09/09/2024
Geschichte der Farahi-Denkschule:
Viele Denker im 20. Jahrhundert haben die Notwendigkeit einer Reform in der religiösen Denkweise der Muslime gefordert. Ein wichtiger Name aus dem Subkontinent ist Allama Muhammad Iqbal. In seinen Vorlesungen, die er in 1930er Jahren in Hyderabad hielt, und die später als Buch mit dem Namen „Reconstruction of Religious Thought in Islam“ veröffentlicht wurden, unterstreicht er die Notwendigkeit einer Rekonstruktion des religiösen Denkens der Muslime. Er weist darauf hin, dass ein Teil des islamischen Rechts (Fiqh) nicht in völliger Freiheit sondern unter Druck der Könige entstanden war. Leider konnte er seine Gedanken nicht weiter konkretisieren, da er im Alter von 60 Jahren starb. Außerdem wurde er durch die Traditionalisten scharf kritisiert und von manchen sogar als Kafir erklärt (exkommuniziert). Fast zeitgleich zu ihm widmete Imam Hamiduddin Farahi sein Leben im Dienst des Koran und überlegte die Grundprinzipien der Exegese des Textes des Korans. Zum ersten Mal erkannte er als Prinzip, dass Koran sich selbst als Mizan (Waage) und Furqan (Maßstab) für die Unterscheidung zwischen dem Richtigen und Falschen präsentiert.
Er war sehr gewandert in der klassischen arabischen Literatur. Er erklärte in seinem Buch „Mufradat al Koran“ manche Begriffe des Korans, die historisch falsch verstanden wurden. Durch Anwendung seines Wissens in der klassischen arabischen Literatur konnte er eine Kohärenz zwischen den Versen des Korans (Nazm al Koran) erkennen. Diese Kohärenz nahm er als eines der Prinzipien zur Exegese des Korans. Er wies auch darauf hin, dass keine Quellen außerhalb des Korans (z.B. Hadithe) die Bedeutung des Korans bestimmen können. Koran wird deren Bedeutung bestimmen. Diese Prinzipien dienten im weiteren Verlauf der Geschichte als Durchbruch in der Entwicklung des islamischen Denkens. Er selbst starb mit 66 Jahren und konnte viele seiner angefangenen Werke, darunter auch die Exegese des Textes des Korans, nicht beenden.
Sein Schüler, Amin Ahsan Islahi (1904-1997) konnte aber ein ausführliches Tafsir (Exegese) des Korans in Urdu-Sprache mit dem Namen „Tadabbur-e-Quran“ unter Anwendung Farahi‘s Prinzipien schreiben. Die Arbeit von Anwendung dieser Prinzipien wurde in der dritten Generation durch einen Schüler von Islahi namens Javed Ahmed Ghamidi fortgesetzt. Ghamidi legte Prinzipien fürs Verstehen von Koran, Sunnah und Hadithe fest und wandte diese auf das gesamte religiöse Wissen an. Seine Ergebnisse veröffentlichte er in seinem Buch „Mizan“ (Ghamidi 2001). Die detaillierten Argumente für alle 10 Postulate des Counter-Narratives kann man in diesem Buch finden. Hier werden die 10 Postulate ohne detaillierte Diskussion nur zusammenfassend genannt.
Hintergrund des Durchbruchs im Verständnis des Koran:
Farahi war unzufrieden mit den Ansichten von den Orientalisten und einigen Gelehrten, dass Koran allgemein als eine Sammlung von distanzierten Versen ohne systematische Anordnung sei. Selbst Shah Wali-ullah ist der Meinung, dass der Koran eine Sammlung kleiner Passagen ohne erkennbare Verbindung ist; nicht ganz unzusammenhängend, sondern vielmehr eine Verschmelzung kleiner Gruppen von Versen. In seinem Buch „Al- Fauz Al-Kabeer“ erklärt er den Koran als königliche Reden oder königliche Dekrete, die zusammengetragen wurden. Ein Königlicher Erlass ist manchmal ein einziger Satz, ein Absatz und manchmal eine lange Rede. Farahi widmete die verbleibende Zeit seines Lebens der Madrasa-tul-Islah und entwickelte den alternativen Diskurs für die Exegese des Korans.
