiben koppelt also den Schreiber vom Verfertigen des Zeichens ab. Handschreiben hingegen ist ein motorischer Sprachakt. Der Schreiber erzeugt das Zeichen mit Hilfe von Bewegungen. Integriertes Üben von Lesen, Hören und Sprechen, festigt und erweitert das Begriffssystem und damit das Wissen über die Welt, das im Langzeitgedächtnis verankert ist. Handschreiben hilft also beim Erlernen neuer Inhalte.
Die Konstruktion der Lautfolge beim Sprechen bzw. der Buchstabenfolge beim Schreiben – wird besser aufgefasst und beherrscht, wenn sie mit Handschreiben erworben wurde.
Handschreiben unterstützt Rechtschreiben
Eine sichere Beherrschung des „Spelling“ – insbesondere im Sinne des Rechtschreibens – ist die Grundlage für sicheres und schnelles Schreiben und damit für eine höhere Qualität der erzeugten Texte.
Sicheres und schnelles (Recht)Schreiben mit der Hand entlastet Schreibende von der Überwachung des Schreibakts selbst, so dass mehr kognitive Kapazitäten für die Konstruktion des Textes genutzt werden können.
Forscher der Universität Montreal entdeckten bei Schreibschriftlernenden eine bessere Feinmotorik und größere Fähigkeiten in der Wort- und Textkonstruktion, als bei SchülerInnen, die in Druckschrift schreiben. Sie sagen weiters, dass das Erlernen und Praktizieren dieser Schrift wichtig für die Ausbildung kognitiver sowie koordinativer Fähigkeiten ist.
Die Studie von Pam Mueller (Princeton University) und Daniel Oppenheimer (University of California) "The pen is mighter than the keybord" beweist, dass Probanden, die sich zu einem Lernvideo handschriftliche Notizen gemacht haben, das Gezeigte später deutlich besser wiedergeben konnten, als diejenigen, die sich Notizen auf dem Laptop gemacht haben.
Der Kognitionswissenschaftler Jean-Luc Velay (Marseille) und Marieke Longcamp (Toulouse) haben Kindergartenkinder Buchstaben auf dem Papier nachfahren und auf einer Spezial-Tastatur tippen lassen. An die selbst geschriebenen Buchstaben erinnerten sie sich deutlich besser. Velay und Longcamp sprechen von der „plurimodalen Speicherung“ der Buchstaben im Gehirn und von „sensomotorischen Erinnerungen“. Sie konnten zeigen, dass es selbst bei Erwachsenen, die längst schreiben können, einen Unterschied macht, ob sie ein Zeichen aus einer ihnen fremden Schrift mit dem Stift auf ein Blatt Papier bannen oder ob sie es auf einer Tastatur eingeben.
Prof. Dr.Guido Nottbusch Universität Potsdam:
Das Schreiben mit der Hand bedeutet ja, dass ich mit meinen Fingern und dem Stift als Werkzeug die Form des Buchstabens nachvollziehe. Das ist eine schwierige motorische Tätigkeit. Die Form wird dabei nicht nur visuell erfasst, sondern eben auch durch die Hand. Beides zusammen ergibt die Vorstellung, die unser Gehirn vom Buchstaben bekommt. Die Handschrift trägt damit auch einen wesentlichen Teil zum Lesenlernen bei. Wenn die Bewegung wie auf einer Tastatur aber immer wieder dieselbe ist, liegt die motorische Seite beim Erkennen des Buchstaben brach. Wir erheben für unsere Forschung Daten auf Tablet-PCs und zeichnen auf, wie sich der Stift bewegt hat. Dabei haben wir herausgefunden, dass Kinder, die ein Problem mit der horizontalen Ausrichtung der Buchstaben haben, machmal zuerst versuchen, diese in der Luft zu schreiben, um herauszufinden, ob es beispielsweise beim Z erst von links nach rechts geht oder umgekehrt. Daran kann man sehen, wie wichtig dieser motorische Gedächtniseintrag ist.