19/05/2026
Kognitive Kapitulation: Warum es sich lohnt, der maschinengemachten Mittelmässigkeit zu widerstehen.
KI breitet sich im Berufsalltag aus. Doch es ist eine Zumutung, von Menschen zu verlangen, ihr Denken auszulagern. Und der Preis dafür ist hoch.
19.05.2026, 05.30 Uhr, NZZ
Es gibt Entwicklungen, die verlangen nach neuen Worten. Gerade erleben wir eine. Es ist ein Gefühl entstanden, das noch keinen Namen hat.
Das gesuchte Wort beschreibt das Gefühl, das einen überkommt, wenn man einen Chatbot um eine Recherche gebeten hat und nun durch eine Antwort scrollt, mehrere Bildschirme lang. Es kann um eine Marktanalyse für ein neues Produkt gehen, Präzedenzfälle für eine Klage oder die Geschichte eines Unternehmens. Da sind viele Informationen und viele Quellen. Alles hört sich solide und plausibel an. Und doch, ganz im Detail mag man die Ausgabe des Bots nicht lesen. Weil man weiss: Teile davon sind wahrscheinlich falsch.
Jetzt gibt es zwei Optionen. Erstens: mit den Ergebnissen des Bots weiterfahren. Das ist so einfach, wie sich einen Schokokuss in den Mund stopfen, wenn man hungrig ist. Ratsam ist das natürlich nicht. Man sollte eigentlich zögern, die Fakten prüfen, überlegen, ob die Maschine ihren Auftrag überhaupt richtig interpretiert hat. Das wiederum ist so attraktiv, wie einen Schokokuss mit den Fingern auseinanderzuzupfen, um zu kontrollieren, ob er wohl keine Glassplitter enthält. Denn dass er vielleicht Glassplitter enthalten könnte, das steht im Kleingedruckten auf der Packung.
Noch fehlt das Wort für dieses Gefühl. Aber es greift um sich.
Ob Beraterinnen oder Anwälte, Journalistinnen oder Ärzte, Managerinnen oder Assistenten: Jeder ist heute dazu angehalten, künstliche Intelligenz (KI) zu nutzen, um schneller zu werden, produktiver. Wer Zweifel äussert, macht sich als Feind des Fortschritts verdächtig. Doch wenn man genau hinschaut, dann ist die Sache mit der Produktivität sehr viel weniger eindeutig, als allerseits verkündet wird.
Intelligenz soll käuflich sein wie Wasser oder Strom
Fachleute sind teuer. Im Westen verschwinden sie auch noch in die Pension, weniger kommen nach. Klar ist es attraktiv, wenn plötzlich Technologiefirmen Wissensarbeit im Abo-Modell verkaufen. Sam Altman sagte kürzlich auf einem Podium, Intelligenz werde in der Zukunft ein Gut sein wie Elektrizität oder Wasser. «Leute werden sie bei uns nach Verbrauch kaufen und für alles Mögliche nutzen.» Die Sprachmodelle und Chatbots seiner Firma Open AI stellen sie bereit.
Wer heute Menschen für ihre Fähigkeiten bezahlen muss, der horcht auf: Die Ressource Mensch braucht es nicht mehr? Fähigkeiten fliessen wie Wasser oder Strom aus den Datenzentren in die Firmen? Verlockend!
Doch das Versprechen geht nicht auf. Intelligenz fliesst nicht durch Datenkabel. Sie existiert nicht ohne Menschen rundherum. Und die Produktivität von Wissensarbeitern misst sich nicht in der Menge generierter Wörter.
Wer die KI befragt, beginnt immer wieder am Nullpunkt
Nehmen wir das Beispiel Recherche. Wenn ein Mensch einen Bericht zu einem Thema schreibt, muss er sich Fragen stellen, Gedanken machen. Er wird Berichte anderer Menschen lesen, deren Ansätze inspirierend finden oder sich daran reiben. Er kann nachschauen, wer die Autoren sind, woher ihre Sicht der Dinge kommen könnte. Er kann entscheiden, wem er vertraut und wem nicht. Der Bericht hat eine Entstehungsgeschichte und einen Absender.