Kohärenz im Koran:
Der Begriff Kohärenz wird im Arabischen «Nazm» genannt. "Nazm" bedeutet buchstäblich Arrangieren, Ordnen und Sortieren der Dinge. (Amid, 2010 p: 1128 and Bandar Rigi, 1993: 592) Perlen, die regelmäßig auf Garn gezogen und nebeneinander angeordnet sind, werden "monazam" genannt. (Siehe Ibn Manzur, 1414 AH: Vol. 12, 578-579). Farahi reflektierte fast fünfzig Jahre über den Koran. Sein größter Beitrag zu seiner Studie ist seine Entdeckung der Kohärenz im Koran. Er war der Erste, der die wissenschaftliche Methode, Definitionen und Praktiken erläuterte, um mit dem klassischen Arabisch des Korans auseinanderzusetzen und verfasste ein Buch mit dem Titel "Dalayel al nezam" (Farahi, 2000: Publisher Introduction, 5-6).
Die Hauptmerkmale des „Nazm“ (Kohärenz) lassen sich wie folgt zusammenfassen:
I. Die Suren des Koran sind in sieben diskrete Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe hat ein eigenes Thema. Jede Gruppe beginnt mit einer oder mehreren mekkanischen Suren (Kapitel) und endet mit einer oder mehreren medinensischen Suren. In jeder Gruppe gehen die mekkanischen Suren immer den medinensischen voraus. Die Beziehung zwischen den mekkanischen und medinensischen Suren jeder Gruppe ist wie die der Wurzel eines Baumes und seiner Zweige.
II. In jeder Gruppe werden die verschiedenen Phasen der Mission des Propheten Muhammad dargestellt.
III. Zwei Suren jeder Gruppe bilden ein Paar, so dass jedes Mitglied des Paares das andere auf verschiedene Weise ergänzt. Sure Fatiha ist jedoch eine Ausnahme von diesem Muster: Diese Sure ist eine Einführung in dem gesamten Koran sowie in die erste Gruppe, die mit ihm beginnt.
IV. Jede Sure hat spezifische Adressaten und ein zentrales Thema, um das sich der Inhalt der Sure dreht. Jede Sure hat unterschiedliche Unterabschnitte, um thematische Verschiebungen zu markieren, jeder Unterabschnitt wird gegliedert, um kleinere Verschiebungen zu markieren.
Ergebnisse auf Islamverständnis nach einem Jahrhundert:
Die über ein hundert Jahre verteilte Forschung der Farahi Schule über Koran macht sich in folgenden Themen besonders erkennbar:
• Quellen des Islam
Islamische Lehre besteht aus Kitaab oder Schariah (Gesetz) und Hikmah (Weisheit). Die Quelle dieser Religion ist der Prophet Mohammad.
• Koran und Sunnah
Islam wurde der islamischen Gemeinschaft (Umma) vom Propheten durch den Konsens seiner Gefährten und durch ihre Praxis und ewige Rezitation in zwei Formen gegeben:
I. Koran: es ist das Buch, das dem Propheten offenbart wurde und das seine Gefährten durch ihren Konsens und durch ihre ewige Rezitation der Welt ohne die geringste Veränderung überlieferten.
II. Sunnah: durch Sunnah ist die traditionelle Praxis der Religion des Propheten Abraham gemeint, die der Prophet Muhammad unter seinen Anhängern als Religion nach der Wiederbelebung und Reformierung und nach bestimmten Ergänzungen eingeführte. Der Koran hat Muhammad angewiesen, der Religion Abrahams zu gehorchen. Diese Tradition ist ein Teil davon: Then we revealed to you to follow the religion of Abraham, who was truly devoted and was not among the polytheists. (16: 123) Sunnah besteht aus Anbetungsritualen, den sozialen Gebräuchen, Speisegeboten und den Gepflogenheiten & Etiketten.
Grundsätze des Verständnisses des Korans:
• Die letzte Autorität
Alles, was in der Religion akzeptiert wird, wird unter dem Licht dieser göttlichen Führung streng unter die Lupe genommen werden. Alle Glaubens- und Glaubensgrundlagen sollen direkt daraus abgeleitet werden. Jede Offenbarung, Inspiration, Forschung und Meinung wird dem Koran untergeordnet sein, und es wird anerkannt werden, dass selbst die Werke großer Juristen wie Imam Abu Hanifa und Imam Shafi, Gelehrte von Hadith wie „al- Bukhari“ und „Muslim“, Theologen wie Al Ashari und al Maturidi, Sufis wie Junaid und Shibli in der Waage dieses Mizan abgewogen werden müssen und nichts kann von ihnen akzeptiert werden, was nicht in Übereinstimmung mit Koran ist; It is God who has revealed with truth the Book(and this way) revealed His scale ( that distinguisches between good and evil),(17:46, Koran).( Ghamidi)
• Hadith und Koran
Die Farahi Denkschule meint, dass kein Hadith einen Koranvers aufhebt oder Koran begrenzt und so entsteht aus diesem Blickwinkel kein Zweifel auf den Status des Koran als der „Furqan“ und der „Mizan“. Wenn die Menschen nicht in der Lage sind, bestimmte stilistische Merkmale des Koran und den Hintergrund und die Perspektive bestimmter Verse zu verstehen, sind sie auch nicht in der Lage, die Worte des Propheten in Bezug auf diesen Bereich zu verstehen.
