24/07/2026
Wenn ein Hund seine Aufgabe loslassen darf – Teil 2
Smartie* hatte Verantwortung für beide übernommen.
Er hielt fremde Männer fern, verteidigte sich heftig gegen andere Rüden und lebte einen enormen Freiheitsdrang aus.
Um daran wirklich etwas verändern zu können, reichte es nicht, nur auf SEIN Verhalten zu schauen.
Wir mussten verstehen, WARUM Smartie glaubte, diese Aufgaben übernehmen zu müssen.
Martina* hatte in ihrer Kindheit emotionale und körperliche Gewalt sowie regelmäßige Beschämungen erlebt. Sie hatte gelernt, ihre Unsicherheit nach außen zu verbergen. Doch innerlich lehnte sie sich selbst in vielem ab.
In schwierigen Situationen reagierte sie deshalb manchmal aggressiv. Nicht, weil sie Smartie mit Härte oder Dominanz führen wollte. Ihre Aggression entstand aus der Unsicherheit und Selbstablehnung, die sie seit ihrer Kindheit in sich trug.
In unserer gemeinsamen Arbeit setzte sich Martina intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinander. Sie begann zu verstehen, woher ihre Unsicherheit kam – und dass sie längst nicht mehr das beschämte und machtlose Kind von damals war.
Sie hatte in ihrem Leben viel erreicht. Sie besaß Fähigkeiten, Kraft und Handlungsmöglichkeiten, die sie selbst lange nicht wirklich sehen konnte.
Je mehr Martina sich selbst verstand und annahm, desto weniger musste sie gegen sich kämpfen. Die reaktive Aggression wich zunehmend innerer Klarheit, Kraft und authentischer Selbstsicherheit.
Und noch etwas Entscheidendes wurde sichtbar:
In Smarties übergroßem Freiheitsdrang zeigte sich auch Martinas eigene, lange ungelebte Sehnsucht nach Freiheit.
Als Martina begann, sich diese Freiheit selbst zu nehmen und das Leben zu führen, das sie wirklich leben wollte, musste Smartie sie nicht mehr in derselben übersteigerten Form für beide ausleben.
Smartie hat bis heute einen großen Freiheitsdrang. Er ist auch noch immer derselbe stolze, präsente und würdevolle Hund. Und trotzdem läuft er heute fast überall ohne Leine, denn Martina kann ihn äußerst fein und subtil lenken – aus einer inneren Klarheit heraus, die Smartie versteht und der er vertrauen kann.
Dabei war Martina eines immer besonders wichtig: Smartie sollte weder seinen Stolz noch seine Würde verlieren. Und genau das musste er auch nicht.
Smartie musste nicht kleiner werden, damit Martina ihn führen konnte – Martina durfte innerlich größer werden.
Heute führen die beiden ein enges, erfülltes und glückliches Leben miteinander.
*) Die Namen wurden zum Schutz der Beteiligten geändert.