Der Bericht einer KI hat all das nicht. Die Antworten kommen aus der Leere. Natürlich können interessante Punkte darin stecken, wenn der Chatbot auf passende Quellen gestossen ist. Er ist zwar rund formuliert – und gibt doch ein weniger abschliessendes Bild als die Lektüre eines Wikipedia-Artikels.
Ein KI-Bericht hat weder Absender noch Standpunkt. Fokus und Themenwahl kommen vom statistischen Mittel. Fragt man: «Hast du da nicht den wichtigen Aspekt XY vergessen?», heisst es: «Natürlich, entschuldige, hier nochmals neu.»
Es gibt durchaus viele sinnvolle Einsatzgebiete von KI: Von Programmen wie Alpha Fold, das durch maschinelles Lernen den Aufbau von Proteinen entschlüsselt hat, braucht gar nicht die Rede sein – diese Art von KI ist offensichtlich sinnvoll.
Aber auch generative KI, also die Alleskönner-Chatbots, um die sich der jetzige Hype dreht, können nützlich sein. Ein Dokument schnell zusammenfassen, interessante Informationen aus Datenmengen herausfiltern und einen ersten Überblick über eine Sachlage geben – das alles kann KI in Sekundenschnelle.
Auch beim Programmieren kann KI helfen. Vorausgesetzt, die Nutzer können Programmcodes schnell lesen und verstehen. Dann kann Kontrolle schneller sein als Selbermachen. Auch wenn man KI-gestützt Informationen aus Dokumenten zieht, geht das Überprüfen schnell.
Gerne spricht man auch von der Zeitersparnis durch eine automatische Beantwortung von E-Mails. Doch bereits das hat Haken. Klar, wer ungern formuliert, dem hilft KI. Was sie einem nicht abnimmt: das Lesen der E-Mails, das Einschätzen der Absender, die Entscheidung darüber, wie nun eine Frage beantwortet werden soll. Folgt man einer Einladung, oder sagt man ab?
E-Mails beantworten sieht repetitiv aus – aber das eigentlich Anstrengende daran sind die Entscheidungen, die damit verbunden sind.
Wenn wir über KI kommunizieren, geben wir Menschlichkeit auf
Im Treffen von Entscheidungen aber liegt der eigentliche Wert eines fähigen Mitarbeiters. Es geht um Urteilskraft – das, was uns als Individuen ausmacht. Wenn wir Urteilskraft auslagern, geben wir Macht ab. Und das ist auch ein ethisches Problem.
Am klarsten zeigt sich das bei KI-Anwendungen im Militär. Dort kommt KI zum Einsatz, um mögliche Ziele vorzuschlagen. Aber was macht eine Soldatin mit so einer Liste? Prüft sie jedes einzelne, verzichtet sie auf den Zeitvorteil, den die KI doch erst geschaffen hat. Ein passendes Ziel ist schwerer zu erkennen als ein guter Witz. Prüft sie die Ziele nicht genau, dann entscheidet die Maschine über Leben und Tod.
In den meisten Berufen sind die Folgen weniger drastisch. Und doch geben wir alle Macht auf, wenn wir KI nutzen. Wenn Menschen durch KI-geschriebene Mails kommunizieren, wenn KI Reden schreibt und Referate zusammenstellt, wenn ein Praktikant ein Recherchedossier zusammenstellt und der KI die Entscheidung überlässt, was die wichtigen Punkte bei einem Thema sind: Immer dann wird die Urteilskraft eines Menschen durch maschinengemachte Mittelmässigkeit ersetzt.
Wenn Menschen sich dagegen sträuben, Denkarbeit an KI auszulagern, im Sinne vage definierter Produktivität, liegt das nicht an Eitelkeit. Oft liegt es an der Frustration über mittelmässiges Halbwissen und an dem Gefühl, dass hier etwas Wichtiges verlorengeht.
Für dieses Gefühl braucht es ein Wort. Fragt man den Chatbot, schlägt er vor: «Faktenschleier-Fatigue», «Glaskonfekt-Gefühl» und «Prompt-Prüfschmerz». Die Suche geht also weiter. Wer Ideen hat, darf sich gerne melden. E-Mails werden garantiert von Menschen beantwortet.