Anwendungsbeipiel:
Im Folgendem wird das obengenannte Prinzip durch Anwendung auf die Überlieferung bezüglich Apostasie verstanden:
"Wer seine Religion wechselt, den sollt Ihr töten". (Al-Bukhari, Al-Fath no.3017)
Diese Überlieferung zitieren die extremistischen Strömungen in ihren Argumenten, da sie von der Allgemeingültigkeit dieser Überlieferung für alle Muslime überzeugt sind. Wenn Farahi Schule das Anhand von Imam Farahi’s Prinzipien unter die Lupe des Korans bringt, wirde es klar, dass das Urteil, das in dieser Überlieferung ausgesprochen wird, eine spezifische Anwendung und keine Allgemeingültigkeit hat. Das Urteil ist nur auf Menschen beschränkt, die die direkten Adressanten des Propheten waren. Der Koran verwendet die Wörter „Mushrikén“ und „Ummiyyén“ für diese Leute. „Wer“ in dieser Überlieferung weist deshalb auf die direkten Adressanten des Gesandten. Kontext von „Itmam-mul-Hujja“ (Gesetz der Beweiserfüllung)
Das Grundthema des Korans, nach Ghamidi, ist eine Beschreibung des prophetischen Indhar(انذار) (Ermahnung) an sein Volk („Bani Ismael“ bzw. „Quraisch“). Prophet Muhammad gehörte zu einer bestimmten Kategorie der Propheten Gottes, die zu bestimmten Völkern als Gottes endgültiges Gericht über sie gesandt wurden. Der Koranische Begriff für solche Propheten ist Rasul (Plural: Rusul). Im Gegensatz zu einigen anderen Propheten, die als „Anbiya“(انبیاء) (Singular: Nabi) bezeichnet werden, deren Hauptzweck es ist, das Kommen eines Gesandten zu prophezeien. Das Volk eines „Rasul“ wird immer nach einem bestimmten Zeitraum mit göttlicher Strafe auf Verleugnung bestraft und mit einem besonderen Privileg in dieser Welt belohnt, wenn es seine Botschaft und die Autorität annimmt. Göttliches Gericht auf der Erde
Nach Itmam-mul-Hujja wird das göttlische Gericht auf dieser Erde auf eine der beiden Arten, je nach der Situation, errichtet. Im ersten Fall, nachdem Gesandter Gottes nicht in der Lage ist, politische Vorherrschaft in ihrem Territorium zu erreichen, wandern der Rasul und seine Gefährten aus. Und dann kommt die göttliche Strafe auf sein Volk in Form von wütenden Stürmen, Wirbelstürmen und anderen Katastrophen herab, die sie vollständig zerstören. Die Stämme von „Ad“(عاد) und Thamd (ثمود)und das Volk von Noah und Lot neben vielen anderen Völkern trafen auf dieses schreckliche Schicksal, wie es im Koran erwähnt wird. Im zweiten Fall sind ein Rasul und seine Gefährten in der Lage, politische Überlegenheit in einem Land zu erlangen, in dem sie nach dem Erreichen der "Itm'm al-h'ujjah) auf ihr Volk auswanderten. Dieser Fall findet in Koran im folgenden Vers Erwähnung: "When the forbidden months are over slay the idolators wherever you find them. Seize them, surround them and every where lie in ambush for them. But if they repent and establish regular prayers and pay zakat, then spare their lives. God is oft-forgiving and ever merciful." [9:5]
In diesem Fall führen Rasul und seine Gefährten die Strafe Gottes auf Ihr Volk aus. Deshalb ist der obengenannte Vers nur in Bezug auf die „Ummiyyeen“(اؐمیّین) oder die Menschen gedacht, die die direkten Adressanten des Propheten waren. Abgesehen von ihnen hat es keine Relevanz für andere Völker. Auch die Überlieferung über Apostaten sollte in Licht dieses Verses verstanden werden. Das Leben von Ummiyeen wurde durch Akzeptieren von Islam verschont. Die Überlieferung sagt nur, dass durch das Verlassen vom Islam die Gottesstrafe im obengenannten Vers zurückkehrt.